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Warum ich am Sonntag die Linke wählen werde

#1 von Yavuz Özoguz , 17.01.2013 15:32

Warum ich am Sonntag die Linke wählen werde

Eigentlich ist das Wahlverhalten in Deutschland zumeist ein Geheimnis. Aber da mich so viele Geschwister gefragt haben und ich meine Meinung nicht ohne Erklärung abgeben kann, will ich es hier öffentlich tun.

Zunächst einmal glaube ich, dass wir deutschen Muslime eine zunehmend wichtigere Rolle in diesem Land spielen und auch Verantwortung für dieses unser Land übernehmen müssen. Daher kommt für mich eine Wahlenthaltung (bzw. Nichtteilnahme) gar nicht in Frage! Muslime, die behaupten, dass ich durch die Teilnahme an den Wahlen das ungerechte System stützen würde, sollen einmal erklären, wie sie durch Nichtteilnahme das System weniger stützen! Denn die „Stimme“ des Nichtwählers wird zu gleichen Anteilen an genau jene „verteilt“, wie die teilnehmenden Wähler gewählt haben. Nehmen wir also an, dass z.B. die CDU 40% der Stimmen bekommt, dann hat JEDER NICHTWÄHLER gemäß dem Wahlsystem genau jene CDU mit 40% mitgewählt. Die Nichtteilnahme unterstützt das etablierte System viel mehr als die Teilnahme an den Wahlen! Und selbst wenn ein Muslim aus prinzipiellen Erwägungen Bauchschmerzen bei der Teilnahme haben sollte, so gilt im Islam grundsätzlich auch das Prinzip des geringeren Übels, wenn man nur die Wahl zwischen zwei Übeln hat, und in diesem Fall wäre die Nichtteilnahme das größere Übel, da es die bisherige Ungerechtigkeit mehr stützt.

Ich selbst nehme aber an den Wahlen teil, weil ich der Meinung bin, dass der mündige Bürger selbst mitverantwortlich dafür ist, welche Volksvertreter ihn vertreten. Und als Muslim darf ich niemanden etwas aufzwingen, wenn eine Mehrheit eines Volkes eine andere Auffassung vertritt, das lehren uns der Prophet und die Imame!

Zugegeben, wir haben hier wenig Gelegenheit zum mündigen Bürger, denn die Medien sind in der Hand eines kapitalistischen Systems, dass die Menschen verdinglicht und Dinge vergöttert und das tagtäglich den Lesern eindrischt! Aber niemand ist verpflichtet die Bildzeitung zu lesen! Wir haben öffentlich-rechtliche Sender, die ihre „Nachrichten“ von den privaten Nachrichtenagenturen beziehen, die wiederum Kapitalismusinteressen verfolgen, und sie werden somit ebenfalls zu Propagandaorganen des Imperialismus und der Kriegstreiberei, aber niemand ist verpflichtet, jene Nachrichten zu glauben. Inzwischen gibt es durchaus die Möglichkeit im Internet sich über alternative Wege vernünftig zu informieren, wenn man nach Wahrheit sucht! Und so lange ein Volk die Wahrheit nicht sucht, so lange hat es auch nicht verdient, wahrhaftig vertreten bzw. regiert zu werden.

Bei der Wahl einer Partei sei erwähnt, dass ich KEINER Partei verpflichtet bin und bei zurückliegenden Wahlen mindestens vier verschiedene Parteien gewählt habe, je nach Situation. Dabei sei erwähnt, dass z.B. bei Kommunalwahlen ganz andere Aspekte (meist kennt man die bevorzugten Kandidaten persönlich) eine Rolle spielen, als die „große“ Parteipolitik. Und Landtagswahlen haben einen anderen Charakter als Bundestagswahlen. Zudem haben Muslime einige andere Fragestellungen als die Mehrheitsgesellschaft (z.B. wer setzt sich gegen die Diskriminierung der Frauen mit Kopftuch ein). Dennoch habe ich mich auf das Wagnis eingelassen und den Wahl-o-Maten für die bevorstehende Niedersachsenwahl befragt.

http://www1.wahl-o-mat.de/niedersachsen2013/

Das Ergebnis war, dass mit Abstand das „Bündnis 21/RRP“ (ehemalige Rentnerpartei) meinen Vorstellungen am nächsten kommt. Danach waren die SPD, DIE FREIHEIT Niedersachsen, CDU, DIE LINKE, GRÜNE und PIRATEN auf meiner Ergebnisliste. Das Schlusslicht bildete mit Abstand die FDP. Das vergleichsweise gute Abschneiden der CDU hat mich gewundert, denn „gefühlt“ hätte ich sie auf den letzten Platz positioniert. Das aber liegt wohl an einem amtierenden Innenminister, den ich als einen der führenden Islamhasser Deutschlands einstufen würde.

Nun haben aber viele Parteien diese Niedersachsenwahl auch noch als „Testwahl“ für die bevorstehende Bundestagswahl hochstilisiert. Sicher; wir wissen, dass die Gewinner diese Bedeutung nach den Wahlen noch mehr betonen und die Verlierer es herunterspielen werden, aber es ist sicherlich nicht zu unterschätzen, welche Signalwirkung von solch einer Wahl in einem solch großen Bundesland für eine Bundestagswahl im gleichen Jahr ausgeht. Und bei einer Bundestagswahl spielen natürlich Aspekte eine Rolle, die bei einer Landtagswahl eher nebensächlich sind (wie z.B. die Außenpolitik eines Landes oder Militäreinsätze).

Wenn ich mir die gesamte Weltlage ansehe, so ist meine Einschätzung derart, dass wir zum Einen schnurstracks auf den dritten Weltkrieg zusteuern (Historiker werden unsere heutige Zeit ggf. wohl bereits als erfolgten Beginn werten) und zudem das westliche Finanzsystem vor dem Zusammenbruch steht. Beide Themen hängen natürlich direkt miteinander zusammen. Und beide Themen sind im Bewusstsein so vieler Menschen noch gar nicht angekommen. Gerade heute habe ich erfahren, dass 200 (in Worten: zweihundert) sogenannte Ausbilder aus Deutschland nach Mali entsandt werden sollen und weitere 200 bewaffnete Soldaten um die ersten 200 zu schützen. Deutschland schickt immer mehr Soldaten in immer mehr Angriffskriege. Und die deutsche Bevölkerung schweigt! Die Verschuldung Deutschlands (und der gesamten Westlichen Welt – vor allem der USA) nimmt astronomische Dimensionen an, aber nicht einmal die Intellektuellen und Hochschullehrer, die diese Katastrophe verstehen müssten, äußern sich dazu (bis auf Ausnahmen). Diese Aspekte der Weltpolitik sind aber für mich derart dominierend und wichtig für die gesamte Menschheit, dass sie meines Erachtens alle anderen Themen total überlagern. Meine kommunalen und Landespolitischen Interessen verlieren an Bedeutung angesichts dieser im wahrsten Sinn des Wortes wahnsinnigen Bedrohung.

Im Bundestag gibt es nur eine einzige Partei, die gegen Militäreinsätze Deutschlands eintritt und den mörderischen Kapitalismus ablehnt. Und das ist bedauerlicherweise die Linke!

Ich schreibe hier ganz bewusst „bedauerlicherweise“, denn die Linke ist mir in vielen anderen Punkten inzwischen sehr fern. Die Familienpolitik der Linken läuft auf die Zerstörung der Familie hinaus, was zweifelsohne auch ein sehr bedeutsamer Aspekt bei der Auswahl einer Partei ist. Aber die anderen im Bundestag vertretenen Parteien zerstören die Familie kaum minder mit dem Unterschied, dass sie Werte vorheucheln. Die Linke vertritt – genau so wie es der Kapitalismus tut – ein rein materialistisches Menschen- und Weltbild. Aber sie tritt in diesem Rahmen für mehr Gerechtigkeit ein. Und die anderen Parteien tun zwar so, als wenn sie irgendwelche spirituellen Werte vertreten, aber im Namen von Christentum Soldaten in Angriffskriege zu schicken ist für mich schlimmer als es im Namen von Liberalismus zu tun. Gründer der Grünen hingegen, wie z.B. Petra Kelly, werden sich im Grab umdrehen, welch kriegslüsterne Partei sich da aus ihrem pazifistischen Gedankengut heraus entwickelt hat.

Nicht zuletzt sei erwähnt, dass die Linke in unserer Kommune meine Wenigkeit und sämtliche Arbeiten, für die ich mitverantwortlich bin, hasst, bereits einige Verleumdungen gegen meine Person und unsere Arbeiten öffentlich gemutmaßt hat und das, obwohl noch nie ein Linker unserer Stadt mit uns gesprochen hat. Doch persönliche Empfindungen und der Hass von kleinen Kreispolitikern, die zusammen mit anderen Stadtabgeordneten unsere Stadt mehr oder weniger in den finanziellen Ruin geführt haben, müssen zurückstecken angesichts der globalen Bedrohung, vor der wir stehen.

Aus diesen oben genannten Gründen werde ich bei den bevorstehenden Landtagswahlen die Linke wählen. Sie vertreten in meinen Augen sehr viele Aspekte und Standpunkte, die unmenschlich sind, aber sie sind für mich im Augenblick das geringere Übel und meines Erachtens die einzige in Deutschland aktive Partei, die sich glaubhaft gegen das mörderische kapitalistisch-imperialistische System wehrt und deutsche Soldaten nicht auch noch am Ausbruch des dritten Weltkrieges beteiligen will. Dafür, und nur dafür, wähle ich sie. Mein Respekt gilt aber auch allen Muslimen und gerechtigkeitsliebenden Nichtmuslimen, die aus ähnlichen oder anderen Erwägungen zu anderen Schlüssen kommen!

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RE: Warum ich am Sonntag die Linke wählen werde

#2 von Fatima Özoguz , 17.01.2013 16:09

Bei mir war die Reihenfolge so:

1. Ebenfalls Bündnis 21/ RRP (wir werden wohl alt ;-))
2. ausgerechnet die Islamhassersplitterpartei Die Freiheit (unfassbar, ich finde die zum Würgen, bzw. würde ich, da sie ja recht unbedeutend ist)
3. Die Linke
4. Grüne
5. NPD
6. SPD
7. CDU
8. FDP

aber das liegt daran, dass im Fragebogen der Islam kaum eine Rolle spielt bis auf die Beschneidungsfrage, und die Außenpolitik kam natürlich auch nicht zur Sprache, sonst hätte das Ergebnis anders ausgesehen. Aber es ist ja eine "Testwahl".

Aber das Thema Beteiligung Deutschlands an Angriffskriegen sollte höchste Priorität genießen, und deswegen werde ich auch die Linke wählen, egal wie übel einige Abgeordnete dieser Partei uns persönlich auf kommunaler Ebene mitgespielt haben. Persönliches ist jetzt nicht wichtig angesichts der Tatsache, dass wir vor einem 3. Weltkrieg stehen. Bzw. meiner Meinung nach hat der spätestens mit dem Überfall auf Libyen begonnen.


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zuletzt bearbeitet 17.01.2013 | Top

RE: Warum ich am Sonntag die Linke wählen werde

#3 von Christoph Sanders , 18.01.2013 14:18

Und noch einen guten Punkt gibt es, die Linke zu wählen (auch wenn ich zunehmend skeptischer gegenüber dieser Partei werde). 2012 hat sie als einzige Partei für eine Abschaffung der verfassungswidrigen -oder besser GG-widrigen- Sanktionierpraxis der Jobcenter gestimmt (im link ist die Abstimmungsliste verlinkt).
Aber mich wundert es auch nicht sonderlich, dass das Kartell aus Systemparteien (CDU/CSU, SPD, FDP, Grüne) sich in diesem Fall ganz offensichtilch nicht sonderlich um GG und Bundesverfassungsgericht schert.

Randzone


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RE: Warum ich am Sonntag die Linke wählen werde

#4 von Daros Darokakis ( gelöscht ) , 19.01.2013 10:45

Nun, auch wenn die Linke bestimmt nicht meine Wahl wäre ...aber es ist doch gut das Sie /Wir wählen dürfen.
Auch sehr System- Kritische Parteien & Gruppierungen.
Im Zweifel kann man auch ein Bürgerbegehren oder zumindest eine eigene Gruppierung /Partei gründen.
Zumindest gibt der Staat nicht vor wen man überhaupt wählen darf.

Auch wenn es nicht immer "einfach" läuft aber man sollte es würdigen das wir diese Freiheiten genießen.

In dem Sinne
Ein freies Wählen.


Daros Darokakis

   

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