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Offener Brief eines deutschen Muslims an meine Brüder und Schwestern im Iran im Wahljahr 1400 (Teil 9: Wirtschaftssystem)

#1 von Yavuz Özoguz , 10.03.2021 09:56

Offener Brief eines deutschen Muslims an meine Brüder und Schwestern im Iran im Wahljahr 1400
(Teil 9: Wirtschaftssystem)

Liebe Brüder und Schwestern im Iran,

im neunten Teil meines Briefes an Euch erläutere ich einen Begriff, der in vorherigen Briefen bereits mehrfach erwähnt wurde: „Das Goldene Kalb.“ Das Goldene Kalb ist ein Symbol aller monotheistischer Religionen für die Götzenanbetung. Dabei geht es nicht um irgendeinen Götzen, sondern um den Götzen des Goldes, des Geldes des Kapitals und des gesamten Wirtschaftssystems. Im Teil 3 habe ich bereits erläutert, wie das Goldene Kalb Geld „erschafft“. In diesem Teil aber soll das Wirtschaftssystem der Westlichen Welt in der Gesamtheit betrachtet werden. Das System heißt „Kapitalismus“. Da dieser Begriff auch im Westen – zumindest in der Bevölkerung – nicht so gut ankommt, wird er immer wieder umschrieben mit anderen, schöner klingenden, Namen wie z.B. „soziale Marktwirtschaft“. Die Gegner des Wirtschaftssystems sprechen eher von Raubtierkapitalismus. Die Vertreter jenes Systems werden selbst in Deutschland mit Tieren verglichen. So gelten Bänker als Haie und Hedge-Fonds als Heuschrecken.



Wesentliches Merkmal jenes Systems ist, dass es Menschen verdinglicht und Dinge vergöttert. Der Mensch ist nur so viel Wert, wie er an materiellen Werten besitzt. Ein Mann soll nicht Versorger sein, außer Versorger seiner eigenen Triebe. Eine Frau soll nicht abgesichert versorgt sein und sich der Liebe im Heim und um die liebevolle Erziehung der Kinder kümmern können. Nein, sie soll selbst an der Kasse eines Supermarktes, als Krankenschwester, Pflegekraft oder als Putzfrau dem nimmer satten Wirtschaftssystem als billige Arbeitskraft zur Verfügung stehen. Sie soll „unabhängig“ sein, und dafür muss sie dazu verdienen. Tut sie das nicht, wird sie spätestens bei der Rente enorm benachteiligt, selbst wenn sie viele Kinder großgezogen und ein warmes gesundes Heim errichtet hat. Gleichzeitig müssen sich viele junge Frauen ausziehen, damit durch ihre „Anziehungskraft“ Waren und Güter verkauft werden können, die niemand benötigt. „Sex sells“ ist ein weit verbreiteter Werbespruch, der keinerlei Schamgefühl in der Gesellschaft mehr hervorruft. Die gleiche Gesellschaft, die sich über Sexismus aufregt, bezahlt unzählige Frauen dafür, dass sie das Ziel ein warmes Heim aufzubauen, aufgeben, um mit ihrem Körper Waren anzupreisen.

Es gibt weder Versorger noch Versorgte. Die Solidarität, die Kinder im gesunden Elternhaus genau so lernen, wie eine Arbeitsteilung und die gegenseitige Ergänzung der weiblichen und männlichen Attribute zu einer vervollkommneten Seele gibt es nicht mehr. Die Folge sind immer einsamer werdende Menschen und kaum noch Kinder. Die Folge sind rückgratlose Arbeitstiere, deren Lebensziele wiederum vom Kapitalismus vorgegeben werden. Das kurzfristige Ziel des im Kapitalismus eingebetteten Menschen ist sein Feierabend. Sein mittelfristiges Ziel ist das Wochenende und sein langfristiges Ziel der Jahresurlaub. Alle Ziele dienen der Zerstreuung und Ablenkung von der Arbeit, die benötigt wird, um die Zerstreuung finanzieren zu können. Bei allen Zielen soll er wiederum Geld ausgeben und dem Goldenen Kalb dienen.

Ich kenne keinen Text, der den Gegensatz zwischen dem Ideal des islamischen Wirtschaftens und dem Wirtschaften für das Goldene Kalb zeitgemäß besser beschreibt als die Verfassung der Islamischen Republik Iran. Schließlich heißt es in der Präambel Eurer Verfassung unter der Überschrift „Die Wirtschaft ist ein Mittel, aber kein Ziel“: „Bei der Festigung der ökonomischen Grundlagen geht es prinzipiell um die Befriedigung der Bedürfnisse des Menschen während seines Reife- und Entwicklungsprozesses, aber nicht, wie bei den anderen ökonomischen Systemen, um Zentralisierung und Akkumulation des Kapitals oder um Profitsucht, zumal die materialistischen Schulen die Wirtschaft als Selbstzweck betrachten, was auf dem Wege zur Entwicklung als Faktor der Zerstörung, Korruption und Verderbnis wirkt. Im Islam jedoch ist die Wirtschaft ein Mittel, und von einem Mittel erwartet man nur, zweckmäßig für das Erreichen eines Zieles zu sein. Aus dieser Sicht besteht das islamische Wirtschaftsprogramm darin, die geeigneten Grundlagen zur Entfaltung der unterschiedlichen menschlichen Kreativitäten zu bereiten. Der Islamische Staat hat infolgedessen die Aufgabe, für alle Bürger gleiche und angemessene Möglichkeiten zu sichern, Arbeit zu beschaffen und die notwendigen Bedürfnisse bei der Weiterführung des Entwicklungsprozesses zu befriedigen.“

Die Heiligkeit unserer Zeit Imam Chamenei – Gott schütze ihn – hat Euch mehrfach dazu aufgerufen, die Widerstandswirtschaft zu etablieren. Leider haben einige Eurer Politiker bisher diesen sehr oft wiederholten Aufruf noch nicht hinreichend ernst genommen. Dabei wäre solch eine Widerstandswirtschaft nicht nur die Befreiung Eurer Gesellschaften von den Zwängen der Sanktionen, die das Goldene Kalb Euch auferlegt hat. Es wäre auch eine Chance für uns Deutsche, dass wir uns befreien, denn die kapitalistische Wirtschaft durchdringt alle Bereiche unseres Lebens und zerstört unsere Gesellschaft. Wenn wir sehen würden, dass sich ein anderes Volk ernsthaft bemüht, ein alternatives Wirtschaftssystem aufzubauen, würden wir es möglicherweise versuchen, besser zu machen. Ihr habt – wenn auch nur erst einmal symbolisch – vor sehr vielen Jahren das Grundgehalt für alle eingeführt. Einige europäische Länder haben das testweise nachgeahmt, um unter dem Diktat des Goldenen Kalbes festzustellen, dass es nicht gut sei. Ihr habt in der Not der Sanktionen angefangen Dinge zu produzieren, die Ihr zuvor nicht produziert habt, und andere Länder sind Eurem Beispiel gefolgt. Vieles macht Ihr schon vorbildhaft, aber leider vermittelt Ihr das nicht nach außen, denn manche Eurer westaffinen Politiker erkennen nicht den Wert Eures Vorbildes. Dazu bringe ich Euch einige Beispiele aus unserem reichen Deutschland.

Eine der Glaubensgrundsätze des Kapitalismus ist „Privatisierung“, und zwar in allen Bereichen. Während es sicherlich Bereiche gibt, in denen Privatisierung sinnvoll ist – wie Ihr es ja auch versucht – gibt es andere Bereiche, die niemals privatisiert werden dürfen, weil die Privatisierung den Interessen der Bevölkerung schadet. Beispielsweise müsste eine ideale Wasserwirtschaft dafür Sorge tragen, dass immer weniger Wasser verbraucht wird. Eine privatisierte Wasserwirtschaft will aber immer mehr Wasser verkaufen. Das Gleiche gilt für die Energiewirtschaft. Eine ideale Gesundheitswirtschaft, die auf die Gesundheit der Bevölkerung ausgerichtet ist, wird versuchen, dass immer weniger Medikamente benötigt werden und die Krankenhäuser immer besser ausgestattet und immer komfortabler den Menschen dienen und auch mit vielen leerstehenden Betten bereit sein können. Ein privatisiertes Gesundheitswesen braucht immer krankere Menschen und derart wirtschaftlich optimierte Krankenhäuser, dass im Extremfall zu wenig Versorgung da ist und kein Medikament entwickelt wird, dass sich selbst unnötig macht. Ein privatisiertes Bahnwesen, will die Züge auslasten und hat keinerlei Reserven. Ein den Menschen dienendes Bahnwesen wird die Infrastruktur des Landes verbessern und auch Dörfer anfahren, die weniger „wirtschaftlich“ bedient werden können. Ähnliches gilt für das Postwesen und Flughäfen. Und am schlimmsten ist die Privatisierung der Banken! Es gibt zahlreiche Bereiche des Lebens, die man niemals privatisieren darf, weil sie nicht nur dem gesamten Volk gehören, sondern vor allem den Menschen dienen sollen, selbst wenn es „unwirtschaftlich“ ist.

Jetzt werden Ihr einwenden, dass z.B. unsere Krankenhäuser in Deutschland ja dennoch besser seien als Eure. Aber Ihr überseht dabei die Entwicklung. Eure Krankenhäuser sind in den letzten 40 Jahren sensationell weiterentwickelt worden, und das bei einer enorm wachenden Bevölkerung. Wenn Ihr so weiter macht, dann habt Ihr uns bald überholt. Unsere Krankenhausversorgung ist in den letzten 40 Jahren immer schlechter geworden, insbesondere in den letzten privatisierten Jahren, und das bei gleichbleibender Bevölkerung.

Ihr, liebe Iraner, habt noch viele Bereiche der Wirtschaft, die Euch gehören. Hört niemals auf Politiker, die dem westlichen Vorbild nachjagend alles privatisieren wollen. Hört auf Imam Chameneis Model der Widerstandswirtschaft, in dem es verschiedene Sektoren gibt, genossenschaftliche, private, volkseigene und staatliche Bereiche (die indirekt auch volkseigen sind). Wisst Ihr, dass wir in Deutschland selbst unser Trinkwasser zunehmend privatisiert haben? Eigentlich haben wir schon fast alles privatisiert außer der Atemluft. Wisst Ihr, dass in den USA – der westlichen Führungsnation – auch Gefängnisse und Teile der Armee privatisiert sind? Wollt Ihr wirklich so werden? Selbst wir Deutsche, die wir von klein auf in diesem System groß geworden sind, wollen das eigentlich nicht. Aber wir haben nicht die großen Persönlichkeiten, die uns aus unserer Gefangenschaft befreien könnten. Auch sind wir leider schon lange kein Volk mehr, das solche Persönlichkeiten an die Macht tragen würde. Unsere Politiker versinken im Sumpf der Korruption und bereichern sich sogar an der Corona-Krise, wie wir es in diesen Tagen erleben. Und der Kapitalismus fördert das, denn es gibt keine ernsthaften Strafen für wahre Diener der Kapitalismus. Gerade erst hat wieder eine Bank Insolvenz angemeldet. Auf der Bank lagerten Milliarden und Abermilliarden von zahlreichen Kommunen. Das Geld des Volkes ist jetzt „weg“. Ihr wundert Euch möglicherweise, wie Geld „weg“ sein kann? Das ist eine Besonderheit des Kapitalismus: Das Goldene Kalb kann Gelder „erschaffen“ und Gelder „töten“. Außerdem ist es nicht wirklich "weg", sondern es hat nur ein anderer.

Je mehr ein vernünftiger Mensch über unser Wirtschaftssystem nachdenkt, wird er zu dem Schluss kommen, dass nur Wahnsinnige sich so etwas ausgedacht haben können. Doch jenen Wahnsinnigen gibt es in dieser Welt seit Kain und Abel. Wir haben uns für Kain entschieden. Entscheidet Ihr Euch für Abel, damit wir eine Chance haben, von Kain wegzukommen.

Wieder aber sehe ich die Fragen in Euren Augen. Wie kann es sein, dass im Land der Dichter und Denker, solch ein Wahnsinn möglich ist? Gibt es denn keine Denker, die sich diesem Wahnsinn entgegenstellen? Doch, liebe Iraner, solche Denker haben wir schon seit über einem halben Jahrhundert. Wir haben sie, seitdem es die Bundesrepublik Deutschland gibt. Ein einziges Beispiel soll reichen, um stellvertretend für hunderte anderer Beispiele zu stehen. Der weltberühmte deutsche Sozialpsychologe Erich Fromm hat in seinem berühmtesten Werk „Die Kunst des Liebens“ im Jahr 1956 bereits geschrieben: „Das Prinzip, das der kapitalistischen Gesellschaft zugrunde liegt, und das Prinzip der Liebe sind in der Tat unvereinbar.“ Und wir haben auch heute noch viele Denker, die das bestätigen. Der Kapitalismus zerstört das, was das wertvollste einer Gesellschaft ist. Der Kapitalismus zerstört die Liebe!

In einer durch und durch kapitalistischen Gesellschaft bedeutet Liebe nichts anderes als „Finanzieren“. Die Liebe zu Kindern bedeutet ein Platz in der Kindertagesstätte, Liebe zu den Eltern ein Platz im Altersheim, Liebe zum Ehepartner bedeutet Sex vor der Ehe und Ehebruch danach. Liebe zu den Nachbarn bedeutet Grenzstreitigkeiten. Liebe zu Andersdenkenden bedeutet Ausgrenzung. Und während in der Gesellschaft jeder gegen jeden kämpft, Jung gegen Alt, Mann gegen Frau, Weiß gegen Schwarz, Schüler gegen Lehrer, Demonstrant gegen Polizei, E-Mobil-Fahrer gegen Diesel-Fahrer, Christ gegen Muslim, Migrant gegen Asylant, Deutschstämmiger gegen Eingebürgerter, usw. usf. lacht das Goldene Kalb und wird immer größer und mächtiger.

Wir Deutsche – und das schreibe ich voller Bedauern – sind derzeit nicht mehr in der Lage, uns aus diesem Gefängnis selbständig zu befreien. Weder haben wir ein hinreichend widerstandsfähiges Volk, das opferbereit für seine wahre Freiheit eintreten würde, noch haben wir hinreichend integre Führungspersönlichkeiten oder unterstützen diese ggf. auch nicht. Aber wenn wir sehen würden, wie ein anderes Volk sich befreit, wenn wir sehen würden, dass die USA keine Chance hat, Euch zu erniedrigen, dann könnte das auch Hoffnung in uns wecken. Genau das, liebe Iraner, ist eines der Hauptgründe, warum Ihr von den Vertretern des Goldenen Kalbes so erbarmungslos bekämpft werdet. Würde Ihr Versprechen, dass Eure Befreiungstheologie auf den Iran beschränkt bleibt und könnte das Golde Kalb sicher sein, dass andere Völker und Nationen nicht von Eurem Vorbild animiert werden, dann würden sofort alle Sanktionen aufgehoben und man würde Euch noch dazu reichlich beschenken. Es ist die Strahlkraft Eurer Befreiungstheologie, die lehrt, dass Liebe stärker ist als alles Käufliche. Eure Befreiungstheologie lehrt, dass die wichtigsten Werte im Leben ohne die Anbetung des Goldenen Kalbes erwerbbar sind. Und das würde der Götzenzerstörung gleichkommen, die einstmals in der Kaaba stattgefunden hat. Daher bitte ich Euch erneut: Bitte wählt die Führungskräfte, die nicht das westliche Modell des Kapitalismus anhimmeln – oder sogar von jenem System ausgezeichnet worden sind – sondern diejenigen, die die Widerstandswirtschaft Imam Chameneis nicht nur für den Iran, sondern für die ganze Welt als Befreiung sehen.

Mit Allahs Erlaubnis gibt es noch drei weitere Teile zu dieser Serie bis Teil 12. Sollte weiteres Interesse an ähnlichen Aktionen bestehen, könnt Ihr mir das privat schreiben unter: yavuz@muslim-markt.de

Siehe auch:
- Teil 1: Ihr wisst nicht, was hier geschieht
- Teil 2: Atomdemütigung
- Teil 3: Bankensystem
- Teil 4: Sogenannte freie Sexualität
- Teil 5: Unser materieller Reichtum
- Teil 6: Tributzahlungen und Irreführung der Jugend
- Teil 7: An der Seite der Unterdrücker oder der Unterdrückten
- Teil 8: Religion


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zuletzt bearbeitet 10.03.2021 | Top

RE: Offener Brief eines deutschen Muslims an meine Brüder und Schwestern im Iran im Wahljahr 1400 (Teil 9: Wirtschaftssystem)

#2 von Dr.Josef Haas , 10.03.2021 16:43

Überzeugend und eindrucksvoll haben Sie, lieber Herr Dr. Özoguz, das Weltwirtschaftssystem charakterisiert.
In diesem Zusammenhang freut es mich sehr, dass von Ihnen, wie auch schon in der Vergangenheit, der Kapitalismus
in all seiner Perversität und Unmenschlichkeit beim Namen genannt wurde. Dies unterscheidet Sie wohltuend von
den sogenannten "Muslimen" am Persischen Golf oder in Saudi-Arabien, welch diese widerliche Erscheinungsform
der Menschheit bekanntlich gleichsam "anbeten". Gleiches ist ja leider auch hierzulande der Fall, wo, wie richtig
dargestellt, oft genug der materielle Besitz das Bild eines Menschen in der Öffentlichkeit bestimmt.
Der Islam unterscheidet sich ja, zumindest in seiner Theorie, von derartigen Entartungserscheinungen, welche ihn damit
zugleich auch diametral vom Judentum abheben, wo Jahwe diesem seinem "Auserwählten Volk" den Weg zum Mammonismus,
also zu Geldgier und Geldherrschaft, gewiesen hat.
Es ist Ihnen für all die Arbeit an Ihren insgesamt zwölf Briefen, bestimmt für die Schwestern und Brüder im Iran, herzlichst zu
danken. Möge gerade auch dieser neunte dort seine positive Wirkung nicht verfehlen!

Dr.Josef Haas  
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