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Brief eines türkischstämmigen Menschen in Deutschland an Außenminister Gabriel

#1 von Yavuz Özoguz , 23.07.2017 12:45

Brief eines türkischstämmigen Menschen in Deutschland an Außenminister Gabriel

Sehr geehrter Herr Gabriel,

mit Datum 22.7.2017 haben Sie einen offenen Brief unter anderem an meine Wenigkeit verfasst [1]. Als praktizierender Muslim und integrierter Bürger fühle ich mich verpflichtet sowohl die islamische Höflichkeit als auch die deutsche Tugend aufrecht zu erhalten und antworte Ihnen daher im Folgenden. Da Sie sich im Namen der gesamten Bundesregierung an mich gewandt haben, gilt meine Antwort auch der gesamten Bundesregierung. Allerdings verfüge ich über kein Mandat von anderen, sondern antworte Ihnen als einzelne Privatperson.



Sie schreiben, dass ich die großen Schwierigkeiten spüren würde, denen unser Verhältnis zur Türkei derzeit ausgesetzt sei. Mir ist nicht ganz klar, wen Sie mit „unser“ meinen, denn mein Verhältnis zur Türkei ist vergleichsweise entspannt. Ich fliege 4–5 Mal im Jahr in die Türkei, sehe ein unabhängiges aufstrebendes Land, und war erst vor wenigen Wochen dort. Wie Sie an diesem Brief erkennen können, bin ich heil und gesund wieder nach Deutschland zurückgereist. So muss ich Ihr „unser“ daher als einen Ausschluss meiner Wenigkeit deuten, was mich nicht sehr erfreut, aber die Realität trifft. Denn zu der Politik, die Leute wie Sie vertreten, gehöre ich wirklich nicht! Auch glaube ich nicht, dass das „Verhältnis“ irgendwelchen Schwierigkeiten „ausgesetzt“ ist, wie Sie es sehr diplomatisch äußern. Vielmehr gehen die Schwierigkeiten auf konkrete Taten von Politikern zurück und ganz sicher nicht nur von türkischen Politikern.

Sie schreiben, dass meine Heimat in Deutschland liege. Ich finde es einerseits sehr freundlich von Ihnen, dass Sie mir meine Heimat zugestehen, andererseits erscheint es sehr befremdlich, dass meine Heimat von einem Regierungspolitiker definiert wird. Ich gehöre nicht zu denen, die auch die Türkei als ihre Heimat ansehen. Meine Heimat ist Deutschland. Aber ich reise sehr gerne in die Heimat meiner Vorfahren, in der ich als deutscher Muslim und meine den Islam praktizierende deutsche Ehefrau seit einigen Jahren viel ehrenvoller behandelt werden als in dem Land, das durch Ihre Politik in den letzten Jahren maßgeblich geprägt wurde.

Sie behaupten, dass die Freundschaft zwischen Deutschen und Türken ein großer Schatz sei und dass Sie sich auch immer für gute Beziehungen zur Türkei eingesetzt hätten. Da habe ich ganz andere Erfahrungen gemacht. Bei der völkerrechtlich zumindest überprüfenswerten Behauptung zum angeblichen Völkermord gegenüber Armenien haben Sie nicht das Votum einer unabhängigen Historikerkommission abwarten wollen, sondern eine Parlamentsentscheidung erzwungen, verhindern aber gleichzeitig jegliche Verurteilung der ethnischen Säuberung Palästinas. Bei der Frage der Kurden treten Sie für einen unabhängigen Kurdenstaat ein, beliefern entsprechende Gruppen sogar mit Waffen, wollen damit nicht nur die Türkei, sondern auch Syrien, Irak und Iran schwächen und erlauben seit zwei Jahrzehnten Unterstützern von kurdischen Terrororganisationen das ungehinderte Auftreten und das Verwenden der Symbole der Terrororganisation in Deutschland. Bis heute aber hat Ihre Regierung Palästina nicht anerkannt! Gleichzeitig setzen Sie sich in Syrien für einen Angriffskrieg ein, was Ihnen eine Strafanzeige meiner Wenigkeit mit mehreren Hundert anderen Bürgern zusammen eingebracht hat [2]. Dabei haben Sie die Türkei ermutigt die westlich-kapitalistischen Regime-Change-Phantasien in Syrien zu unterstützen, was der Türkei sehr geschadet hat. Als die Türkei jene völkerrechtswidrigen Bestrebungen nicht mehr mitgetragen hat, kam es zu einem Putschversuch in der Türkei. In der Putschnacht waren Russland und Iran die ersten beiden Regierungen, die sich an die Seite der demokratisch legitimierten türkischen Regierungen gestellt haben. Sie waren möglicherweise noch im Tiefschlaf, der sehr lange angehalten hat. Bei dem Putschversuch wurden mehrere hundert Zivilisten ermordet. Zwei Putschgeneräle haben Asyl in Deutschland beantragt. Selbst wenn ich Verständnis dafür aufbringen sollte, dass Sie die beiden nicht an die Türkei ausliefern wollen, verstehe ich nicht, warum keine Ermittlungsverfahren gegen zwei Menschen eröffnet worden sind, die des Massenmordes mitschuldig sind? In einer EU, in die Länder wie Rumänien und Bulgarien aufgenommen worden sind, wurde die Türkei stets hingehalten.

Ich kann nicht erkennen, dass Sie sich immer für gute Beziehungen zur Türkei eingesetzt hätten. Ganz im Gegenteil spricht die Sprache Ihrer Politik die Sprache von Demütigung, Unterdrückung und Machtgehabe von Menschen, die es nicht gewohnt sind, dass Vertreter alternativer Denkmodelle ihnen auf Augenhöhe begegnen.

Etwas irritiert bzw. ernüchtert bin ich durch Ihre Aussage, dass Sie sich immer für gute Beziehungen zur Türkei deshalb eingesetzt hätten, weil Sie wissen wollen, dass ein gutes Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei für mich wichtig sei. Ich danke Ihnen, dass Sie so sehr Rücksicht auf meine Wünsche diesbezüglich nehmen, vermute aber, dass Sie ansonsten keine guten Beziehungen zur Türkei anstreben würden, weil für Sie und Ihre Denkkategorien gute Beziehungen lediglich Beziehungen sind, von denen die Reichsten in Deutschland profitieren würden. Sie sind für mich die Verkörperung des Niedergangs des Sozialen in der Sozialdemokratie.

Dann behaupten Sie in Ihrem Brief an mich, dass unbescholtene deutsche Staatsbürger in der Türkei ins Gefängnis gesteckt werden. Bei allem Respekt für Ihr Wissen: Woher haben Sie die Gewissheit, dass jene Bürger keinerlei Straftaten in einem Land begangen haben, in dem der Ausnahmezustand herrscht? Wird es nicht Zeit, dass Sie einmal ihre hochdekorativen Kapitalistenschuhe ausziehen und die Welt einmal aus den Sandalen der Armen dieser Welt betrachten [3]? Ich maße mir nicht an über die Schuld oder Unschuld von Menschen zu urteilen, die ich nicht kenne. Doch viele Umstände der Festnahme lassen zumindest einen merkwürdigen Geschmack zurück. Obwohl hier offensichtlich jemand festgenommen worden ist, der nicht als Tourist in dieses Land gereist ist, haben Sie die Gelegenheit genutzt und Reisewarnungen gegenüber Touristen verschärft? Und das propagandistische Flaggschiff Ihrer Politik, die Bild-Zeitung, hat dann gleich die Festnahme von Urlaubern angedroht. Ist das verhältnismäßig? Vorgestern wurden in Jerusalem mehrere unschuldige Palästinenser erschossen, hunderte verletzt und Dutzende unbescholtene Bürger inhaftiert. Haben Sie deshalb auch die Reisewarnungen für deutsche Urlauber nach Israel verschärft? Oder richtete sich Ihre Politik ausschließlich gegen die Befreiungstheologie des Islam?

Sie schreiben, dass Sie als deutsche Bundesregierung nicht tatenlos zusehen können und unsere Staatsbürger schützen müssen. Merkwürdigerweise finde ich auf Ihren Seiten deutliche Hinweise darauf, dass Sie deutsche Staatsbürger, die nach Palästina reisen wollen, nicht schützen können und wollen, wenn sie gleichzeitig Palästinenser sind [4]. Das israelische Parlament hat am 6. März 2017 ein Gesetz verabschiedet, wonach nicht-israelischen Staatsangehörigen die Einreise nach Israel grundsätzlich verweigert wird, wenn sie öffentlich und wissentlich zum Boykott von Israel aufgerufen oder sich verpflichtet haben, sich an einem solchen Boykott zu beteiligen. Dagegen haben Sie offensichtlich keinerlei Einwände, selbst wenn es deutsche Staatsbürger betrifft! Wenn aber die türkische Regierung im Ausnahmezustand einen Deutschen festnimmt, der ganz offensichtlich als Tourist nicht für touristische Zwecke eingereist ist, ergeben Sie sich dem Druck der Springer-Presse, die gleichzeitig in der Türkei über die Hürriyet die Türken gegen Deutschland aufhetzt [5].

Sie wollen also aus den von Ihnen genannten Gründen die Politik der Bundesregierung gegenüber der türkischen Politik ändern, die Zusammenarbeit und vor allem die wirtschaftlichen Hilfen für die Türkei auf den Prüfstand stellen und auch in Europa für eine klare Haltung eintreten. Das klingt so, als wenn nur die Türkei von den Beziehungen profitieren würde und Deutschland als großzügiger Spender den hilfsbedürftigen Türken zur Seite stehe aus menschlichen Erwägungen heraus. Genau diese arrogante Politik von hochnäsigen Politikern ist mir derart zuwider, dass ich Ihre Ankündigung geradezu begrüße, befürchte aber, dass Sie sie nicht in die Tat umsetzen werden. Die Türkei braucht Deutschland genau so wenig, wie Russland, China, Iran oder andere aufstrebende Länder Deutschland brauchen. Jene Länder bilden neue Verbünde und bauen Handelsbeziehungen auf Augenhöhe auf. Als Deutscher schmerzt es mich mitzuerleben, wie Deutschland immer weiter an der Seite der größten Verbrecherstaaten unserer Zeit die Gelegenheit zu seiner eigenen Unabhängigkeit ungenutzt lässt.

Zum Ende des Briefes weisen Sie darauf hin, dass ich wissen soll, dass nichts von Ihren Maßnahmen sich gegen die Menschen in der Türkei und unsere Mitbürger mit türkischen Wurzeln in Deutschland richten würde. Sie werden sicherlich Verständnis dafür haben, dass ich – und nicht nur ich – in einer pluralistischen Gesellschaft Ihnen diese Aussage nicht glauben kann, weil Sie Ihren Taten widerspricht. Alle Ihre Maßnahmen dienen zum Erhalt des verbrecherischen westlich-kapitalistischen Systems. Sie dienen ihren Rekordwaffenverkäufen, auch an Saudi-Arabien, sie dienen den Reichen, damit sie immer reicher werden, und sie dienen vor allem der Hoffnung Ihres eigenen Machterhalts. Aber in diesem Punkt unterschätzen Sie ihre eigenen türkischstämmigen Mitbürger, die politisch nicht so leicht beeinflussbar sind durch die Medienlandschaft, der Sie sich verpflichtet fühlen. Ihnen ist es gelungen die SPD für türkischstämmige Bürger unwählbar zu machen. Alle Achtung! Das hat vor Ihnen noch kein Sozialdemokrat geschafft.

Sie schließen mit dem Hinweis, dass türkischstämmige Menschen in Deutschland zu Ihnen gehören würden. Mir ist nicht ganz klar, wen Sie mit dem von Ihnen erneut verwendeten „uns“ meinen. Wenn Sie damit die Bürger in Deutschland oder gar Deutsche meinen, dann stimmt es, dass ich nicht nur Deutscher bin, sondern mich auch als solcher betrachte und fühle. Deutschland ist meine Heimat. Aber dafür benötige ich nicht Ihre Bestätigung. Wenn Sie hingegen mit „uns“ eine Politikvertretung meinen, die Deutschland an der Seite der reichsten Reichen dieser Welt zu einer Ausbeuternation umgewandelt hat, die an so vielen Kriegen mitbeteiligt ist wie nie zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg und die so viele Waffen an so viele Mörder verteilt (teils verschenkt) wie nie zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg, so distanziere ich mich ausdrücklich von Ihrem „uns“.

Sie grüßen mich herzlich und ich grüße Sie mit dem Wunsch, dass wahre Menschlichkeit in Ihr Herz einziehen möge.

Dr. Yavuz Özoguz, einfacher Bundesbürger

PS: Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass ich nachweislich kein Anhänger der Politik Erdogans bin, doch Ihre Politik zwingt Leute wie mich dazu die aktuelle türkische Politik gegen die Herrenmenschenbestrebungen der Westlichen Welt zu verteidigen.

[1] http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Infose...hen_in_DEU.html
[2] http://www.delfrieden.de/
[3] Deutschland, ziehe endlich Deine Schuhe aus um die Quelle des Unfriedens zu erkennen!
[4] https://www.auswaertiges-amt.de/DE/Laend...Sicherheit.html
[5] Warum nimmt die Türkei angeblich unschuldige Deutsche fest?


Yavuz Özoguz  
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zuletzt bearbeitet 26.07.2017 | Top

   

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