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Wie lange dauert es, bis etwas „deutsch“ ist?

#1 von Yavuz Özoguz , 22.09.2017 09:20

Wie lange dauert es, bis etwas „deutsch“ ist?

Zwei Tage vor der Bundestagswahl schreibe ich auch für einige Verirrte im Land, die meine Heimat Deutschland im Auftrag des räuberischen Kapitalismus und Imperialismus in die Nazi-Ecke drängen wollen, wie es bereits mindestens einmal zuvor mit verheerenden Folgen geschehen ist. Ich schreibe aber auch als Auftakt zu Gedenktagen mit epochalem Charakter, die eines Tages Deutschland verändern können.

Das „völkische“ Denken wird derzeit wieder einmal Hervorgerufen, um die „deutsche Identität“ zu retten. Zwar werden Begriffe wie „reinrassig“ und „Arier“ nicht mehr verwendet, aber indirekt wird es dadurch umschrieben, dass Leute wie meine Wenigkeit nicht als echte Deutsche angesehen werden. Ich habe fast mein ganzes Leben in Deutschland verbracht, Deutsch ist meine Muttersprache, Deutschland meine Heimat, ich bin deutscher Staatsbürger und engagiere mich auf sehr vielen Ebenen für Deutschland. Dennoch bleibe ich stets „nur“ ein Deutschtürke! Ich bin eben nicht reinrassig, eben kein Biodeutscher. Meine Kinder sind Eurasier, weil ich in Kleinasien geboren bin. Wie wird eines Tages meine Enkelin genannt werden, wenn die Nazis, die sich als „Alternative“ tarnen, an die Macht kommen? Wird man sie dann deutsch-algerisch-spanische Türkin nennen? Oder lässt man dann das Deutsche ganz weg, weil sie als Mischling oder eurasische Afrikanerin gar keine Deutsche sein kann?

Bevor ich zu sehr auf die persönliche Eben abgleite, soll die Frage aufgeworfen werden, wie lange es dauert, bis etwas reinrassig deutsch genannt werden kann und darf. Wie ist des z.B. mit der Kartoffel? Ist die Kartoffel deutsch? Oder anders gefragt, ist die Kartoffel nicht die urdeutsche Speise überhaupt; zumal der Deutsche als Kartoffelfresser diffamiert wird? So urdeutsch ist die Kartoffel nicht. In Deutschland sollen die ersten Kartoffeln während der Regierung Ferdinand III. um 1647 angebaut worden sein [1]. Wir können also feststellen, dass einige Hundert Jahre genügen, um deutsch zu werden, zumindest wenn man eine Kartoffel ist. Beim Kaffee ging es schneller. Noch Mitte des 20. Jh. Hieß es: „C-A-F-F-E-E, trink nicht so viel Kaffee! Nicht für Kinder ist der Türkentrank, schwächt die Nerven, macht dich blass und krank, sei doch kein Muselmann, der das nicht lassen kann.“ [2] Ich habe das Lied noch als Kanon in der Grundschule singen müssen. Bis in die 1970er Jahre war ein Kaffeetrinker nach Karl Gottlieb Hering also eine Art Türke und Muselmann, bis er in ganz Deutschland eingebürgert worden ist, außer in Ostfriesland. Im ersten Weltkrieg, als das osmanische Reich zusammengebrochen ist und keine Devisen mehr hatte, konnten sie keinen Kaffee mehr importieren und ein ganzes Volk wurde umerzogen zu Teetrinkern, die sie heute noch sind. Die Ostfriesen sind sozusagen demnach die Türken unter den neuen Deutschen. Oder anders ausgedrückt: Außer den Ostfriesen haben alle anderen Deutschen die altdeutsche Kultur verraten und trinken jetzt Kaffee. Pizza und Spaghetti gelten auch nicht als Urdeutsch, erregen aber nicht so viel Ärger bei Nazis wie der schöner machende Döner. Die Wahrzeichen von Dresden [4], Potsdam [5] und Schwetzingen [6] sind architektonisch als Moschee gestaltet und im Letztgenannten weist ein „Moscheeweg“ in die Richtung; alles Errungenschaften, die viele Jahrzehnte alt sind, aber welcher AFD-Wähler kann weiter als seine Nasenspitze schauen?

Die genannten Beispiele betrafen aber keine Menschen. Wie ist es bei Menschen? Da hat Deutschland eine Geschichte, welche die dem Imperialismus dienenden AFDler kaum kennen dürfte. Schon dem Kaiser des römisch-deutschen Reiches, Friedrich II. von Hohenstaufen (1194-1250), wurde und wird nachgesagt, dass er eigentlich ein Muslim gewesen sei [3]. Unabhängig davon, ob das stimmt, sind enge Beziehungen der Deutschen zum Islam schon viele hundert Jahre alt. Die Geschichtsbücher wimmeln nur so von Deutschen und Europäern, die den Islam angenommen haben, und zwar lange bevor ein heutiger AFDler geboren wurde, wie z.B. der berühmte Ägyptologe Henrich Brugsch (gest. 1894) [7], die Generäle Joseph Bem (1859) [8] und Georg Kmety (1865), der Orientalist Johann Ludwig Burckhardt (1817) [9] oder der Mitbegründer des roten Habmondes Karl Eduard Hammerschmidt [10]. Zudem gibt es in Deutschland so viele historische muslimische Gräber, dass man schon geschichtsignorant sein muss, um sie alle zu übersehen. Eine ausführliche Abhandlung zum Thema würde Bücher füllen.

Daher hier die abkürzende Frage: Sind denn Jesus und Maria Deutsche? Wenn nein, warum konnte man sie integrieren? Der Grund liegt darin begründet, dass Jesus ein universeller Mensch war, der für Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur gewirkt hat, wie auch seine heilige Mutter. Solche Dimensionen übersteigen aber den geistigen Horizont von deutschen Rassisten!

Heute beginnt das islamische Neujahr 1439 und damit die Trauertage für Imam Husain. Der Enkel des Propheten Muhammad stand im Jahr 680 n.Chr. mit einer kleinen Gruppe von einigen dutzend Getreuen des wahren Islam einem Heer von 30.000 bestausgerüsteten Soldaten des missbrauchten Namen des Islam gegenüber. Der Prophetenenkel Husain und seine Getreuen standen in der Ebene von Kerbela am zehnten Tag des ersten islamischen Mondmonats, dem Tag Aschura (Zehnter), allein und ohne Wasser zur Verteidigung der Wahrheit aufrecht. Sie wurden nahezu alle massakriert. Das Imperium hatte zugeschlagen, denn es duldet keinen Aufstand gegen seine Herrschaft. Aber der Revolutionär im Namen der Wahrheit und Gerechtigkeit lebt heute noch in den Herzen so vieler Menschen. Seine Anhängerschaft war eine „gemischte“ Anhängerschaft aller Haut-, Augen- und Haarfarben. Die Gegner waren „reinrassige“ Soldaten teuflischer Unmenschlichkeit.

Die Welt hat seit Kain und Abel nichts anderes gesehen: Immer gab es einen Moses und immer einen Pharao. Wer den Moses seiner Zeit direkt erkennt, ist gesegnet. Wer ihn nicht direkt erkennt, baucht nur zu schauen, welche gottesehrfürchtige Person vom Pharao der Zeit bekämpft wird. Pharao Trump war da sehr eindeutig. Bei allen Scharmützeln, die er mit vielen Ländern ausfechtet, Erzfeind des USraelischen Pyramidenbauer ist und bleibt Imam Chamenei! Und damit sind wir zurück bei den Wahlen.

Wer die AFD wählt, wählt das Imperium. Und wer die CDU, SPD, FDP oder Grüne wählt, wählt auch das Imperium. Bei den Linken bin ich mir nicht sicher. Bei einigen Kleineren kann es anders sein. Doch das Imperium hat Deutschland stets nur geschadet, auch indem es eine fiese Fratze des deutschen Rassismus in der Welt verbreiten ließ.

Ich kenne meine Heimat Deutschland anders. Es gibt auch ein Deutschland der Nächstenliebe und der Menschlichkeit. Es gibt ein Deutschland der Bereitschaft zur Gerechtigkeit. Es gibt ein Deutschland, bei dem nicht darauf geschaut wird, was auf dem Kopf getragen wird, sondern was im Kopf gedacht wird. Es gibt ein Deutschland, das die Geschichte von Aschura in Kerbela verstehen könnte, denn Imam Husain hat sich auch für Deutsche aufgeopfert. Es ist die Aufgabe der deutschen Muslime, insbesondere der Anhänger Imam Husains, die Geschichte, die auch eine deutsche Geschichte sein kann, den Mitbürgern zu vermitteln. Ich wünsche diesem Land einen gesegneten Wahlsonntag und gesegnete 10 Tage des Gedenkens an Imam Husain.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Kartoffel
[2] http://www.eslam.de/begriffe/k/kaffee_kanon.htm
[3] http://www.multiperspektivisch.de/nachricht/detail/8.html
[4] http://www.eslam.de/begriffe/y/yenidze.htm
[5] http://www.eslam.de/begriffe/p/pumphaus_potsdam.htm
[6] http://www.eslam.de/begriffe/s/schwetzin...hlossgarten.htm
[7] http://www.eslam.de/begriffe/b/brugsch_heinrich.htm
[8] http://www.eslam.de/begriffe/b/bem_joseph.htm
[9] http://www.eslam.de/begriffe/b/burckhardt_johann_ludwig.htm
[10] http://www.eslam.de/begriffe/h/hammerschmidt.htm


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zuletzt bearbeitet 22.09.2017 | Top

RE: Wie lange dauert es, bis etwas „deutsch“ ist?

#2 von Dörte Donker , 23.09.2017 14:25

Die Frage müsste eher heißen, was ist deutsch. Eine Frage, die wir in der Nachkriegszeit nie beantworten durften, wenn man es versuchte, wurde man in eine Naziecke gestellt...ja, auch wenn es um Werte ging, vor allem um Werte. Jetzt bewegen wir uns dahingehend in einem Vakuum, und es kommen Interpretationen des Deutschseins auf, die sich nur noch als Abgrenzung zum Islam verstehen. Das ist m.E. ein riesen Problem, denn der Islam hat mit seinen Werten mehr mit den deutschen Werten zu tun, als die Motivation jedes 5. Deutsche, sich zum Beispiel tätowieren zu lassen. Wir können Deutschsein weder rassisch definieren, die Zeiten sind einfach vorbei in einer Welt, in der sich die Menschen von Land zu Land und Kontinent zu Kontinent bewegen, außerdem wäre jede rassische Definition reiner Materialismus und fragwürdiger Biologismus, denn tatsächlich sind die höheren menschlichen Ideale nicht vom Phänotyp abhängig. Das ist eine Tatsache, die die Grundlage der rassistischen Theorien einfach widerlegt. Wir können Deutschsein auf einer geistigen Ebene definieren und daran scheitern wird aufgrund dessen, was ich oben beschrieb. Ist unser derzeitig gelebter Amerikanismus deutsch? Was ist eigentlich von unserer einstigen deutschen Kultur wirklich übrig geblieben? Das Oktoberfest? Natürlich, ich sitze mitten drin im Deutschsein und vielleicht ist es mein blinder Fleck, dass ich deutsche Kultur zur Zeit kaum definieren kann. Vielleicht erkennt jeder Ausländer mehr deutsche Kultur, als ich es vermag. Vielleicht aber müssen sie sich das Selbe fragen. Kultur wird über Traditionen gelebt und weiter getragen. Haben wir solche noch? Oder sind das nur noch Rudimente, die wenn sie marktgerecht und gewinnbringend sind, noch als Erinnerung erhalten bleiben. In meiner Familie war es über Jahrhunderte Tradition die Vornamen der Vorfahren weiter zu geben, so wie es die Germanen taten und in Ostfriesland lange erhalten blieb. Selbst das verstehen meine biodeutschen Nachbarn nicht einmal mehr; die meisten kennen diese Namen nicht einmal mehr. Neulich wurde meine Tochter gefragt, die einen urfriesischen Vornamen trägt, ob das ein Türkischer sei. Wenn jemand sein Kind aber Kevin, Celina oder Tyron nennt, fragt niemand....Nur so ein Beispiel unter vielen. Es lässt aber m.E. tief in den geistigen Zustand eine Volkes blicken, wenn um es sein kulturelles Bewusstsein geht und um die Frage, was eigentlich deutsch ist.


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RE: Wie lange dauert es, bis etwas „deutsch“ ist?

#3 von Dr.Josef Haas , 23.09.2017 18:54

Sehr beherzigenswerte Gedanken!
Denn die Suche nach den heutigen Werten in Deutschland konfrontiert einen in der Regel sofort mit den schlimmsten
Auswüchsen des Amerikanismus und damit der totalen Negation echter Kultur.
Für immer mehr Menschen hierzulande, ob Deutsche oder Nicht, haben unsere traditionellen Werte wie Einsatz
für die Gemeinschaft, Nächstenliebe oder Gerechtigkeitssinn, leider keinerlei Wert, ist nur noch der Konsumwahn
das Maß aller Dinge.
Die derzeit über unser Land Herrschenden fördern aus nachvollziehbaren Gründen selbstverständlich diese
Verhaltensweise, hält sie ihnen doch oppositionelles Gedankengut vom Leib.
Bedauerlicherweise haben sich viele sog. Muslime, vor allem Türken, diesem Geist- und Wesens zerstörenden Treiben
willenlos anheim fallen lassen.
Infolgedessen wäre hier im 500.Jahr des Luther´schen Thesenanschlages von Wittenberg eine Reformation in des
Wortes bester Bedeutung für diese dringend vonnöten.
Bei ihrem Gelingen könnten die in ihren Genuss gekommenen Menschen dann sowohl Rettung wie Segen für unser
derzeitiges, kaum mehr als solches wiedererkennbares, Deutschland werden!

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