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Dieses Thema hat 1 Antworten
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 Religion & Politik im Islam
Yavuz Özoguz


Beiträge: 318

13.10.2013 11:24
Gibt es westliche Meinungsfreiheit in der Türkei? antworten

Gibt es westliche Meinungsfreiheit in der Türkei?

Je nach Interessenssituation der westlichen Herrenmenschen wird die Lage bezüglich Menschenrechten und Meinungsfreiheit in der Türkei mal weniger und mal mehr kritisiert. Doch ist die westliche Kritik berechtigt?

Zunächst einmal ist darauf hinzuweisen, dass in diesem Artikel keineswegs die Behauptung aufgestellt wird, dass die Lage der Menschenrechte in der Türkei optimal sei! Zweifelsohne ist der Verbesserungsbedarf gegeben und zweifelsohne gibt es noch sehr viel zu tun für die Menschenrechte in der Türkei. Hier soll vielmehr dargestellt werden, wie die sogenannten Menschenrechte in der Westlichen Welt dazu verkommen sind, als politische Waffe missbraucht zu werden, und inzwischen keinerlei ehrenwerte Ziele mehr dahinter stecken, wenn aus den Mündern oder Tastaturen westlicher Hofjournalisten der eigentlich so bedeutsame Begriff „Menschenrechte“ verlautbart wird. Dazu verlassen wir zunächst einmal die Türkei und werfen einen Blick nach Syrien.

In Syrien tobt ein Stellvertreterkrieg der Westlichen Welt im Auftrag des Zionismus gegen die Islamische Republik Iran. Söldner aus vielerlei Ländern, bezahlt von Saudi-Arabien und Qatar, ausgerüstet von den USA über die Türkei, kämpfen im missbrauchten Namen des Islam gegen die Bevölkerung Syriens. So lange jene prowestliche Koalition des Terrors aktuelle westliche Interessen bedient hat, war nur der Gegner Assad Menschenrechtsverletzer. Damals gab es keine Menschenrechtsverletzungen der sogenannten „Rebellen“ und „Aufständischen“. Menschenrechte waren damals die vorgeheuchelte Motivation der westlichen Terrorallianz, den Krieg immer weiter zu führen bis hin zum Einsatz von Chemiewaffen, den man dann auch noch dem Gegner in die Schuhe schieben wollte. Aus politischen Gründen hat sich die Lage in Syrien für die Westliche Welt geändert und siehe da: Urplötzlich sind auch jene Rebellen plötzlich nicht mehr die sauberen Westvertreter. In den letzten Tagen wurde von einem Massaker an alavitischen Dörfern berichtet, bei denen sogenannte Islamisten gleich Hunderte unbewaffneter Zivilisten (Greise, Frauen und Kinder) förmlich hingerichtet und weitere Hunderte als Geisel verschleppt haben. Wie „freundlich“, dass die westlichen Hofschreiber jetzt davon berichten, da die Terrorkoalition ihnen – zumindest aktuell – nicht mehr ganz so viel nützt.

Jetzt tauchen plötzlich die sonst für ihre Westpropaganda so berühmten Menschenrechtsorganisationen wir Amnesty International und Human Right Watch auf und berichten von all jenen Gräueltaten. Einziger Schönheitsfehler dabei: Die Massaker fanden bereits im August des Jahres statt, als die Terroristen jene Massaker noch im Namen der Westlichen Welt ausüben durften! Damals wurde nicht darüber berichtet, und das obwohl selbst die christlichen Kirchen in Syrien ihre Glaubensgeschwister in der Westlichen Welt händeringend darum angefleht haben, die Terroristen nicht weiter zu unterstützen.

Szenenwechsel: Finanzieller Hauptunterstützer der Terroristen in Syrien ist das Saudische Königshaus, eine der lupenreinsten Diktaturen, die es auf diesem Erdball noch gibt. In dem Patriarchat werden Menschen gesteinigt, Köpfe mit dem Schwert abgeschlagen, Hände abgehackt, Menschen ohne jegliche Rechte verschleppt und vieles andere mehr. Es gibt keine Menschenrechte und keinerlei Meinungsfreiheit. Wer den Monarchen oder seine Familie öffentlich kritisiert, der läuft Gefahr, ermordet zu werden. Die Öl-Milliarden, die dem Land zufließen, landen in den verschwenderischen blutverschmierten Händen einer einzigen Familie, während Großteile der Bevölkerung keinen Anteil an dem Wohlstand haben und in ärmlichsten Verhältnissen leben müssen. Gastarbeiter aus Asien werden wie Sklaven gehalten. Doch von all jenen Missständen hört man kaum etwas in der Westlichen Welt. Denn Saudi-Arabien ist Verbündeter der kapitalistischen Hegemonialinteressen. Saudi-Arabien ist ein Vasall des westlichen Imperialismus. Und als treuer Diener gebührt ihm selbstverständlich auch ein gewisser Schutz in den Medien.

Würde man eine unabhängige – eine wirklich unabhängige – Forschungsgruppe auf die westlichen Medien des letzten Jahre ansetzen und erkunden lassen, ob z.B. die Türkei oder Saudi-Arabien so dargestellt wird, als wenn dort die Menschenrechte übler dran seien, so würde, allein schon wegen der Häufigkeit der Nennungen, die Türkei als das „üblere“ Land dastehen. Allein die ausgedehnte Berichterstattung über eine Handvoll Demonstranten am Gezi-Park steht in keinem Verhältnis zu der ausbleibenden Berichterstattung zu Verschleppungen und Tötungen Hunderter von Demonstranten in Saudi-Arabien. Ja, merkwürdigerweise setzten die Gezi-Park Demonstrationen und vor allem die damit einhergehende sehr ausführliche westliche Berichterstattung genau dann ein, als die Türkei an vorderster Front der westlichen Syrien-Koalition erste Bedenken über das eigene Handeln bekam. Damals war die Türkei dafür vorgesehen, den westlichen Bündnisfall zu provozieren und die NATO zu Hilfe zu rufen gegen Syrien. Doch als es entsprechende False-Flag-Angriffe gab, wurden sie erstaunlicherweise von keinem geringeren als dem türkischen Militär und dem türkischen Geheimdienst entlarvt. Es waren türkische Polizisten, die ihr Leben riskiert haben, um aufzudecken, dass die sogenannten „Rebellen“ aus der Türkei heraus mit Chemiewaffen versorgt wurden, alles Meldungen, die in der Westlichen Welt – wenn überhaupt – nur nebenbei erwähnt wurden. Und als die Türkei nicht mehr zu 100 % westlichen Interessen gedient sondern auch geringfügig eigene Interessen berücksichtigt hat, gingen die Demonstrationen in der Türkei los.

Hauptvorwurf der Westlichen Welt war, dass Ministerpräsident Erdogan zu einem Diktator mutiert sei, den man nicht mehr kritisieren dürfe. Er sei ein neuer Sultan und Kalif, der selbstherrlich jegliche Kritik an seiner Person und Politik gewaltsam unterdrücken würde! Das war und ist die Herrenmenschenargumentation in der Westlichen Welt von sich unfehlbar wähnenden westlichen Journalisten, die zum Abschaum der Prostitution verkommen sind.

Man kann über Erdogan sicherlich sehr unterschiedlicher Meinung sein. Und zweifelsohne sind viele Teile seiner aktuellen Politik – insbesondere die Wirtschaftspolitik – wenig mit dem Islam vereinbar. Sein Verhältnis zum Iran ist angespannt, was insbesondere die Anhänger der Heiligkeit unserer Zeit Imam Chamene’i nicht besonders erfreut. Die Menschenrechtslage in der Türkei ist sicherlich verbesserungswürdig. Das gilt auch, wenn man wahre Menschenrechte meint und nicht das, was die Westliche Welt als Menschenrechte verkauft, um die Natur des Menschen zu pervertieren. Ja, in der Türkei gibt es noch Vieles, was zu verbessern ist. Aber ist der Vorwurf haltbar, dass man in der Türkei den Ministerpräsidenten Erdogan nicht öffentlich kritisieren dürfe? Auch wenn er von einer absoluten Mehrheit des Volkes gewählt ist und auch wenn immer noch viele Teile der Bevölkerung hinter ihm stehen, ist jene Frage durchaus berechtigt: Darf man in der Türkei den Ministerpräsidenten Erdogan kritisieren? Um die Thematik noch etwas klarer zu formulieren könnte man auch die Frage aufwerfen: Darf man in der Türkei den Ministerpräsidenten so frei kritisieren wie die Kanzlerin in Deutschland?

Die Antwort darauf gibt ein Foto, das im September 2013 – also mitten in der „kritischen Kritikphase“ im Antiq-Bazar (Sahafla Carsisi) unmittelbar vor dem großen Bazer in Istanbul (Kapali Carsi) aufgenommen wurde. Es stammt von Außenbereich eines Buchladens, an dem jeden Tag tausenden Einheimische und hunderte Touristen vorbeigehen und genau jenes sehen können, was das Foto zeigt:



Inmitten einer Reihe von Bestsellern steht ein Buch mit dem Bild Erdogans. An seinen Arm wurde per Fotomontage das Hakenkreuz der Nazis montiert. Der Titel des Buches heißt „Takunyali Führer“, wobei der deutsche Begriff „Führer“ ganz bewusst ins Türkische übernommen wurde und genau das bedeutet, was in Deutschland nur noch auf eine geschichtliche Person angewandt wird. „Takunyali“ bedeutete „der mit den Latschen“, was in verächtlicher Weise auf die sogenannten „Islamisten“ hinweisen soll, die bei dem warmen Klima oft nur mit Latschen herumlaufen, weil die so leicht auszuziehen sind, wenn man in eine Moschee will. Der Inhalt des Buches entspricht genau dem Umschlag und ist eine schonungslose, in vielerlei Hinsicht sogar übertriebene Kritik an Erdogan. Das Buch wird in der Türkei ganz offen ausgestellt und verkauft. Es ist weder verboten noch indiziert. Niemand stört sich daran, dass es in manchen Buchläden ausgestellt ist, nicht einmal die Anhänger Edogans. Und das soll das Land sein, in dem jegliche Kritik an Erdogan verboten sei bzw. unterdrückt werden würde?!

Eigentlich müsste man die zuvor gestellte Frage umformulieren und fragen: Darf man in Deutschland die Kanzlerin so frei kritisieren wie den Ministerpräsidenten in der Türkei? Die Antwort darauf wäre ein klares „Nein“! Wer in Deutschland die Kazlerin mit einem Hakenkreuz öffentlich darstellt und sie „Führer“ nennt, wird vom nächtsbesten Staatsanwalt mit einer ganzen Reihe von Anklagen belegt werden. Solch ein Buch würde verboten werden und jeder Buchladen, der solche Bücher dennoch ausstellt, könnte mit drastischen Strafen rechnen.

Doch die Unterdrückung der Meindungsfreiheit geht in Deutschland noch viel weiter. Jeder, der öffentlich den Zionismus als rassistische Ideologie anprangert sieht sich einer wirtschaftlichen Eliminierung konfrontiert. Historiker, die den Zweiten Weltkrieg aufarbeiten und manche Gräueltaten im Rahmen unabhängiger Forschung untersuchen wollen, laufen Gefahr strafrechtlich verfolgt zu werden, sollten ihre Schlussfolgerungen nicht mit der offiziellen politisch festgelegten Geschichtsschreibung übereinstimmen. Der Geist der Unfreiheit, der aus den USA kommend inzwischen die gesamte Westliche Welt überschwemmt hat, pflanzt sich in immer mehr Bereichen des Lebens fort. Und eines der bedeutsamsten Bereiche ist die Medienlandschaft, die in der Hand weniger kapitalistischer Interessengruppen verkommt.

Wenn in Berlin der Anteil an Kriminellen unter Migrantenkindern erheblich größer ist als unter Kindern von einheimischen Eltern, dann wird das lautstark thematisiert, weil es derzeit im Interesse des Kapitals liegt, die Menschengruppen im Land gegeneinander aufzuhetzen. Wenn aber einer der größten Verbrecherorganisationen der Welt namens FED, die den größten Raubzug der Geschichte organisiert und durchgezogen hat, seit Jahrzehnten immer wieder von einer extremen Minderheit in den USA geleitet wird, darf man nicht einmal danach fragen, wie das möglich ist.

Die Meinungsfreiheit in der Türkei ist verbesserungswürdig. Es gibt zahlreiche Missstände die anzuprangern und zu kritisieren nicht nur das Recht eines jeden türkischen Bürgers ist, sondern eines jeden aufrichtigen Menschen dieser Welt, der sich für die wahren Rechte der Menschen einsetzt. Die Menschenrechte in Deutschland sind aber zu einem kapitalistischen Verkaufsgut verkommen, die wie alles und jeder „vermarktet“ werden müssen. Wenn die Vermarktung von Menschenrechtskritik in Deutschland der Dreieinigkeit von Kapitalismus, Imperialismus und Zionismus nützlich ist, dann wird sie vermarktet. Und wenn die Zurückhaltung von Kritik an Saudis dem Kapitalismus, Imperialismus und Zionismus nützlich ist, weil man z.B. Panzer an die Saudis verkaufen will, dann wird sie zurückgehalten.

Menschenrechte und Kapitalismus sind nicht miteinander vereinbar. Wer sich für Menschenrechte einsetzt, der muss die genannte Dreieinigkeit ablehnen. Und der beste Weg dazu ist das Bekenntnis zur ganzheitlichen absoluten Einheit.

Yavuz Özoguz


Beiträge: 318

14.10.2013 08:00
#2 Berechtigte Kritik antworten

Auf meinen Artikel erhielt ich folgende berechtigte Kritik, die ich hier gerne wiedergebe:

Sehr geehrter Herr Dr. Özoguz,

ein kurzer Hinweis zu Ihrem letzten Artikel. Sie schreiben darin, Erdogan sei von der absoluten Mehrheit des türkischen Volkes gewählt worden. Das ist so nicht korrekt. Die AKP hat, bedingt durch die 10%-Hürde, zwar die absolute Mehrheit der Sitze im Parlament bekommmen, die Mehrheit der Wahlstimmen bekam sie aber nicht.

Die AKP kam bei den Wahlen 2011 auf 49,8% der Stimmen. Alle Oppositionsparteien zusammen gezählt kommen auf 50,2%. Eine knappe Kiste sicherlich, aber definitiv hat die Mehrheit der türkischen Wähler Erdogan nicht gewählt.
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