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Gedanken eines Muslims zum deutschen und türkischen Patriotismus

#1 von Yavuz Özoguz , 18.07.2012 10:17

Wer in Deutschland über Patriotismus schreiben möchte, bewegt sich auf einem gefährlichen Glatteis, denn Deutsche “dürfen“ nicht mehr Patrioten sein. Aber warum eigentlich nicht?

Unter Patriotismus wird im Allgemeinen eine Art emotionale Verbundenheit mit der eigenen Heimat bezeichnet. Deswegen spricht man im Deutschen auch von “Vaterlandsliebe“ und im Türkischen z.B. von “Mutterlandsliebe“. Doch was ist eigentlich damit gemeint und was sollte in unserer Zeit damit gemeint sein? In der Regel wird Patriotismus immer mit den “Konservativen“ bzw. den “Rechten“ in Verbindung gebracht, wohingegen es als progressiv gilt, wenn man den Patriotismus “überwindet“, was den “Linken“ zugesprochen wird. Aber stimmt das überhaupt?

Wenn die deutsche Nationalmannschaft gegen Holland spielt und deutsche und holländische Fans sich dabei prügeln, ist es dann Patriotismus? Warum greift der Patriotismus offensichtlich erheblich gravierender die Emotionen an, wenn es gegen den direkten Nachbarn geht als gegen ein fernes Land? Von Schlägereien zwischen deutschen und japanischen Fans bei Länderspielen ist nichts bekannt. Aber Patriotismus spiegelt sich ja nicht nur in so profanen Dingen wie Fanschlägereien wieder, sondern ist in erheblich bedeutsameren Aspekten wirksam.

Einige aktuelle Beispiele verdeutlichen die Problematik des Patriotismus. Im Bundestag gab es jüngst eine parlamentarische Anfrage zu den Ereignissen in Hula (Syrien) und die Kenntnis der Bundesregierung zu den Ereignissen. In der Antwort der Bundesregierung hießt es: „Nach Auffassung der Bundesregierung geht die primäre Bedrohung der Zivilbevölkerung durch die fortgesetzte militärische Gewalt des syrischen Regimes aus.“ Allerdings sei die Bundesregierung über das Massaker in Hula von den eigenen Geheimdiensten mehrfach unterrichtet worden, aber: „Die Aufstellung dieser Berichterstattung wurde aus Staatswohlgründen als Verschlusssache “VS-Vertraulich“ eingestuft und in der Geheimschutzstelle des Deutschen Bundestages hinterlegt.“ Gleichzeitig wissen die deutschen Geheimdienste, dass zwischen Ende Dezember 2011 und Anfang Juli 2012 in Syrien etwa 90 Terroranschläge zu verzeichnen gewesen seien, „die al-Qaida nahen Organisationen … zugeordnet werden können“. Ist es angesichts dieses eigenen Wissens patriotisch, sich dennoch uneingeschränkt und völlig unkritisch an der Seite der USA in die Kolonialkriege unserer Zeit verwickeln zu lassen? Gehört militärische Stärke aufgebaut auf Lüge zum Patriotismus?

Die Türkei hat – wie bekannt – über Syrien ein Flugzeug verloren. Die ersten Meldungen in der Türkei sprachen allesamt von einem feindlichen Akt Syriens, dem militärisch zu begegnen sei, obwohl viel zu viele Indizien dagegen sprachen. Ist es patriotisch zu seiner Heimat oder Volk zu stehen, selbst wenn diese eine große Lüge verbreitet oder sogar zu einem Verbrechen aufruft?

Deutschland hat im zweiten Weltkrieg einige Dinge getan, die jeden vernünftigen Menschen die Schamesröte ins Gesicht treiben muss, selbst wenn man völlig unbeteiligt gewesen ist. Historisch betrachtet mag es die eine oder andere Erklärung dafür geben. Nationalisten werden sogar Rechtfertigungen finden. Und hätte Deutschland den zweiten Weltkrieg gewonnen, dann würde evtl. Deutschland heute für gar nichts büßen müssen. Ist Patriotismus also davon abhängig, ob man gewinnt oder verliert? Und muss ein Mensch selbst die Schandtaten seiner Vorfahren gutheißen, rechtfertigen oder relativieren, um patriotisch zu sein?

Ähnliches ließe sich für die türkische Geschichte fragen. Der große “Eroberer“ Fatih Sultan Mehmet hat Konstantinopel erobert und damit zur Ausbreitung des Islams in Europa beigetragen. Er hat “gewonnen“ und daher wird er in den Himmel gelobt und geehrt. Aber darf man dabei auch daran erinnern, dass er als erster Sultan den sogenannten Brudermord eingeführt hat, bei dem ein Thronfolger bei Thronübernahme seine Brüder ermorden lassen durfte, um seine eigene Macht zu stärken? Darf man – auch als “Gewinner“ – darauf hinweisen, dass hier im missbrauchten Namen des Islam ein fürchterliches Verbrechen über mehrere Generationen hinweg eingeleitet wurde? Ist man dann weniger Patriot, wenn man die eigenen “großen“ Vorfahren “beschmutzt“? Sind es nicht vielmehr die eigenen Vorfahren, die sich selbst beschmutzt haben?

Und wie ist es z.B. heutzutage mit Israelis. Ist den meisten Israelis noch nicht aufgefallen, dass sie ganze Generationen von Palästinensern von ihrem Land vertrieben haben. Ist es Patriotismus, wenn man sich auf eine mehrere tausend Jahre alte Geschichte beruft, um Menschen, die in den letzten hundert Jahren in einem Gebiet gewohnt haben, zu vertreiben? Sollen Israelis zu ihrem Staat stehen, so lange er auf der militärischen Gewinnerseite stehen und eines Tages, wenn sie verloren haben, für die letzten Generationen büßen, sich schämen und Reparationen zahlen?

Es ist sicherlich kein Zufall, dass in Deutschland ein ehemaliger Bänker zuerst einen Bestseller schreibt, der offensichtlich gegen Migranten aufhetzt und dann ein weiteres Buch schreibt, um Deutsche gedanklich zurück zu ihrer Nationalwährung zu lenken, und alles im missbrauchten Namen eines unterdrückerischen Patriotismus. Soll damit nicht von dem grundsätzlichen unterdrückerischen Charakter des westlichen Währungs- und Kapitalsystem abgelenkt werden, unabhängig davon ob mit DM oder EURO?

Wie pervers ist eigentlich ein solcher Patriotismus, der auf der Seite von Mördern, Lügnern, Vertreibern, Besatzern, Gelddruckern und vielen anderen Schandtätern mehr steht? Ist Patriotismus die Negation von Wahrheit? Und werden wir nicht alle gemeinsam von der Wahrheit abgelenkt, indem man uns Flaggen zu einer Fußballmeisterschaft in der Gegend herumfahren lässt, die ohnehin nur im Dienste des Kapitalismus er- und verkauft wurde?

Und wie ist es eigentlich mit dem Migranten in Deutschland? Soll er sich emotional mit seinem Herkunftsland verbünden oder mit seinem Zukunftsland? Beinhaltet nicht allein diese Frage ein heimtückisches Konfliktpotential, geht sie doch davon aus, dass man sich blind mit irgendeinem Land emotional verbinden müsste, das man gar nicht selbstbestimmt gewählt hat? Gott gibt uns die Freiheit uns für oder gegen Ihn entscheiden zu können, obwohl er die Wahrheit ist. Die “Nation“ gibt uns diese Freiheit nicht, obwohl sie zuweilen Falschheit vertritt. Oder gibt es irgendeine Nation, die in ihrer Vergangenheit keine Verbrechen begangen hat?

Es muss einen neuen Patriotismus geben, einen Patriotismus der Werte. Jene Werte sind keine neuen Werte. Es sind die universellen alten Werte der Propheten und der Gebote. Es sind die uralten Werte der Menschlichkeit und der Nächstenliebe. Es sind die uralten Gebote der Gottesehrfurcht, Demut und Mitmenschlichkeit. Wünsche für Deinen Nächsten mindestens das Gleiche, was Du für Dich selbst wünschst! Das ist ein wahrlich patriotischer Wert. Aber er darf nicht nur auf dem Papier stehen, sondern muss vorgelebt werden. Er spiegelt sich nicht in einer Flagge oder eine Nationalhymne wieder, sondern in der Nächstenliebe und der Gemeinschaft der Nächstenliebe.

Der wahre Patriot steht auf der Seite der Wahrheit und lässt sich dabei von keiner künstlichen und veränderlichen Grenze eingrenzen. Er gebietet das Gute und lehnt das Böse ab. Er setzt sich für die Armen und Schwachen ein und wehrt sich gegen die Unterdrücker, völlig unabhängig davon, welche Nationalität der Unterdrücker hat. Er vereint die Menschen und spaltet sie nicht! Er setzt sich für Frieden und Freiheit in Gerechtigkeit ein und nicht für die Freiheit der Kapitalisten, alle Völker und Nationen gleichermaßen auszubeuten.
Der Kapitalismus, der Imperialismus, der Zionismus und alle anderen Unterdrückungsideologien und -systeme teilen die Menschen, um sie zu beherrschen. Sie lehren die Menschen einen Patriotismus einer wertelosen und wertlosen Heimatliebe oder einen abstakten Internationalismus der Gleichmacherei. So wird der Kampf für oder gegen den Patriotismus selbst wiederum zu einem Element der Unterdrückung.

Wahre deutsche und türkische Patrioten hingegen setzten sich vor allem für Wahrheit ein, und dann gibt es kaum noch Unterschiede zwischen ihnen. Die dann noch bestehenden Unterschiede sind leicht zu überwinden und stellen zudem gegenseitige Bereicherungen dar. Dann ist der Türke nicht zuerst Türke und der Deutsche nicht zuerst Deutscher, sondern beide sind zuerst Menschen, die sich für Wahrheit einsetzen, Hand in Hand. Und dann haben alle Nationalisten in den Vorstandsetagen von Unterdrückungssystemen genau so wenige Chancen wie die Internationalisten des Kapitalismus.

Wahrer Patriotismus ist eine Befreiung des Ich von den Niederungen der Ich-Bezogenheit. Wahrer Patriotismus führ das Ich nicht in ein künstliches Wir, welches nur die Potenzierung von Ichs ist, sondern leitet zu dem wahren Wir der Menschlichkeit. Wahrer Patriotismus verbindet uns mit unserer allen gemeinsamen Heimat, und das ist das Paradies. Und das Paradies auf Erden aufzubauen, nicht für uns allein sondern für uns alle gemeinsam, das ist das Ziel eines wahren Patrioten. Und darin treffen sich “links“ und “rechts“ in der Mitte der Wahrheit.

Yavuz Özoguz  
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