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Wie stehen die Taliban zur islamischen Befreiungstheologie?

#1 von Yavuz Özoguz , 16.08.2021 11:59

Wie stehen die Taliban zur islamischen Befreiungstheologie?

Es war nicht leicht eine geeignete Überschrift für diesen Artikel zu finden. Genauso gut hätte man den Artikel „Wie die USA ihre Verbündeten mit den Taliban der Lächerlichkeit preisgeben“ nennen können. Und wenn ausgerechnet die radikal-zionistische Bildzeitung über die „radikalislamische“ Taliban schreibt: „Großteil der Waffen „Made in USA“ Taliban jetzt bewaffnet wie ein Nato-Staat“ [1], dann dürfte die Verwirrung in Deutschland masochistische Ausmaße annehmen.



Was aber ist los in dem Land am Hindukusch, an dem einst Deutschland verteidigt werden sollte, wofür mehr als 50 deutsche Soldaten ihr Leben gelassen haben und unzählige für ihr Leben traumatisiert sind? Wie konnte es geschehen, dass die Taliban innerhalb von wenigen Tagen das gesamte Land übernehmen konnte, ohne dass es irgendeine Gegenwehr gab? Wo sind die angeblich vom Westen ausgebildeten Soldaten? Und was steckt hinter den Taliban?

Um das zu verstehen, bedarf es – wie immer – eines Blickes weit über den Tellerrand in die historischen Umwälzungen unserer Zeit. Alles, was in der Region geschieht, und vieles, was in der Welt heutzutage geschieht, hat mit der epochalen Islamischen Revolution im Iran im Frühjahr 1979 zu tun. Jene Revolution ist seit 1400 Jahren die erste Bewegung, die formell den erwarteten Erlöser zum Staatsoberhaupt ernannt hat. So lange der Erlöser in der Verborgenheit [2] weilt, wird er vertreten durch den Statthalter der Rechtsgelehrten [3], der aktuell Imam Chamenei [4] ist. Seine Anhänger sehen in ihm die Heiligkeit unserer Zeit [5]. Die Ausstrahlungskraft dieser Revolution war bereits in den Anfangsmonaten derart groß, dass die damals noch bestehende Sowjetunion große Sorgen um ihr Einflussgebiet Afghanistan hatte und daher im Dezember 1979 das Land auch formell mit eigenen Soldaten besetzte. Es begann ein opferreicher Widerstandkampf der mutigen afghanischen Bevölkerung gegen die Sowjets. Die Sowjets wurden 1989, also nach fast 10 Jahren Widerstand des Landes vertrieben. Zwei Jahre später gab es keine Sowjetunion mehr!

Die bis dahin in Stämmen organisierte Gesellschaft versuchte nunmehr eine Art eigene unabhängige Regierung zu gründen. Die sogenannte Einheitsregierung bestehend aus unzähligen Stammesfürsten scheiterte aber vor allem an ihren eigenen Streitigkeiten und der Korruption einiger Anführer, welches die Imperialisten für sich ausnutzten.

Aus dem scheinbaren „Nichts“ tauchten um 1994 die sogenannten Taliban im Land auf. Sie waren mit saudischen Mitteln von US-Ausbildern in Pakistan ausgebildete Söldner, die bestausgestattet durch die USA Stück für Stück das Land überfielen und vor allem Terror verbreiteten. Nach und nach gelang es der CIA die Kontrolle über das Land zu bekommen und für die eigenen Ziele „umzubauen“ unter anderem zum größten Drogenanbau- und -umschlagplatz der Welt. Die Taliban hatten nie gegen Besatzer gekämpft sondern kämpften ausschließlich gegen Muslime! Doch nicht alle erfahrenen Widerstandskämpfer aus der Zeit des Widerstandes gegen die Sowjets wollten sich kampflos ergeben. Echte und unbestechliche Helden des afghanischen Widerstandes, wie Ahmad Schah Massoud [6], mussten durch hinterhältige Geheimdienstaktionen erst ermordet werden, um die US-Kontrolle über das Land sicherzustellen. Diese US-Kontrolle führte zur Einschleusung von Al-Qaida, Bin Laden und all den anderen Verwerfungen in der Region, die ab 2001 nach 9/11 zu beobachten waren. Die USA konnten nunmehr auch ihre sogenannten Verbündeten, Lakaien wie Deutschland, die jedes Verbrechen der USA und Israels mittragen würden, dazu bewegen, Soldaten nach Afghanistan zu entsenden. Doch alle Bemühungen den USA über nunmehr über zwei Jahrzehnte, konnten das Land nicht zu dem gestalten, was das eigentliche Ziel der US-Invasion war; nämlich Afghanistan als „Gegenspieler“ der Islamischen Republik Iran aufzubauen. Die eingesetzten korrupten Politiker hatten keinen Rückhalt in der Bevölkerung, und die sehnte sich immer mehr nach Frieden, um das Land kultivieren und entwickeln zu können.

Ausgehend von dieser neuen Lage mussten sich die teuflischen Think-Tanks des Weltimperiums eine neue Strategie ausdenken. Zu diesem Zweck wurden nicht nur die eigenen afghanischen Politiker und ihre Paläste verkauft, sondern auch Verbündete wie Deutschland verraten. Dutzende deutsche Soldaten sind in Afghanistan gefallen, damit die Taliban dort nicht regieren. Unzählige deutsche Soldaten sind verwundet oder für ihr Leben traumatisiert. Die Tötungen an Afghanen, die auf deutsche Soldaten zurückzuführen sind, werden dabei gar nicht mitgerechnet. Die Unsummen an Steuergeldern, die im wahrsten Sinn des Wortes verbrannt worden sind, hätten in Deutschland viel Gutes bewirken können. Doch all das – und nicht nur für Deutschland – wurde verraten für eine neue US-Strategie. Nunmehr sollen die Taliban das Land übernehmen.

Die heutigen Taliban sind nicht mehr die Taliban von vor über zwei Jahrzehnten. Sie treten verhandlungsbereiter auf, sind scheinbar kompromissbereiter und vor allem nicht mehr so brutal. Die Dörfer, die sie zumeist kampflos einnehmen, jubeln ihnen sogar zu, denn die Bevölkerung ist froh die bis über beiden Ohren korrupten Politiker von US-Gnaden loszuwerden. Den neuen Plan der USA durchschauen sie noch nicht oder hoffen, dass die Taliban anders regieren werden. Das abgekartete Spiel der USA ist derart deutlich, dass selbst die Bild-Zeitung sie nicht verheimlichen kann [1]. Allerdings versuchen die westlichen Medien vom eigentlichen übergeordneten Hintergrund abzulenken. Der eigentliche Hintergrund besteht darin, die Islamische Republik Iran von der „Westfront“ (Hilfe für Irak zur Befreiung von der US-Besatzung, Jemen, Syrien usw.) abzuziehen und mit der Ostfront (Afghanistan) zu beschäftigen.

Imam Chamenei – Gott schütze ihn – verfolgt ein anderes Ziel. Für ihn steht der Frieden in Afghanistan, die Sicherheit der Bevölkerung und nach Jahrzehnten der Ausbeutung durch fremde Besatzer eine Atmosphäre zu fördern, in der sich die afghanische Bevölkerung selbst entwickeln kann, an vorderster Stelle. Daher führen Verhandlungsgremien der islamischen Führung im Iran Verhandlungen mit den Taliban. Die Taliban wollen nach eigenen Angaben ein islamisches Emirat in Afghanistan errichten, was immer das bedeuten mag. Imam Chamenei will die islamische Welt zusammenführen und in Frieden und Gerechtigkeit vereinigen. Inwieweit das mit den Taliban möglich sein wird, muss sich noch zeigen. Tatsache ist, dass die inzwischen zu US-Verbündeten geflohenen korrupten Politiker den Fortschritt Afghanistans verhindert haben.

Auch die Afghanen haben in den letzten vier Jahrzehnten die Entwicklung im Iran verfolgen können. Die islamischen Sender aus dem Iran strahlen seit vier Jahrzehnten auch in Sprachen, welche viele Afghanen verstehen können. In der Gelehrtenstadt Qum sind tausende und abertausende afghanische Gelehrte ausgebildet worden. Die Kultur Afghanistans ist der Kultur im Iran viel näher als der aufgestülpten westlichen Unkultur. Daher könnte das Emirat in Afghanistan am Ende ein wunderbares Eigentor der USA werden. Die islamische Republik Iran wünscht, dass jede islamische Region ihre eigene Regierung stellt und selbst darüber bestimmt, mit welchem System sie regiert werden will. Wichtig ist, dass die Muslime sich am Ende einigen zur islamischen Einheit, idealerweise mit einer vereinigenden Gesamtführung. Die Chancen dazu scheinen mit den neuen Taliban größer als mit einer korrupten US-hörigen Regierung.

Derweil ziehen die USA ihre abgezogenen Kräfte in Jordanien zusammen, sowohl aus Afghanistan als auch aus dem Irak. Zum einen fühlen sie sich hier vor Kräften sicher, die eine Befreiung vom US-Imperialismus anstreben. Und zum anderen könnte es ein neuer zionistischer Plan sein, das unkontrollierbare Westjordanland (zumindest in Teilen) dem US-hörigen jordanischen König anzuvertrauen und damit den Schwarzen Peter für Palästina abzugeben. Sie planen und planen und planen, aber am Ende wird die Vervollkommnung der Menschheit durch die opferbereiten Heiligen nicht aufzuhalten sein. Aktuell gedenken im Iran die Gläubigen der Opferbereitschaft Imam Husains und seiner Gefährten, wie sie sich in Kerbela allesamt geopfert haben, damit Frieden und Freiheit in Gerechtigkeit gedeihen können. Seriöse Meldungen aus Afghanistan beschreiben, dass vergleichbare Trauerveranstaltungen dort ungestört auch unter den Taliban erfolgen können. Es gehört zu den Zwietracht-Methoden des westlichen Imperialismus, dass sie zwieträchtige „Nachrichten“ verbreiten, um gegenteilige Gefühle und Spaltung hervorzurufen. Es wird Zeit, dass wir auf solche Quellen nicht mehr hereinfallen.

Die Sowjetunion ist zwei Jahre nach dem Rückzug aus Afghanistan zusammengebrochen. Mal sehen, wie lange es im westlichen Block dauern wird. Deutschland könnte hierbei eine entscheidende Rolle spielen, indem die Interessen der Deutschen höher eingestuft werden als die Interessen der Imperialisten. Zwar sieht es aktuell nicht danach aus, aber es gab schon einige Überraschungen in der Geschichte der Menschheit. Vielleicht gibt es ja ausnahmsweise einmal eine positive Überraschung aus Deutschland!

[1] https://www.bild.de/politik/ausland/poli...94872.bild.html
[2] http://www.eslam.de/begriffe/g/grosse_verborgenheit.htm
[3] http://www.eslam.de/begriffe/s/statthalt...tsgelehrten.htm
[4] http://www.eslam.de/begriffe/c/chamenei.htm
[5] http://www.eslam.de/begriffe/h/heiligkeit_unserer_zeit.htm
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Ahmad_Schah_Massoud


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RE: Wie stehen die Taliban zur islamischen Befreiungstheologie?

#2 von Dr.Josef Haas , 16.08.2021 12:55

Diese von Ihnen erwartete positive Antwort aus Deutschland, wird es, lieber Herr Dr. Özoguz, nicht
geben. Die hiesige moralische Verkommenheit, gepaart mit USA- und Israel-Hörigkeit, wird sie, zumindest
in der nächsten Zeit, zu verhindern wissen. Die meisten hierzulande lebenden Muslime reihen sich dabei
leider von vorneherein freiwillig in diese schmachvolle Front mit ein.
Es kommt jetzt natürlich, und darauf haben Sie dankenswerterweise selber aufmerksam gemacht, auf
eine iranisch-afghanische Verständigung an. Zumal der Iran mit Sicherheit zukünftig mit sehr vielen
Flüchtlingen aus dem Nachbarland konfrontiert werden wird.
Darüber hinaus hat die ja auch von mir mit großer Sympathie betrachtete iranische Revolution mit vielen,
leider auch hausgemachten, Problemen zu tun, die man nicht einfach übergehen darf.
Infolgedessen sollte man diese ruhig einmal ins Blickfeld rücken, dem bewährten Grundsatz des preußischen
Militärtheoretikers Carl von Clausewitz folgend: "Angriff ist die beste Verteidigung!"
Jedenfalls, und diesen Eindruck sollten auch Sie nicht verwischen, hat die weltweite anti-imperialistische
Freiheitsbewegung mit dem Triumph der Taliban einen heute noch kaum richtig einschätzbaren Sieg errungen.
Möge er daher auch in anderen Ländern, vor allem Palästina, seine Wiederholung finden!

Dr.Josef Haas  
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