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Deutschland – warum hast Du das Weinen verlernt?

#1 von Yavuz Özoguz , 19.07.2013 11:11

Deutschland – warum hast Du das Weinen verlernt?

Weinen ist ein emotionaler Ausdruck, der nicht nur Trauer sondern auch Freude, Schönheit und vor allem Liebe ausdrücken kann, gepaart mit Tränen des Lichtes. In Deutschland haben die Menschen, insbesondere die Männer, verlernt zu weinen, warum?

Ich erinnere mich an das Freitagsgebet beim Tag der Erinnerung zum Martyrium der gesegneten Fatima (a.). Wir waren in Teheran mit einer Gruppe deutscher (älterer) nichtmuslimischer Intellektueller und sie lauschten über Kopfhörern der Übersetzung der Rede eines sehr alten Großayatollah namens Ayatollah Dschannati. Plötzlich erzitterte seine Stimme und er fing an zu Weinen, Tränen liefen über seine Wangen. Zehntausende, die ihm zuhörten – mehr als die Hälfte davon Männer – weinten mit ihm. Es waren Tränen der Liebe und des Schmerzes zusammengemischt zu einem süßen Geschmack. Es war vor allem Schönheit! Jene Szene hat die anwesenden Deutschen derart überrascht und teilweise sogar „verstört“, dass sie noch Tage später darüber gesprochen haben. Warum war es für sie so überraschend? Bevor wir in die Analyse dieser Frage einsteigen, sei hier für diejenigen unter den Nichtmuslimen, die so etwas noch nie gesehen haben, eine solche Szene gezeigt:

http://www.youtube.com/watch?v=9RYZ02p5DsY

Die Heiligkeit unserer Zeit, Imam Khamene’i, spricht dort über eine Szenerie, der im Monat Ramadan – in dem wir uns befinden – getrauert wird (mit deutschen Untertiteln): Es ist das Martyrium Imam Alis (a.) vor rund 1400 Jahren. Stück für Stück schildert er die Szenerie zwischen seiner Verletzung in der ersten Nacht des Schicksals und dem irdischen Abschied in der zweiten Nacht des Schicksals zwei Tage später. Es sind die heiligsten Nächste im Monat Ramadan am Ende des gesegneten Monats. Während Zehntausende, die der Rede lauschen, bereits nach wenigen Minuten in Tränen ausbrechen, bleibt der Redner ruhig und versucht sich zu beherrschen. Ab Minute drei fällt es auch ihm sichtlich schwerer, seine Fassung zu bewahren. Er fängt sich wieder, redet sachlich und ruhig weiter, bis es auch ihn selbst in Minute fünf übermannt und er in Schluchzen ausbricht. Solche Szenen kennt man hier in Deutschland kaum! Der mächtigste Mann des Landes, der Anführer von Millionen und Abermillionen von Muslimen kann sein Schluchzen nicht mehr unterdrücken und weint vor so vielen Menschen. Das kennen die allermeisten Deutschen nicht, weder von einem Politiker, noch von ein Papst oder „kleineren“ Geistlichen. Doch was ist los mit diesem Land, dass man diese schönste Emotion des Menschseins nicht mehr kennt? Diese Art des Weinens geht einher mit Schauern über den Rücken und mit einer lichtdurchflutenden Reinigung der Seele. Warum ist das hier so unbekannt?

Manche begründen das mit der „anderen“ Kultur, die Orientalen hätten. Aber das kann ganz leicht widerlegt werden mit Deutschen, die denIslam angenommen haben und genau das Gleiche verspüren, wie die Heiligkeit unserer Zeit und ihre Tränen nicht zurückhalten können und nicht zurückhalten wollen. Was ist also los mit diesem Land?

Wenn man die noch nicht so „verkalkten“ Herzen von Jugendlichen Studiert, so kann man durchaus feststellen, dass diese Jugendlichen durchaus bei gewissen Situationen Tränen in die Augen bekommen können, Tränen der Liebe und Faszination; z.B. bei einem Popkonzert, wenn der Superstar ein besonders Tränen erzeugendes Lied anstimmt. Ja, dann gibt es jene Tränen! Und ein klassisches Beispiel ist, wie der damals noch völlig unbekannte Sänger Paul Potts bei einem Wettbewerb das Lied „Nessum Dorma“ anstimmt und das Publikum in Rage versetzt.

http://www.youtube.com/watch?v=wPIx7aBinCU

Das Unternehmen T-Mobile nutzte jene Szene später für ihre Werbung. Und damit sind wir auch schon bei einem der größten Probleme der heutigen Tränen in Deutschland. Sie sind kommerzialisiert, wie alles und jedes in der kapitalistischen Welt kommerzialisiert wird, selbst die intimsten Dinge des Menschen!

Doch warum weinen die Menschen hier nicht einmal mehr für die Kreuzigung Jesu – an die sie glauben? Ist das kein trauriges Ereignis? Sie gedenken doch jedes Jahr dieser Kreuzigung. Aber es ist kommerzialisiert. Osterhasen haben keine Tränen. Und warum weinen sie nicht um das Leid, dass die Heilige Maria ertragen musste, zumindest einige wissen doch davon? Doch die Meisten wissen es nicht einmal! Und damit kommt auch eine weitere Voraussetzung für Tränen zum Tragen: Das Wissen um die Wahrheit! In der herzergreifenden Rede Imam Khamene’is kann vor allem der mitweinen, der die Geschichte zumindest teilweise kennt, der die Akteure kennt, der ihre Geschichte kennt usw… Jemand, der nur dem Konsum hinterher jagt, der sich manipulieren lässt von jedem Privatsender, der Menschen verdinglicht und Dinge vergöttert, jemand der sich Pfingsten auf das verlängerte Wochenende freut aber keine Ahnung vom Heiligen Geist hat, jemand der Christi Himmelfahrt für eine öffentlichen Besäufnistag hält und weder dem Wort „Himmelfahrt“ etwas zuordnen kann, noch an sein eigenes Ableben denkt, der wird diese wunderschönen Tränen nicht weinen können!

Doch wozu bedarf es dieser Tränen beim Einzelnen und in der Gesellschaft? Jene Tränen – wenn sie für wahre Vorbilder vergossen werden – reinigen die Seele, ermöglichen das Durchstrahlen des Heiligen Geistes durch jedes Herz und stärken den Einzelnen wie auch die gesamte Gesellschaft gegen die machthungrigen kapitalistisch-imperialistischen Raubtiere. Wie anders hätte das Volk der Islamischen Republik Iran über drei Jahrzehnte diesen Kampf gegen die gesamte Westliche Welt überstehen können und zudem andere Völker motivieren, sich ebenfalls zu befreien!? Es sind die Tränen um Imam Husain (a.) und die gesamte Prophetenfamilie, die diese Kraft durch Gottes Gnade schöpfen lässt. Auch ein Mahatma Gandhi hatte einstmals davon gesprochen, dass Indien sich viel früher befreit hätte, wenn man die Liebe zu Imam Husain früher verstanden hätte. Wohlgemerkt, Gandhi war Hinduist! Und im hinduistischen Indien ist der Trauertag um Imam Husain (a.) ein staatlicher Gedenktag, an dem die Behörden geschlossen sind. In den meisten muslimischen Ländern ist das nicht der Fall; kein Wunder, werden sie doch von westlichen Diktatoren beherrscht.

Im Monat Ramadan gibt es die Tränen für das Ableben Abu Talibs (a.), das Ableben der Mutter der Gläubigen Chadidscha (a.) und vor allem für das Martyrium Imam Alis (a.) in den heiligen Nächten! Auch diese Trauer gehört zum Fastenmonat, der die Herzen läutert, die Gläubigen stärkt und den Einzelnen wahrlich befreit.

Die Bevölkerung Deutschlands wurde systematisch entfernt von diesen Tränen. Die Familien wurden zerstört (und fast alle Parteien Deutschlands fördern nach wie vor die Familienzerstörung), Familien, in denen Kinder diese Liebe erfahren, die sie dann weitergeben können. In Deutschland wurde die Jugend auf falsche Vorbilder gelenkt, auf Menschen, die mit ihrem Konsumrausch Silikon in irgendwelche Körperteile stopfen, sich öffentlich entblößen, ihre Körper ruinieren, um in Goldmedaillen zu beißen, im Kreis herumrasen, um Sekt umherzugießen und/oder mit affenartigen Tänzen zu ohrenbetäubenden Klängen eine Stimmung erzeugen, die nur im Alkoholrausch zu ertragen ist. Wahre Vorbilder werden den Menschen kaum noch vorgeführt. Politiker gelten niemals als Vorbilder, dienen sie doch nicht dem Volk, sondern den „Märkten“, dem Imperialismus, dem Kapitalismus, den Bänkern, dem großen Bruder USrael und vielem anderen mehr, was den Deutschen mehr schadet als nützt.

Vorbilder dürfen nur Sportler, Musiker, Schauspieler und ähnliche Personen sein – aber auch nur so lange, so lange man sie kapitalistisch ausschlachten kann. Wahre Vorbilder, die dieses Land zweifelsohne auch hat, wie die Krankenschwestern in Kinderhospizen, die Ärzte, die freiwillig ihren Urlaub opfern, um in armen Weltgegenden zu heilen, die vielen Ehrenamtlichen, die alte Menschen pflegen und viele andere mehr, diese Menschen werden uns nicht vorgestellt. Denn wenn wir sehen, wie sie Leid lindern, könnten uns Tränen kommen und diese Tränen könnten uns befreien. Das aber ist das Letzte, was der Kapitalismus vertragen kann, Menschen, die sich befreien.

Ganz nebenbei lese ich heute, dass die Stadt Detroit – immerhin so groß wie Bremen – heute Bankrott anmelden musste. Die Stadt ist zahlungsunfähig! Sie ist mit 15 Milliarden EUR verschuldet – zum Vergleich: Bremen hat 18 Milliarden Schulden! Wenn wir schon für nichts Vernünftiges oder Herzergreifendes Weinen, warum weinen wir nicht einmal drüber, dass uns die Politiker in den letzten Jahrzehnten nach Strich und Faden betrogen haben, uns ein Zinssystem auferlegt haben, das früher oder später zusammenbrechen musste, und der Zusammenbruch jetzt in den USA beginnt. Wir weinen nicht einmal darüber, dass wir für jenen großen Bruder unsere eigenen Soldaten in Afghanistan zum Kanonenfutter des Imperialismus verkommen lassen. Wir weinen nicht darüber, das unserer deutschen Automobilwerke vom Großen Bruder aufgekauft und dann die Arbeitsplätze verschrottet werden, um deren eigene marode Wirtschaft und Autoindustrie halbwegs zu stützten. Wir weinen über keinen einzigen der 30.000 Hungertode jeden Tag des Herrgottes in dieser Welt, wo es gleichzeitig so viel Überfluss und Überschuss an Nahrungsmitteln gibt.

Ja, wir Deutschen müssen wieder weinen lernen! Notfalls auch mit Hilfe der eigenen Muslime, die es noch können. Und gemeinsam kann sich dann dieses Land befreien von den Klauen jener, die uns ausbeuten wollen und für kein Leid der Erde eine Träne vergießen!

Das erste Drittel des Monats Ramadan liegt hinter uns. Der Monat ist eine Einladung an jeden Menschen, auch an nichtmuslimische Deutsche, sich selbst von den Zwängen der Bedürfnisse zu befreien. Gerne laden sie Muslime aus ihrer Nähe ein zu einem gemeinsamen Fastenbrechen. Und vielleicht gibt es ja auch einen Vortrag, der zu Tränen rührt. Und wenn nicht, dann werden sich bei nächster Gelegenheit – so Gott will – die Schleusen der Liebe öffnen und auch Nichtmuslime einladen. Und wer aus dem Herzen heraus weinen lernt, der lernt auch wahres Lieben. Und wer wahres Lieben lernt, ist unbesiegbar.

"Und sobald sie gehört haben, was zu dem Gesandten herabgesandt worden ist, siehst du ihre Augen von den Tränen überfließen ob der Wahrheit, die sie erkannt haben. Sie sagen: Unser Herr, wir sind überzeugt, so schreibe uns zu den Bezeugenden." (Heiliger Qur'an 5:83)

Yavuz Özoguz  
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