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Jesus ist im Islam viel einiger mit Gott als in der Dreieinigkeit – Weihnachtsgrüße des Muslim-Markt

#1 von Yavuz Özoguz , 20.12.2019 15:25

Jesus ist im Islam viel einiger mit Gott als in der Dreieinigkeit – Weihnachtsgrüße des Muslim-Markt

In einer Zeit, in der die verbliebenen gottesfürchtigen Menschen mit allen Mitteln gespalten werden sollen, ist es an der Zeit einander die Hand zu reichen.



Meine Wenigkeit hat im Jahr 2013 einen Text von keinem Geringeren als den römisch-katholischen Theologen und Hochschullehrer Prof. Dr. Klaus von Stosch gelesen mit dem Titel „Muhammad als Prophet? Versuch einer christlichen Annäherung“ [1]. Der Text endet mit den Zeilen: „… aber genauso wie Muslime Jesus dennoch als Propheten und Wort Gottes anerkennen, sollten sich Christen zumindest für die Möglichkeit öffnen, die Besonderheit Muhammads und seine prophetische Sendung zu würdigen.“

Es wird Zeit eine Art Erwiderung auf den Text zu gestalten und das könnte ein Weihnachtsgeschenk für unsere christlichen Geschwister im Glauben an den einen Gott sein. Vorab sei vermerkt, dass ich vier Jahre später die Gelegenheit erhalten habe Prof. von Stosch zu interviewen [2].

Die Glaubensparallelen zwischen dem Christentum und dem Islam sind viel größer, als es vielen Muslimen und Christen bewusst ist. Zunächst einmal ist die Geschichte des Islam unter anderem davon geprägt, dass es ein Christ ist, der die Auserwähltheit des Propheten Muhammad erkennt, noch lange bevor er sein Prophetentum ausruft. Die Geschichte des christlichen Mönchs Sergius Bahira Rahab gehört zu den faszinierenden Geschichten aus der Kindheit des Propheten Muhammad [3]. Bis zu dem Zeitpunkt wussten nur eine Handvoll Familienmitglieder über die Auserwähltheit des Jungen. Der Christ Bahira war der erste „externe“, der in ihm etwas erkannte, was selbst einige Familienangehörige später verleugnen sollten.

Noch dramatischer ist die Geschichte der kleinen Auswanderung, als die durch Folter und grausame Sanktionen in Not geratenen Schwachen unter den Muslimen nach Abbessinien zum christlichen Negus geflohen sind [4]. Gegen alle Widerstände hat jener Kaiser den Muslimen Asyl gewährt und sie geschützt. Es ist daher in der Geschichte des Islam festgeschrieben, dass es ein Oberhaupt der Christen war, der als erster Nichtmuslim in Not geratenen Muslimen massiv geholfen hat.

Auch das historische Epos von Aschura, die Selbstaufopferung des Imam Hussain mit einem Großteil seiner Familie einschließlich einem Säugling ist ohne den ehemaligen Christen John ibn Huwai unvollständig [5]. Doch es ist nicht dieser John ibn Huwai allein, der die Christen im Irak und Iran dazu bewegt bei dem größten muslimischen Friedensmarsch der Weltgeschichte [6] mitzumarschieren und Imam Husain und dessen Getreuen jahrjährlich die Ehre zu erweisen. Zwei weitere Christen spielen bei der Geschichte von Aschura eine bedeutsame Rolle. Beide sind namenslos und nur als „christliche Mönche“ in die muslimische Geschichtsschreibung eingegangen. Dazu gehört der Mönch, der aufgrund eines Traumes und einiger Zeichen, die er sieht, so sehr darum kämpft, den aufgespießten Kopf Imam Husains nur für eine einzige Nacht aufbewahren zu dürfen und dafür ein Vermögen ausgibt. Er wäscht dem Kopf und genießt das Licht, das von ihm ausgeht [7]. Dazu gehört auch der christliche Abgesandte, der vor dem damaligen Tyrannen Yazid sieht, wie man mit dem Kopf Imam Husains umgeht und seinen Protest ausdrückt, was als Geschichte der Kirche der Hufe Einzug fand in die muslimische Geschichtsschreibung [8]. Beide Mönche wurden von Menschen ermordet, die sich damals Muslime nannten, doch heute werden die Mönche durch Muslime geehrt und ihre Mörder verflucht.

Eine der wenigen längeren Redepassagen, welche die Christen über Jesus besitzen, ist die Bergpredigt. In der Überlieferung des Islam gibt es jene Bergpredigt auch, allerdings in einer viel ausführlicheren Version [9]. Jene Gemeinsamkeiten reichen bis in die heutige Zeit, in der das Oberhaupt der Schiiten Imam Sayyid Ali Chamenei jedes Jahr zu Weihnachten christlichen Familien von Märtyrern Überraschungsbesuche abstattet [10].

Wollte man die Gemeinsamkeiten auflisten, würde das Bücher füllen, und es gibt schon zahlreiche davon. Doch die zentrale Frage ist die Dreieinigkeit, welche Muslime als Gotteslästerung ablehnen und die für Christen essenziell ist. Daran gekoppelt ist auch die Kreuzigung Jesu, der Muslime widersprechen. Gott habe seinen eigenen Sohn geopfert, damit dieser den Tod überwinde.

Die Frage der Aufopferung ist dabei gar nicht so trennend, wie es vielleicht manche Muslime glauben. Denn schließlich hat Imam Husain in Kerbela nicht nur einen Sohn geopfert, sondern gleich mehrere (darunter einen Säugling), sowie unzählige weitere Familienangehörige und Nahe, wie den ehemaligen Christen John ibn Huwai und am Ende sogar sich selbst, damit die Wahrheit überlebe. Selbst wenn Muslime nicht daran glauben, dass Jesus gekreuzigt worden ist, so ist die Aufopferung zur Verteidigung der Wahrheit kein trennendes Element.

Auch hat Jesus im Heiligen Quran Bezeichnungen, wie „Wort Gottes“ oder „Geist Gottes“, die auf die besondere Stellung hinweisen. Und an die Jungfrauengeburt glauben heutzutage gefühlt mehr Muslime als Christen in Deutschland. Ein großer Gelehrter unserer Zeit, der den Vornamen „Ruhullah“ (Geist Gottes) trug, hatte gesagt, dass es keinen Unterschied zwischen Gott und seinem Propheten gibt, außer dass der eine Schöpfer und der andere Geschöpf ist. Das ist zwar immer noch ein gewaltiger Unterschied, aber er macht deutlich, dass der Begriff „Prophet“ im Islam eine viel höhere Stellung beschreibt, als ihn Christen für die angeblich fehlbehafteten Propheten im alten Testament kennen. Prophet ist eine Art Offenbarungsform Gottes. Gott offenbart sich in Jesus, der jeden Atemzug im Namen Gottes vollzieht. Im Islam ist es völlig undenkbar, dass Jesus zu Gott gesagt haben soll: „Nicht mein Wille geschehe, sondern Dein Wille“ oder „Vater, warum hast Du mich verlassen“. Jesus hatte keinen einzigen Moment einen Willen, der nicht dem Willen Gottes entsprach und war keinen Moment von Gott verlassen. Vielleicht können sich ja auch Christen mit diesem Gedanken anfreunden.

Und wie ist mit dem „Vater“. Sofort fallen einen da die mittelalterlichen Gemälde in Kirchen mit einem weißbärtigen Vater ein, der Jesus an der Seite sitzen lässt. Aber wo gibt es heute noch wirklich gläubige Christen, die an so etwas Naives glauben würden? Zugegeben, der Begriff „Dreieinigkeit“ steht zwischen Muslimen und Christen, aber wenn Christen beten „Vater unser“ und nicht „Vater Jesu“, dann kann doch offensichtlich jeder „Kind“ Gottes sein, und in diesem Sinn ist der Begriff „Vater“ auch für Muslime erträglich, wenn er sich auch niemals damit anfreunden würde. Und wenn es dann heißt, dass niemand zum Vater käme ohne den Sohn, so ist es für Muslime immer glasklar gewesen, dass niemand Muslim sein kann, der Jesus und seine Mutter verleugnet. In Bezug auf die wundersame Jungfrauengeburt haben Christen ohnehin untereinander mehr Probleme als mit Muslimen.

Ob am Kreuz gestorben und wiederauferstanden, wie es Christen glauben, oder in die Verborgenheit entrückt, wie es Muslime glauben, beide glauben, dass er zurückkehren wird. Im Christentum wird die Rückkehr Jesu erhofft, im Islam das Erscheinen des Erlösers Mahdi, mit dem Jesus kommen wird. Was also sollte Muslime und Christen daran hindern, gemeinsam für das baldige Erscheinen Jesu zu beten, denn sobald er erscheinen wird, wird er uns über unsere Unterschiede schon aufklären, davon sind Christen wie Muslime gleichermaßen überzeugt. Gemeinsam stehen Christen und Muslime – insbesondere in Deutschland – vor der Herausforderung einer zunehmend gottlosen Gesellschaft mit allen ihren kranken Auswirkungen. Auch in diesem Umfeld können Christen und Muslime einander oft ergänzen oder beistehen.

Die aus meiner rein subjektiven Sicht Heiligkeit unserer Zeit und mein Imam, Imam Chamenei sagte: „Zwischen Islam, Christentum und allen göttlichen Religionen sind zahlreiche Gemeinsamkeiten vorhanden. Der Dialog zwischen Muslimen und Christen am Rande bilateraler oder multilateraler Konferenzen kann dazu dienen, diese Berührungspunkte weiter zu erkunden. Es muss nicht unbedingt sein, dass in beiden Religionen ein Punkt vollständig übereinstimmt, es bedarf lediglich einer Annäherung der Gesichtspunkte, oder der Erkenntnis welche Angelegenheiten sich ähnlich sind. Das Ziel solcher Dialoge liegt nicht darin, eine Religion in ihrer Rechtschaffenheit zu bestätigen und die andere zu verneinen. Ziel dabei muss sein, die gemeinsamen Punkte, die sich auf die wichtigsten Angelegenheiten im Leben der Menschen beziehen, herauszukristallisieren.“

In diesem Sinn wünsche ich allen Christen ein gesegnetes Weihnachtsfest und frohe Tage in Gedenken an die Geburt desjenigen, der im Heiligen Quran sagt: „Und der Frieden ist mit mir am Tag, an dem ich geboren worden bin,… [11]


[1] https://kw.uni-paderborn.de/fileadmin/fa...als_Prophet.pdf
[2] http://www.muslim-markt.de/interview/2017/stosch.htm
[3] http://www.eslam.de/begriffe/b/bahira.htm
[4] http://www.eslam.de/begriffe/k/kleine_auswanderung.htm
[5] http://www.eslam.de/begriffe/j/john_ibn_huwai.htm
[6] http://www.eslam.de/begriffe/f/fussmarsc...haf_kerbela.htm
[7] http://www.eslam.de/begriffe/m/moench_un...mam_husains.htm
[8] http://www.eslam.de/begriffe/k/kirche_der_hufe.htm
[9] http://www.eslam.de/begriffe/b/bergpredigt.htm
[10] https://www.eslamica.de/buecher-nach-the...er-herrlichkeit
[11] Heiliger Quran 19:33


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