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Offener Brief an Kardinal Marx von Mechthild Eissing

#1 von Uwe Eissing , 07.06.2021 15:46

Offener Brief und Mail in unserem persönlichen Verteiler, in der Hoffnung auf weite Verbreitung und Weiterveröffentlichung

Sehr geehrter Herr Kardinal Marx,

der Jubel ist auf Ihrer Seite und ich weiß nicht recht, ob Sie sich darüber freuen dürfen. Sogar der „Spiegel“ spart sich fürs Erste und für Sie seinen Spott. Das muss man als Katholik auch erst einmal schaffen. Und offenbar hofft der „Spiegel“ mit Ihnen, dass der Kampf weitergeht – ein Satz, den Sie, wenn ich das richtig lese, nur einem Kirchenbesucher bestätigen und nicht etwa selbst in den Raum gestellt haben. Die Anerkennung des "Spiegel" und ihre Bedeutung traue ich mich (noch) gar nicht zu deuten.

Der Kampf geht also weiter, sagen Sie im „Spiegel“ – und ich ziehe deswegen jetzt mit ins Gefecht. Eigentlich bin ich ja Teil der großen schweigenden katholischen Schafherde. Aber jetzt bin ich völlig empört. Mehr blökend als selbstredend sei Ihnen entgegengeworfen: Es ist – verdammt noch mal – nicht Ihr Recht, zurückzutreten. Schon gar nicht Ihr gutes Recht.

Ich bin nie Ihr Fan gewesen, ich bin gläubig in allerlei Facetten, gewiss aber niemals liberal. Sozusagen überzeugt antiliberal. Aber dennoch habe ich Sie immer für integer gehalten. Und jetzt, so fürchte ich, ist Ihr Rücktrittsgesuch eine Folge genau dieser Integrität.
Wer, zum Teufel noch mal, hat Sie denn auf diese Bahn geschickt? Mein persönlicher Verdacht ist ja, dass Sie den Antagonisten des Kölner Erzbischofs spielen wollen (und ihn so erst recht zum Protagonisten machen!) Der Spannungsbogen, der immer noch da ist, auch wenn Sie der Bischofskonferenz nicht mehr vorsitzen, der aber nie so medial überschmückt wurde, wie jetzt, hat von Ihnen ein sinnbildhaftes Zeichen erhalten, das diese Gesellschaft jubeln lässt.

Endlich ein Kardinal, der Verantwortung übernimmt!

Aber wie verantwortungsvoll ist denn Ihr erbetener Rücktritt wirklich? Was wäre im Fall päpstlicher Bewilligung damit erreicht?

Gut: Sie bekennen sich schuldig und Sie zeigen Reue. So gehört sich das als Katholik. Aber welches Beichtkind bestimmt denn eigentlich das Ausmaß seiner Buße selbst? Die Buße wird einem auferlegt. Und dass es der Herr war, der Ihnen das Rücktrittsgesuch als Wunsch auferlegt hat, kann ich nicht glauben.

Anders gefragt: Was ist denn das für eine Gesellschaft, deren Kultur im Umgang mit Sünde und Schuld sich an Rücktritten ergötzt – um sich danach in ihnen zu erschöpfen? Damit bleibt die Schuld ja doch in gewisser Weise folgenlos. Gut, der Schuldige selbst ist nicht mehr dort, wo er zuvor war. Er ist quasi bestraft. Oft ist das aber mehr Quasi als Strafe. Strafe und Buße aber sind, um im Bild der Beichte zu bleiben, beileibe nicht dasselbe – und nach meiner katholischen Bildung zielt die Beichte auf Reue und danach auf Buße. Die Buße beginnt nach dem Schuldbekenntnis erst. In Ihrem Fall ist mir da ein Rücktritt viel zu einfach, ich betrachte ihn eher als Vermeidung der Buße. Wenn Sie schuldig geworden sind, weil Sie zugelassen haben, weil Sie zugesehen haben, weil Sie geschwiegen haben, dann gilt es jetzt, den Mund aufzutun. Die Frage ist nur, was gesagt werden muss, was getan werden muss, was gedacht werden muss. Die Antwort darauf liegt nicht auf der Hand. Sie ist schwer. Es geht aber nicht ums Nicht-Tun.

Sollten Sie meinen schuldig geworden zu sein, weil keine Einigkeit unter den deutschen Bischöfen herzustellen ist: So what! Natürlich ist unter jetzigen Umständen der Weg unklar, und der nächste Bischof kann darin nicht besser sein als Sie. Die Schuldfrage ist an der Stelle obsolet.

Vielleicht ist Kardinal Rainer Maria Woelki deutlich weniger integer als Sie. Vielleicht hat Kardinal Rainer Maria Woelki deutlich mehr Schuld auf sich geladen als Sie. Gewiss hat Kardinal Rainer Maria Woelki sein Kirchenvolk in so manche Irre geführt, in die Sie Ihre Schafe niemals gebracht hätten. Vielleicht hat auch Kardinal Rainer Maria Woelki die richtige Antwort auf die Missbrauchsdebatte gar nicht gefunden.

Aber: Kardinal Rainer Maria Woelki bemüht sich redlich, einen Weg zu finden, der allen Seiten gerecht wird. Das ist ganz gewiss überhaupt nicht zu leisten, führt ebenso gewiss zu vielen Fehlern und garantiert zum Scheitern. Aber, und das bewundere ich an Kardinal Rainer Maria Woelki, den ich bislang noch weniger bewundert habe als Sie: Er bleibt stehen und er bemüht sich, seiner Aufgabe gerecht zu werden. Auch ohne eine Chance.

Wer soll denn, wenn Sie zurückgetreten sind, die Arbeit tun, die getan werden muss? Da ist ja keine Gruppe derer, die’s besser kann. Sie haben ja gar keine Fehler gemacht, von denen andere Menschen frei sind, also besser geeignet. Da steht niemand in der Warteschleife – und das wissen Sie.

Gehen wir nun einmal davon aus, dass Sie nur integer wirken, es aber in Wirklichkeit gar nicht sind: Dann wäre Ihre Rücktrittsbitte an den Papst der deutliche Versuch, dem Kölner Kardinal ans Bein zu pinkeln. Vulgär gesagt und vulgär gemeint. Wir gehen also doch lieber davon aus, dass Sie integer sind?

Wir alle sind unzulänglich. Wir alle sind Menschen. Wir alle machen Fehler. Aber die meisten von uns können sich einen Rücktritt nicht leisten: Ich kann als Mutter nicht zurücktreten, wenn ich etwas falsch gemacht habe. Meine einzige Chance ist, mich zu bessern. Ich kann als Journalistin aufhören zu schreiben, wenn ich etwas falsch gemacht habe. Aber was ist danach besser? Ich kann als Ehefrau überhaupt nicht zurücktreten, wenn ich etwas falsch gemacht habe. Auch hier bleibt mir nichts anderes übrig, als mich zu bessern. Zumindest nicht, wenn ich den Ehe-Auftrag der katholischen Kirche ernst nehme.

Wenn ich meinen Mann nicht um Scheidung bitten darf, weil ich in der Ehe Fehler gemacht habe und sie infolgedessen für unmöglich halte, dürfen Sie nicht um den Verzicht auf Ihr Amt bitten.

Soweit die Analogie auf gut Katholisch. Doch das eigentliche Thema ist ja nicht die Frage nach Ihrer Schuld. Auch nicht die Frage, wer’s besser kann. Und der Kontrapunkt Köln ist überhaupt nicht das Thema. Nicht einmal ein Nebenkriegsschauplatz.

Es geht aber unbedingt darum, die Selbstzerstörung der katholischen Kirche zu verhindern. Und danken Sie Gott, dass ich trotz Maria 2.0 niemals Ihr Beichtvater werden kann. Sonst erhielten Sie von mir die Aufgabe, sich gegen den Untergang zu stemmen. Prometheus, nicht Antagonist.

Versuchen wir’s mal auf gesamtgesellschaftlich:

Eine Gesellschaft, die sich alle möglichen und unmöglichen Freiheiten nimmt, vor allem die Freiheit vom Glauben und von einschränkenden Werteregelungen, besteht bei öffentlichem Verstoß gegen die Regeln, die noch gelten, auf Rücktritt der Person, die sie für schuldig hält. Der Schuldige ist der Sündenbock und der Rücktritt so etwas wie das reinigende Fegefeuer, das es eigentlich nicht mehr gibt, seit die Aufklärung uns solche Vorstellungen genommen hat. Gereinigt wird aber in diesem Feuer keinesfalls die zurückgetretene Person – sondern nur das Spiegelbild der Gesellschaft. Letztlich das Ego des Betrachters, der einst, als sich Gesellschaft konstituierte, als Teilnehmender und nicht als Zuschauer gedacht war.

Eine Gesellschaft, die sich sexuell fast alle Freiheiten genommen hat, die man sich nur denken kann, hat als letztes Tabu nur die Reinheit und Unschuld der Kinder noch nicht gebrochen. Im Gegenteil, sie überhöht sie sogar. Gleichzeitig scheint es, als habe es noch nie so viele sexuelle Übergriffe auf Kinder gegeben, wie zu unserer Zeit. Ob da der Schein trügt, wissen nicht einmal die Soziologen sicher zu benennen. Wie sollten sie auch?

Sicher aber ist: Das Paradigma „sexueller Missbrauch“ ist medial dominanter denn je. Unwahrscheinlich, dass es „nur“ katholische Priester sind, die sich schuldig machen und gemacht haben. Auffällig aber, dass die Debatte fast nur gegen die katholische Kirche geführt wird. Das erklärt sich zum einen aus ihrem Anspruch. Es erklärt sich zum anderen aber aus der unausgesprochenen Absicht der Gesellschaft sich der Katholiken (und anderer religiöser Gruppen, die sich noch eine gesamtgesellschaftliche Absicht bewahrt haben) zu entledigen.

Was ist mit dem Sport? Selbstverständlich gibt es dort Missbrauch und selbstverständlich ist er auch dort keinesfalls eine Randerscheinung. Sie können sprechen, mit wem Sie wollen: Fast jeder kennt zumindest vom Hörensagen ein Beispiel von einem Sportlehrer, einem Kursleiter, einem Trainer, ...

Doch die Abrechnung mit dem Sport ist gesellschaftlich überhaupt nicht gewollt. Das hat schlicht damit zu tun, dass der Sport die Rolle übernommen hat, die einstens die Religion hatte. Gehen Sie mal sonntags morgens statt in die Kirche in den Wald. Dort finden Sie die Menschen, die sich und ihren Körper andächtig heiligen. Und das meine ich nicht nur spottend. Sport und Ernährung stehen zumindest derzeit ganz deutlich in der Aufgabe der Selbstreinigung. Der Mensch ist auf der Suche nach Reinheit und Unschuld – und er möchte gerne das Gefäß, das er bei der Geburt erhalten hat, dem Tod rein und unschuldig zurückgeben können. Ewig auf der Suche nach dem goldenen Kind. Dass der Mensch im Allgemeinen aber weit davon entfernt ist, unschuldig zu sein, macht die Aufgabe nur spannender und das Ziel lohnender.

Unschuld und Reinheit sind der heilige Gral dieser Gesellschaft. Schuld und Sühne sind Begriffe aus einer anderen Welt. (Dass Dostojewkis Roman in neueren Auflagen nun „Verbrechen und Strafe“ heißt, ist ja mehr als bezeichnend). Damit erhöht sich aber ihre Anziehungskraft. Das eigentliche Dilemma ist, dass wir alle in der Missbrauchsdebatte gezwungen sind – zu unserem eigenen Glück oder Unglück – die Unschuld des Kindes (anteilnehmend und nachvollziehend) immer wieder neu zu zerstören. Dahinter steckt eine tiefe Sehnsucht nach Gewalt und Erniedrigung, von der die Missbrauchsdebatte doppeltes Zeugnis gibt. Der Leser, der ganz normale Zeitungsleser, wird so zum lesenden Wiederholungstäter, der unter dem Mantel der Empörung, seiner stillen, uneingestandenen Sehnsucht freien Lauf lassen kann.

Das alles, Herr Kardinal Marx, ist, selbstredend und immer noch blökend, gar nicht zuende gedacht, nur halb verstanden, noch nicht ganz verdaut. Aber es ist Teil meiner Wahrnehmung und Beobachtung seit drei Jahrzehnten. Und es ist die Aufgabe (nicht nur) der Kirche, die Missbrauchsmuster, ihr Entstehen, ihre Bedeutung, ihre Ursachen zu erkennen, ihnen etwas entgegenzusetzen, die Dinge zu verstehen.

Es ist nicht Ihre Aufgabe, den Prügelknaben zu geben, nur weil eine nicht-katholische Gesellschaft laut schreit.

Es ist nicht Ihre Aufgabe, die Deutung solch schwerwiegender gesellschaftlicher Handlungsmuster allein den Sozio-, Psycho- und allen anderen Logen, erst recht nicht der Politik, zu überlassen.

Was Sie im Rückzug vorantreiben, ist die Selbstzerstörung der katholischen Kirche, zumindest in Deutschland. Denn – zurück zu Ihrem Kontrapunkt: Wenn weder Sie noch Rainer Maria Kardinal Woelki den Weg in welche Zukunft auch immer, aufrecht gehen, wird es gar keine Erneuerung geben. Sie müssen nicht gemeinsam gehen, Sie müssen gar nicht dasselbe Ziel haben, aber Sie müssen beide aufrecht gehen. Wenn Sie sich dabei vollkommen quer gegenüberstehen: Umso besser, wir Menschen denken gerne bipolar.

Ihr Weg ist dabei natürlich die Suche. Das geht nicht zwingend gut aus. Die Fragezeichen wiegen schwer und sie stehen mit Sicherheit nicht nur Ihnen im Weg. Aber Sie müssen trotzdem da lang. Der Weg entsteht bekanntlich beim Gehen.

Ich habe mir mit Ihrem Rücktrittsgesuch ernsthaft überlegt, ob jetzt nicht doch der Zeitpunkt gekommen ist, an dem auch ich aus der katholischen Kirche austreten muss. Obwohl ich nicht will. Aber ich kann die Kirche, die mir bislang Stütze auf meinem Lebensweg war, kaum noch wiederfinden. Der Anstöße und Abstoßungen sind ja durchaus viele:

Die katholische Messe zum Beispiel wird durch Anwendung coronarer Maßnahmen immer mehr zur Veranstaltung. Nach über einem Jahr Verständnis und Sorgfalt ist aus mir statt einer Gottesdienstteilnehmerin mittlerweile und ungewollt ein Theatergast geworden. Ich schaue dem Treiben am Altar beurteilend oder manchmal sogar wohlwollend zu. Teil der Messe bin ich allenfalls noch bei der Kommunion. Und beim Amen. Die katholische Gemeinde aber, und das wiegt nach einem Jahr fast noch schwerer, ist schon zerstört: kein Chor, kein Suppe-Essen, kein Frühschoppen, kein Frauenkreis.

Keine Kirche. Nirgends.

Zurück zum Anfang: Der Kampf geht weiter, sagten Sie bestätigend. Und wenn der Weg im Gehen entsteht, werde ich den Herrn bitten, dass er Ihnen Geleit gibt. Nicht nur Ihretwegen. Und wohin auch immer Sie gehen: Der Rückzug ist kein Weg. Und so will ich Ihnen am Schluss zugute halten, was ich Ihnen am Anfang nicht vorwerfen mochte. Ihr Rückzugsangebot ist Teil der Strategie, oder? Eine Drohung an einen Papst, dem sonst nicht beizukommen ist? Eine Drohung an Bischöfe, die auch Ihren Weg ganz woanders suchen?

Gelobt sei Jesus Christus!

Mechthild Eissing


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zuletzt bearbeitet 07.06.2021 | Top

RE: Offener Brief an Kardinal Marx von Mechthild Eissing

#2 von Dr.Josef Haas , 07.06.2021 17:13

Ich bin ja selbst katholischer Christ- infolgedessen wurde Ihr "Offener Brief", sehr geehrte Frau Eissing, von mir sehr aufmerksam gelesen.
Mit dessen Inhalt kann ich allerdings in keiner Weise einverstanden sein. Die in den Missbrauch verwickelten Priester haben nämlich durch
ihr verbrecherisches Handeln eine derartige, untilgbare Schuld auf sich geladen, dass jeder, der diese Verbrechen durch Verschweigen
zumindest indirekt unterstützt, ebenfalls für alle Zukunft gebrandmarkt ist und bleibt. Dies gilt damit natürlich auch für einen Kardinal
Woelki, dem genau dies, also Vertuschen dieser Verbrechen- ob zu recht oder zu unrecht, lasse ich hier einmal dahin gestellt sein- vorgeworfen
wird.
Von einem Kardinal Marx, der genauso wie Woelki in all dies involviert war und ist, halte ich zwar ebenfalls überhaupt nichts, immerhin hat er
aber mit seinem Rücktrittsangebot denn doch ein klein wenig mehr Haltung gezeigt wie der Kölner Bischof, dessen Selbstgerechtigheit und
gefälligkeit demgegenüber in des Wortes tatsächlichster Bedeutung zum Himmel stinkt.
Daher kann ich es nur bedauern, dass Sie so einen Heuchler wie Woelki auch noch in Schutz nehmen und durch den Vergleich des Missbrauches
junger Menschen durch katholische Priester mit ähnlichen Gegebenheiten, etwa im Sport, derartiges gleichsam noch entschuldigen.
Nein, und deshalb sei es hier noch einmal wiederholt: Solange die katholische Kirche nicht einen j e d e n der Missbrauchsverbrecher
exkommuniziert hat, ist und bleibt sie eine Organisation widerlicher Heuchler, die genau das, was Ihnen und auch mir gottesdienstmäßig am
Herzen liegt, durch ihr erbärmliches Handeln im genannten Zusammenhang in den Dreck zieht.
Daher kann ich es auch nur bedauern, dass Sie mit Ihrem Schreiben an Kardinal Marx den Eindruck erweckt haben, als sei der ja jahrzehntelang
von der katholischen Amtskirche beschrittene Weg des Vertuschens und Verschweigens etwas, was es doch irgendwie beizubehalten gilt.
Selbst der ja fast alles in seiner Güte und Barmherzigkeit verzeihende Herr Jesus Christus kann und wird aber dafür nicht das geringste Verständnis
aufbringen!

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RE: Offener Brief an Kardinal Marx von Mechthild Eissing

#3 von Uwe Eissing , 08.06.2021 08:17

Lieber Dr. Haas,

wenn der Tod eines Menschen ein Universum beendet, dann ist auch das Leid eines einzigen Menschen unerträglich. In diesem Sinne ist Ihren Worten wenig hinzuzufügen.
Die Kunst der Politik besteht nun aber darin, dieses Leid eines, mehrerer oder vieler Menschen in eine politische Bewegung zu verwandeln, die dann wieder Staat und Gesellschaft im Sinne der Macht gestaltet.
Diese Kunst der Macht war immer und deshalb hat der religiöse Mensch schon immer die Frage aufgeworfen, wo sein Ort in diesem Kontext sein soll. „Wer das Schwert erhebt, kommt durch das Schwert um“, dieses Wort ist uns aus dem Neuen Testament geläufig. Und zu ihm gesellt sich das Wort, „gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.“ Der heilige Augustinus hat uns in „DE CIVITATE DEI“ das gut beschrieben, dass wir zwischen dem Reich Gottes und dem der Welt unterscheiden sollten. Unsere Pflichten einhalten, ohne uns dem Reich der Welt ganz zu verschreiben. Diese Sicht schafft eine Zweidimensionalität, in der der religiöse Mensch Luft zum Atmen bekommt und handeln kann. Diese Sicht von den zwei Reichen hat Europa lange getragen und uns Halt gegeben.
Das Schwert in der Hand des Fürsten sei von Gott, schreibt Martin Luther in „von weltlicher Obrigkeit“ und hat damit unsere „Obrigkeitstreue“ mit höherer Weihe versehen. Aus demselben Satz leitet Thomas Müntzer ab, dass die Fürsten, eben weil das Schwert in ihrer Hand von Gott ist, eine hohe Verantwortung für das Volk tragen und, wenn sie dieser Verantwortung nicht gerecht werden, zu stürzen sind. Der eine wird erschlagen, der andere zum Propheten der Deutschen. Insofern können wir sagen, dass da nichts Neues im Westen zu berichten ist. Und doch hat sich etwas geändert.
Ausgehend vom vatikanischen Konzil in den 60er Jahren beschreitet die Kirche mit dem Aggiornamento den Weg der Heiligung des Alltäglichen und landet in der Banalisierung des Heiligen. Schlimmer noch, die Zweidimensionalität der Welt des heiligen Augustinus schrumpft zu einer eindimensionalen Welt zusammen, in der das Religiöse säkular und das Säkulare religiös aufgeladen ist. Toleranz verwandelt sich von der Duldung abweichender Meinungen und Ansichten in ein gemeinsam zu sprechendes Glaubensbekenntnis.
In diesem Kontext einer eindimensionalen, nach-christlich säkularen Kultur ist auch die Missbrauchsdebatte genau wie 1935 und 1936 ein Instrument der Machtausübung. Der religiöse Mensch wird das Leid der Opfer im Auge haltend sehr wohl genau hinsehen, wer hier welche Interessen mit Macht durchsetzt. Dass die Zerstörung der katholischen Kirche ein unverändertes Ziel in Deutschland ist, lässt sich von der bismarckschen Reichsgründung bis heute gut beschreiben. Es geht um den Machtanspruch einer Kultur, die allein den Umstand, dass es eine andere Dimension als sie selbst geben könnte, nicht gut ertragen kann. Die Totalität dieser neuen Selbstgewissheit ist erschreckend und verheißt nichts Gutes.
Die innere Distanz des religiösen Menschen zum Reich der Welt verschafft ihm aber auch einen besseren Blick auf das Geschehen der Macht, ihre Lügen und Spiele. Insofern ist der religiöse Mensch im Sinne des heiligen Augustinus realistischer, weil er dem Spiel der Macht letztlich keine göttliche Weihe beimessen muss, sondern die Fakten nackt betrachten darf. Das ist Geschenk und Last zugleich.

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