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Ist das Gedenken an Imam Husain geeignet für Deutschland?

#1 von Yavuz Özoguz , 05.11.2013 10:23

Ist das Gedenken an Imam Husain geeignet für Deutschland?

Das neue islamische Mondjahr 1435 fängt wie jedes Jahr im Gedenken an das Martyrium Imam Husains in Kerbela am Tag von Aschura vor fast 14 Jahrhunderten statt. Aber was hat das mit Deutschland zu tun?

Der 10. Tag im ersten Monat namens Muharram im islamischen Mondkalender wird Aschura genannt (arabisch abgeleitet von „Zehnter“). An diesem Tag hat der Fürst der Märtyrer Imam Husain, der Enkel des Propheten des Islam, sich mit wenigen Dutzend Getreuen in der Ebene von Kerbela (heutiges Irak) einem Heer von mehreren Zahntausend bis an die Zähne bewaffneten Soldaten des damaligen Kalifen Yazid gestellt, um mit der Wahrheitsflagge des Islam der Missbrauchsflagge der Unterdrückung der Palastherrschaft einer Erbmonarchie entgegen zu treten. Unter Imam Husains Getreuen waren Frauen, Kindern, Alte und Kranke. Sie wurden vor die Wahl gestellt entweder dem Kalifen Yazid, dem verkommenen Sohn von Muawiya zu huldigen oder aber getötet zu werden. Sie entschlossen sich lieber in Würde zu sterben als in Schande zu leben. Das Massaker, das daraufhin am Tag von Aschura in der Ebene von Kerbela erfolgte, war ein derart einschneidendes Ereignis in der Geschichte des Islam, dass es epochale Auswirkungen haben sollte. Die Islamische Revolution im Iran vor über drei Jahrzehnten wäre ohne das gedenken an Aschura undenkbar. Ohne dieses Ereignis wäre der Befreiungscharakter des Islam, die Befreiungstheologie der Wahrheit für immer verloren gewesen. Aschura stellt das ewige Symbol für den Kampf der Wahrheit gegen die Falschheit, für den Aufstand der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker dar und lässt alle Unterdrücker aller Zeiten in Angst und Schrecken geraten, wenn an diesen Tag gedacht wird. Daher lautet eine der wichtigsten Parolen der Erinnerung: „Jeder Tag ist Aschura, jeder Ort ist Kerbela“. Die überlebende großartige Zainab, Schwester von Imam Husain und Enkelin des Propheten hat die Botschaft von Aschura in die Welt getragen. Daher lautet eine weitere Parole des Tages: „Leben wie Zainab und Sterben wie Imam Husain“.

Die Herrschaftseliten, die die Erinnerung an diesen Tag stets gefürchtet haben, haben sich vielfältige Taktiken einfallen lassen, um davon abzulenken. Die Herrschaft der machthungrigen Kalifen hat den Tag ganz einfach umgewidmet zum Befreiungstag Mose, als er durchs geteilte Meer wanderte, oder zum Befreiungstag Noahs, als seine Arche strandete und einiges mehr. Sogar einige Riten und Bräuche wurden eingeführt, um von dem eigentlichen Ereignis abzulenken. So wird am zehnten Tag des Monats Muharram z.B. in der Türkei eine Speise gereicht (in Erinnerung an Noah), die tatsächlich „Aschure“ heißt. Bis zum Sieg der Islamischen Revolution im Iran wussten die allermeisten Sunniten überhaupt nicht, was an dem Tag wirklich geschehen ist.

Doch nicht alle Muslime waren mit dieser Taktik zu „beruhigen“. Einige hielten die Erinnerung trotz aller Widerstände aufrecht. Jenen wurde eingebläut – über Jahrzehnte hinweg – die Trauer müsste so intensiv sein, dass man sich selbst blutig schlage. Es wurden sogar Instrumente erfunden, mit denen man sich blutig schlagen kann. Die ganze Geschichte wurde zu einer einzigen Blutorgie ausgeweitet, eine extreme Selbstgeißelung, weil man nicht dabei sein konnte, um Imam Husain zu retten. So lange jene Anhänger sich nur selbst blutig geschlagen haben und gleichzeitig den Herrscher in Ruhe ließen, so lange wurden jene Riten nicht nur gefördert sondern im Laufe der Jahre immer brutaler. Die brutalsten Selbstgeißelungen fanden ihre Anhänger nicht zufällig an den Orten, an denen die größte Unterdrückung durch Gewaltherrscher (oder die Mehrheitsgesellschaft) herrschte wie z.B. in Pakistan oder dem ehemaligen Irak unter Saddam.

Es gibt erfahrungsgemäß eine Korrelation zwischen dem Rausch der Blutorgie und dem wahren aufrichtigen Widerstand gegen Unrecht in der Welt. Diejenigen, die sich am blutigsten schlagen und für jene fürchterlichen menschenverachtenden Szenen sorgen, die Mittels Internet weltweit verbreitet werden, sind gleichzeitig diejenigen, die sich am wenigsten für die wahren sozialen Belange der Menschen einsetzen. Sie sind diejenigen, die sich kaum für die Befreiung der Menschen heute, für Gerechtigkeit und Wahrheit über das ganze Jahr hinweg einsetzen. Ihr Blutrausch ist ein Rausch ähnlich einem Drogenrausch. Er versetzt sie ein eine Art Ekstase, bei dem sie den natürlichen Schmerz einer Verletzung nicht spüren. Sind die Riten der Tage beendet, sind sie wieder die gleichen Duckmäuser, die sie das ganze Jahr über waren. Sie zelebrieren nicht die Befreiungstheologie des Islam, sondern das Herumspritzen von Unreinheit. Die größten Gelehrten der Schia haben das stets verdammt, die Heiligkeit unserer Zeit Imam Chamene’i hat das verboten! Aber diese Menschen halten sich an keine Heiligkeit, sie fällen nicht ihr Urteil auf Basis von Vernunft und Liebe. Sie fällen ihr Urteil auf Basis von einem Drogenrausch und suchen sich dann Gelehrte, die ihre eigene Meinung unterstützten. Doch Pharisäer hat es auch im Islam stets gegeben. Es gibt kein einziges Argument, dass diese Menschen zur Vernunft bringen könnte. Selbst wenn ihnen zweifelsfrei bewiesen wird, dass es nach Imam Husain nach ihrem eigenen Verständnis immerhin noch neun weitere fehlerfreie Imame gegeben hat, von denen kein einziger sich jemals blutig geschlagen hat, finden sie Rechtfertigungen, es dennoch zu tun. Danach gehen sie nach hause, um sich kaum ein Stück für die heutigen Belange der Menschen einzusetzen.

Der Befreiungscharakter jener Erinnerung musste durch Unterdrücker also mit allen Mitteln verhindert werden, bei den einen durch Vergessen und Ablenkung, bei den anderen durch exzessive Übertreibung. Wie gefährlich jene Erinnerung sein kann, kann allein an dem Aufstand von Mahatma Gandhi in Indien ersehen werden, der Imam Husain zum Vorbild genommen hatte und mehrfach darauf hingewiesen hat, dass sein Land viel früher befreit worden wäre, hätten die Inder Aschura verstanden. Der Hindu Gandhi rief zur Erinnerung an Imam Husain auf, während viele Muslime zu seiner Zeit keine Ahnung davon hatten. Das war sicherlich eines der Gründe für die britischen Besatzer, das Land zu spalten (teile und herrsche). Noch heute ist im mehrheitlich hinduistischen Indien Aschura ein gesetzlicher Trauertag, während er z.B. in der mehrheitlich muslimischen Türkei kein staatlicher Trauertag ist.

Wenn wir – als Anhänger Imam Husains – in Deutschland rufen: „Jeder Tag ist Aschura, jeder ort ist Kerbela“, dann sollten wir uns einmal über die Konsequenzen dieser Aussage nachdenken, um nicht Heuchler zu werden! Denn die Aussage „Jeder Tag ist Aschura, jeder ort ist Kerbela“ bedeutet für uns, dass auch Deutschland wie Kerbela ist und unsere heutige Zeit wie Aschura. Ist uns das bewusst?

Vor wenigen Tagen haben die USA die Nachricht von sich gegeben, dass sie die Atomwaffen in Deutschland „modernisieren“ wollen, Atomwaffen, die die absolute Mehrheit der Deutschen gar nicht im Land haben wollen. Was haben wir Anhänger von Imam Husain dazu zu sagen? Haben wir uns dazu geäußert? In Deutschland tobt jetzt seit Wochen eine Debatte darüber, dass der „große Bruder“ USA eventuell doch nicht besonders brüderlich handelt, sondern ein Unterdrückersystem sein könnte. Die Springerpresse hält mit allen ihren journalistischen Geschützen dagegen und versucht für den US-Zionismus zu retten, was zu retten ist. Was haben wir Anhänger von Imam Husain dazu zu sagen? Haben wir uns auf die Seite der Gesellschaft gestellt, die erste Ansätze zur Befreiung und Souveränität zeigt? Oder schweigen wir? In Deutschland werden seit Jahrzehnten die Reichen immer reicher und die Armen immer Ärmer. Was würde Imam Husain dazu sagen, was würde Zaynab dazu sagen und was sagen wir dazu? Das aktuelle Finanzsystem ist ein verbrecherisches Finanzsystem, das für Millionen von Hungertoten in der Welt mitverantwortlich ist. Haben wir uns jemals im Jahr damit befasst und zumindest unsere Stimme erhoben? Wenn wir nicht einmal dazu in der Lage sind, haben wir wenigstens für die vielen an Hunger und Durst sterbenden Toten gebetet und für die Befreiung ihrer Hinterbliebenen Tränen vergossen? In Pakistan werden tagtäglich durch US-Drohnenagriffe unschuldige Menschen ermordet. Ein Teil dieser Angriffe soll von deutschem Boden aus gelenkt werden. Haben wir uns jemals gegen dieses Unrecht mit unserer Stimme erhoben? Im Irak sterben jeden Tag Menschen durch Autobomben, die von Verbrechern gelegt werden während kaum noch jemand davon spricht, dass viel mehr Menschen noch heute an den Urangeschossen der USA leiden und missgebildet werden. Sie wurden über Deutschland dorthin transportiert. Wo ist unser gerechter und erlaubter Einsatz dagegen? Palästina ist seit über einen halben Jahrhundert besetzt und die Menschen leben im größten Gefängnis der Welt. Zudem befinden sich 10.000 Palästinenser in Lagern. Jedes Jahr werden Hunderte Palästinenser von den Zionisten ermordet, von Zionisten, die von Deutschland uneingeschränkt unterstützt werden. Haben wir uns damit abgefunden?

Möglicherweise wird jetzt der eine oder andere denken, dass das eine „zu große“, „zu entfernte“ Politik ist, die er nicht versteht. Aber wie ist es mit dem Obdachlosen in seinem Bahnhof? Versteht er den auch nicht? Wie ist es mit den immer größer werdenden Tafeln in allen Großstädten Deutschlands? Hat er auch davon nie gehört? Und wie ist es mit dem Alkoholabhängigen, dem auf die schiefe Bahn Geratenen? Lebt er in einer Parallelgesellschaft? Hat er versucht Scheidungen zu verhindern, Ehen zu kitten, Kinderprobleme lösen zu helfen usw. usf..?

Aschura ist eine jährlich wiederkehrende Gelegenheit für uns alle, aus unserem Lebenstrott auszubrechen und wieder zu unserer menschlichen Natur zurück zu finden. Wir sind erschaffen, um Gott zu dienen, Der unseres Dienstes nicht bedarf! Der größte Gottesdienst ist die Nächstenliebe, eine Nächstenliebe, welche die Liebe weitergibt, für die uns Gott erschaffen hat. Zu Aschura quellen alle schiitischen Moscheen auch in Deutschland über. Selbst Menschen, die das ganze Jahr über nie die Moschee von Innen gesehen haben, folgen der Einladung Imam Husains. Diese Gelegenheit müssen wir nutzen, um uns für die Wahrheit einzusetzen. Aber dabei dürfen wir eines nicht vergessen! Das Gedenken an Imam Husain ist keine orientalische oder indische Angelegenheit. Es ist eine Angelegenheit für die ganze Welt. Daher müssen wir als deutsche Muslime die Geschichte auch in deutscher Sprache herüberbringen. Unsere Trauergesänge müssen derart sein, dass sie die deutsche Bevölkerung erreichen können. Wir müssen derart agieren, dass die Einladung Imam Husains auch die Christen in Deutschland erreichen kann. Warum erzählen wir nicht die Geschichte von dem ehemaligen Christen, der zu Imam Husain überlief, während Tausende von Muslimen ihn bekämpft haben? Und warum verbinden wir das nicht mit der Information, dass auch heute die Oberhäupter der Christen in Syrien und Libanon sich liebevoll mit der Hizbollah verbünden, während die Köpfe des Westlichen Imperialismus die Hizbollah vernichten wollen. Es wird langsam aber sicher Zeit, dass wir die Geschichte von Aschura in jeder Hinsicht ins Deutsche „übersetzen“, auch mit neuen originellen Aktionen im Rahmen des Erlaubten!

Und damit sind wir wieder beim unsäglichen Ritus des Blutigschlagens. Imam Husain ist Märtyrer geworden, um andere zu retten, um den Islam zu retten. Die Szenerie bewahrte ihre Schönheit bis heute, weil es ein Gottesdienst war, der für die Anderen erfolgte. Keiner der Anhänger Imam Husains hat seinen Einsatz für sich vollzogen. Es war ein Einsatz für die Heiligkeit Imam Husains, um dadurch dem Propheten näher zu kommen, um dadurch Gottes Liebe zu erfahren. Es war ein Einsatz für andere! Und nur so konnten gutherzige Menschen, darunter auch Christen, diese Schönheit erkennen. Das Blutigschlagen von einigen Unbelehrbaren heute ist kein Einsatz für andere. Niemand schlägt sich blutig, um andere zu Imam Husain einzuladen. Niemand kann behupten, seine Selbstgeißelung würde irgendjemanden in dieser Welt dienlich sein. Und jenes Theater als Gottesdienst zu bezeichnen ist geradezu absurd. Was soll Gott mit all dem unreinen Blut, und was sollen andere Menschen damit? Es ist eine Orgie des „Ich“, mit der keine Läuterung stattfindet, sondern die Rechtfertigung für ein weiteres Jahr der Apathie.

Wer Aschura leben will, wer zu Imam Husain sagen will, dass er dazugehören möchte, der muss auf dem Weg Imam Husains agieren, sein Ich überwinden und sich in die Reihen der Heiligkeit unserer Zeit einordnen. Er muss nicht demjenigen folgen, der sein „Ich“ bestärkt, sondern demjenigen, der die Flagge Imam Husains in der heutigen Welt am glaubhaftesten und ehrenvollsten für die gesamte Menschheit hochhält. Und das ist die Heiligkeit unserer Zeit Imam Chamene’i. Die wahren Anhänger Imam Husains müssen in dieser Gesellschaft zu denjenigen gehören, die die Achtung und den Respekt aller Anständigen auf sich ziehen und die Feindschaft der Mächtigen und Unterdrücker. Nur so ist ein wahrer Einsatz für Imam Husain möglich. Imam Husain ist auch für nichtmuslimische Deutsche Märtyrer geworden, damit alle Unterdrückten dieser Welt befreit werden können, auch diejenigen, die in einem scheinbar materiell reichen Umfeld ihre eigenen Seelen unterdrücken.

Die Anhänger Imam Husains sind aufgerufen, die Botschaft von Aschura aus Kerbela in die ganze Welt zu tragen, auch nach Deutschland.

Friede sei mit dir, Oh Erbe Adams, der Auserwählte Allahs
Friede sei mit dir, Oh Erbe Jesu, der Geist Allahs
Friede sei mit dir, Oh Erbe Muhammads, der Meistgeliebte Allahs
Friede sei mit dir, Oh Erbe Alis, der Fürst der Gläubigen und der eingesetzte Führer Allahs
Friede sei mit dir, Oh Sohn Fatimas, die Herrin der Frauen der Welten


(Auszug aus der Audienz der Erben)


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zuletzt bearbeitet 05.11.2013 | Top

   

Ein toter Islam ist Schuld an Aschura – auch heute noch!
Bespitzelung...? Das machen doch alle!!

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