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Debatte eines Anhängers der islamischen Befreiungstheologie mit zwei Linken (1)

#1 von Yavuz Özoguz , 28.03.2018 18:18

Debatte eines Anhängers der islamischen Befreiungstheologie mit zwei Linken (1)

Antiimperialismus

Von Yavuz Özoguz, Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Kann es so etwas geben? Einen Dialog mit dem Ziel, Gemeinsamkeiten auszuloten – und das zwischen einem religiösen Menschen und zwei Freidenkern, zwischen dem Anhänger der islamischen Befreiungstheologie und zwei Linken? Ob das möglich ist, muss sich zeigen. Auf verschiedenen Themenfeldern wollen wir uns zu diesem Zweck bewegen – Yavuz Özoguz auf der einen sowie Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann auf der anderen Seite. Es beginnt mit dem Themenfeld Antiimperialismus.

Islamische Befreiungstheologie und Antiimperialismus

Von Yavuz Özoguz

Als Imperialismus wird das Bestreben eines Staatswesens bzw. seiner politischen Führung bezeichnet, in anderen Ländern oder bei anderen Völkern wirtschaftlichen und politischen Einfluss zu erlangen, bis hin zu deren Unterwerfung und Eingliederung in den eigenen Machtbereich. Typischerweise geht das einher mit dem Auf- und Ausbau von ungleichen wirtschaftlichen, kulturellen oder territorialen Beziehungen.

Im Islam dienen Politik, Wirtschaft und alle anderen Bereiche des Lebens keinem Selbstzweck, sondern sind dem absoluten Monotheismus untergeordnet. Damit ist gemeint, dass gemäß dem islamischen Menschenbild der Mensch für ein einziges Ziel erschaffen wurde, nämlich die höchste Stufe der Liebe zu erlangen: die Liebe Gottes. Alles, vom kleinsten Teilchen bis hin zum Universum, ist für dieses eine Ziel erschaffen, dass der Mensch die höchste Stufe der Liebe erlangt. Dem Monotheismus steht unter anderem gegenüber der so genannte Polytheismus (Götzenanbetung), was in unserer heutigen Zeit das Verfolgen mehrerer sich teilweise widersprechender Ziele ist. Wenn z.B. Freiheit ein eigenständiges Ziel ist und Sicherheit ein anderes eigenständiges Ziel ist, wird es zwangsläufig zum Konflikt bei der Befolgung beider Ziele kommen. Eine menschenwürdige Lösung ist nur dann möglich, wenn beide sicherlich anstrebbaren Ziele einem einzigen übergeordneten Ziel untergeordnet sind und das übergeordnete Ziel bestimmt, wie der Konflikt der untergeordneten Ziele gelöst werden kann.

Die höchste Stufe der Liebe beinhaltet die Freiheit des Menschen, sich freiwillig in dieses monotheistische System einordnen zu können oder es abzulehnen mit allen damit verbundenen Konsequenzen, nämlich die ewige Freiheit anzustreben oder in Unfreiheit zu geraten. Daher steht es dem Menschen auch nicht zu, einem anderen Menschen diese Freiheit zu nehmen. Vielmehr müssen alle Mittel, seien es politische oder wirtschaftliche, so entwickelt werden, dass allen Menschen gemeinsam das höchstmögliche Potential bereitgestellt wird, seiner Natur – dem Streben nach Liebe - nachkommen zu können.

Der Imperialismus ist eine Ideologie, die genau das nicht nur für einen Teil der Menschen (den Unterdrückten) verhindert, sondern für alle Beteiligten (also auch für den Unterdrücker). Ein Grundsatz aus dem Heiligen Quran ist: Unterdrücke nicht und lass dich nicht unterdrücken! Selbst wenn der Schaden für Unterdrücker und Unterdrückte unterschiedlich ist, werden beide von dem eigentlichen Ziel der höchsten Stufe der Liebe abgehalten. Der Anhänger einer echten islamischen Befreiungstheologie steht an der Seite der Unterdrückten dieser Erde um sowohl ihn von der Unterdrückung zu befreien, als auch den Unterdrücker zu befreien, der letztendlich ebenfalls unterdrückt wird durch seine eigenen tierischen Triebe.

Extrem ungleiche wirtschaftliche Lebensbedingungen sind für alle ihre Menschlichkeit bewahrenden Wachsamen ebenfalls eine Form der Unterdrückung. Denn kein nicht Abgestumpfter kann in Saus und Braus ohne Gewissensbisse sein Festmahl zu sich nehmen, während sein Nachbar verhungert. So ist Imperialismus auch stets mit einer Nachrichtenmanipulation verbunden. Wüsste ein Großteil der Menschen, dass ihr eigenes Handeln oder Schweigen für das Verhungern von rund 30.000 Menschen an jedem Tag mitverantwortlich ist, würden sicherlich mehr Menschen aufbegehren. So führt Imperialismus nicht nur zur Unterdrückung von fernen Ländern, sondern auch zur Unterdrückung der eigenen Bevölkerung, die von wesentlichen Aspekten des Menschseins entfremdet werden muss, z.B. durch lauter Ablenkungen (Drogen, Alkohol, ausufernde Partys, Förderung aller Triebe usw..). Islam aber heißt Konzentration auf das eigentliche Lebensziel. So ist der Antiimperialismus eines praktizierenden Muslims kein Selbstzweck, sondern Bestandteil seines ganzheitlichen und Einheit anstrebenden Daseins.


Linke und Antiimperialismus
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

„Ist die Linke die linke Hand des Imperialismus“, fragt der Schweizer Friedensaktivist Markus Heizmann. Um diese Frage beantworten zu können, wollen wir zunächst definieren, was wir unter "rechts" und "links" verstehen. Rechts: im Interesse der wenigen Reichen – mit Mitteln wie Krieg, Sozialabbau und rücksichtsloser Ausbeutung des Planeten sowie Rassismus und Feindbildern zur Spaltung der Menschheit. Links: im Interesse der gesamten Menschheit – mit dem Ziel des Aufbaus einer friedlichen, gerechten und internationalistischen Gesellschaft im weitest möglichen Einklang mit Natur und Mutter Erde.

In diesem Sinne muss die eingangs gestellte Frage eindeutig mit NEIN beantwortet werden. Die Linke ist nicht die linke Hand des Imperialismus. Sie ist unzweifelhaft Gegner der Machtkonzentration in den Händen der wenigen Reichen und damit Gegner des Imperialismus. Und damit ist auch – Differenzen beiseite lassend – die islamische Befreiungstheologie, wie sie von Yavuz Özoguz in der Frage des Antiimperialismus beschrieben wird, als links einzustufen. Und somit liegt es auf der Hand, dass alle Linken einschließlich von Anhängern der islamischen Befreiungstheologie sich zusammenschließen und sich für eine von Frieden, Gerechtigkeit und Liebe geprägte Gesellschaft einsetzen.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn nicht alles, was sich "links" nennt, ist tatsächlich links. Noch nicht einmal Begriffe wie marxistisch oder kommunistisch bürgen für linke Gesinnung. Der Imperialismus und die hinter ihm stehenden Kräfte – heutzutage das große Kapital – haben es verstanden, die Linke zu zersetzen. Oft hat sich der Imperialismus an die Spitze von "linken" Organisationen gesetzt. Das ist in der Parteienlandschaft, in der Friedensbewegung, in linken Medien und anderen linken Organisationen in erschreckendem Ausmaß zu beobachten. Das ist auch der Grund dafür, dass Markus Heizmann die Frage stellt: „Ist die Linke die linke Hand des Imperialismus?“ Und insofern muss die Frage doch in einem erheblichen Umfang mit JA beantwortet werden. Das gilt es zu erkennen – mit dem Ziel, dass alle tatsächlich linken Kräfte gemeinsam der Zersetzung begegnen – Anhänger der islamischen Befreiungstheologie inbegriffen.

Yavuz Özoguz beschreibt den Imperialismus als das Bestreben eines Staatswesens bzw. seiner politischen Führung, in anderen Ländern oder bei anderen Völkern wirtschaftlichen und politischen Einfluss zu erlangen, bis hin zu deren Unterwerfung und Eingliederung in den eigenen Machtbereich. Wir möchten diese Definition leicht modifizieren. Imperialismus ist unseres Erachtens das Bestreben der Wenigen (heute der Superreichen oder anders formuliert: des Großkapitals), mit Hilfe von Staaten in anderen Ländern oder bei anderen Völkern wirtschaftlichen und politischen Einfluss zu erlangen, bis hin zu deren Unterwerfung und Eingliederung in den eigenen Machtbereich. Heute sind es in erster Linie die USA, die mit ihren Machtmitteln – insbesondere den militärischen – dem Großkapital zu Diensten sind. Oder anders ausgedrückt: der Staat ist Handlanger des Großkapitals. Der Staat operiert im Auftrag des Großkapitals mittels Plünderei, Raub(mord) und Diebstahl nach außen und innen.

Ja, für alle Linken muss gelten: Unterdrücke nicht und lass dich nicht unterdrücken! Alle echten Linken stehen an der Seite der Unterdrückten dieser Erde. Ihnen geht es darum, sowohl die Unterdrückten von der Unterdrückung als auch den Unterdrücker aus seiner pervertierten Rolle zu befreien. Anstrebenswert ist eine hoch entwickelte (nicht an technischem Fortschritt bemessene) sozialistische Gesellschaft oder Gemeinschaft, die im Wohl einzelner das Wohl aller erkennt und umgekehrt. So ist der Antiimperialismus eines Linken kein Selbstzweck, sondern Bestandteil seines Strebens nach einem Leben in einer friedlichen, gerechten Welt, in der Respekt und nicht Gier und Hass regieren. Unterdrückte aller Länder, vereinigt Euch!

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RE: Debatte eines Anhängers der islamischen Befreiungstheologie mit zwei Linken (1)

#2 von Dr.Josef Haas , 29.03.2018 20:37

Gleich zu Beginn sei es besonders betont: Dieser Dialog ist ebenso notwendig wie nützlich.
Allerdings muss dabei m.E. auch von liebgewordenen Illusionen Abschied genommen werden.
So sind manche von Ihnen, lieber Herr Dr.Özoguz, auf den Islam bezogene Charakterisierungen
mittlerweile in zahlreichen Ländern, wo er teilweise sogar als Staatsreligion firmiert, absolute
Fremdwörter geworden.
Ist es etwa richtig, dass in Saudi-Arabien oder den Golfstaaten, meinetwegen auch in der Türkei,
"Politik, Wirtschaft und alle anderen Bereiche des Lebens keinem Selbstzweck dienen"?
Das ist doch, zumindest dort, erwiesenermaßen nicht der Fall.
Stattdessen werden gerade bei den Saudis und am Golf viele Menschen ausgenutzt und
ausgebeutet. Und für wen geschieht dies in aller Regel?
Das ist ebenso bekannt wie eine tagtägliche Gotteslästerung schlimmster Art.
Der Nutznießer dieses abscheulichen Tuns ist in Riad eine überschaubare Anzahl von Prinzen,
die den Wahabiten-Staat im Namen des Islam repräsentieren und ihn doch nur für ihre
ureigensten Ziele missbrauchen.
In den Golfstaaten geht es bekanntermaßen ähnlich zu.
Sie zitieren dankenswerterweise einen wichtigen Grundsatz aus dem heiligen Quran:
"Unterdrücke nicht und lass dich nicht unterdrücken!"
Wieder auf die erwähnten Länder bezogen:
Wie kann dies mit den dortigen, gänzlich anders gelagerten, Realitäten in Übereinstimmung gebracht
werden?
Schlussfolgerung: Leider wird auch der Islam, der an und für sich eine wunderbare Religion darstellt,
gerade heute, schamlos für niederträchtige, oftmals sogar perverse, Ziele von Menschen missbraucht,
die dabei ständig vorgeben, ihm besonders verpflichtet zu sein und noch dazu seine heiligsten Stätten
auf ihrem Territorium liegen haben.
Infolgedessen zählt hier nicht die schöne Theorie, sondern was Menschen aus und mit ihr gemacht haben.
Damit wäre dann schon die Brücke zum Sozialismus geschlagen.
Auch er musste es sich ja seit 1917 gefallen lassen, ihm eigentlich vollkommen fremden Interessen
dienstbar gemacht zu werden.
Es sei in diesem Zusammenhang nur an die rund 70 Millionen Menschen gedacht, welche während der
Existenz des Sowjetsystems umgebracht worden sind. Eine ähnlich hohe Zahl von Ermordeten gab es
bekanntlich auch in der Volksrepublik China.
Sehr positiv habe ich es nun aber empfunden, dass Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann darauf
hingewiesen haben, dass "nicht alles, was sich ´links´nennt, ... tatsächlich links" ist.
Sehr treffend machen beide darauf aufmerksam, dass "der Imperialismus und die hinter ihm stehenden
Kräfte- heutzutage das große Kapital- ... es verstanden /haben/, die Linke zu zersetzen."
Daher bleibt das Verhalten sogenannter "Linker" zur Palästina-Frage für mich von vorneherein ein sicheres
Indiz dafür, wie es bei ihnen tatsächlich um ihren Antiimperialismus steht.
Ein echter Sozialist hat nämlich keinerlei Problem damit, sich mit dem um seine Freiheit kämpfenden Volk
von Palästina solidarisch zu erklären und dessen Unterdrücker, also Israel, anzuklagen.
Hier scheidet sich also schon die Spreu vom Weizen.
Übrigens auch bei den Muslimen, denn die Unterstützung des israelischen Staatsterrorismus durch Ägypten,
Jordanien, Saudi-Arabien, aber auch der Türkei, schlägt all dem, was Yavuz Özoguz als islamisches Grundfundament
benannt hat, brutal ins Gesicht.
Fazit: Wie im täglichen Leben, kommt es auch in den Bereichen von Religion und Politik nicht auf schöne Worte an.
Gefragt sind und bleiben vielmehr Aktivitäten für die Schwachen, Hilflosen und Unterdrückten.
Alles andere kann nur als Volksbetrug bezeichnet werden und würde sogar noch die marxistische Aussage stützen,
wonach "Religion Opium für die Völker" sei.
Kämpfen wir also, jeder an seinem Platz, dafür, dass diese schlimme Aussage keine Wirklichkeit wird oder, wo dies
bereits geschehen ist, sie wieder rückgängig gemacht wird!

Dr.Josef Haas  
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Registriert am: 29.07.2014


RE: Debatte eines Anhängers der islamischen Befreiungstheologie mit zwei Linken (1)

#3 von Yavuz Özoguz , 31.03.2018 20:27

Lieber Herr Dr. Haas,

genauso wenig, wie die "Linken" irgendeinen Staat oder ein reales System rechtfertigen, ist es auch nicht meine Aufgabe bei diesem Dialog, das zu tun.

Zitat
Ist es etwa richtig, dass in Saudi-Arabien oder den Golfstaaten, meinetwegen auch in der Türkei,
"Politik, Wirtschaft und alle anderen Bereiche des Lebens keinem Selbstzweck dienen"?
Das ist doch, zumindest dort, erwiesenermaßen nicht der Fall.



Das müssen Sie die Saudis, die Golfstaaten und die Türkei fragen, warum das so bzw. nicht so ist. Ich diskutiere hier als Deutscher mit deutschen Linken über eine zukünftige Utopie, ein Ideal, das zwar in unerreichbarer Ferne erscheint für Deutschland, aber das sich sehr schnell ändern kann, wenn sich ein Bewusstsein ändert. Es geht um die Ausarbeitung der Ideale und die Gegenüberstellung, damit die Menschen selbst entscheiden können, was richtig ist und was der Menschlichkeit näher kommt.Viele Menschen kennen die Unterschiede und teilweise Überschneidungen nicht.

Im Übringen ist Saudi-Arabien eine reine Despotie, die den Islam genau so missbraucht, wie die USA eine Despotie sind und "Marktwirtschaft" missbraucht für die eigene Macht. Ist die Macht nicht mehr aufrecht zu erhalten mit dem missbrauchten System, dann werden die Könige und Prinzen den Islam genau so schnell abwerfen, wie derzeit die USA die Marktwirtschaft lächerlich macht. Bei den anderen Goldstaaten und der Türkei ist es teilweise etwas komplizierter, hat aber wenig Wirkung auf Deutschland.

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