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Evet oder Hayir zur westlichen Parallelgesellschaft – ein persönlicher Reisebericht

#1 von Yavuz Özoguz , 08.04.2017 14:04

Evet oder Hayir zur westlichen Parallelgesellschaft – ein persönlicher Reisebericht

Die westliche Welt verabschiedet sich mit ihren immer deutlicheren und kaum noch zu übersehenden Verbrechen von der Menschheit und Menschlichkeit und versucht dies zu überdecken durch immer mehr Arroganz und den Zeigefinger auf andere Völker.

Nach einem fast zweiwöchigen Türkeiaufenthalt wollte ich eigentlich über die Zerrbilder sprechen, die in der westlichen Welt verbreitet werden. Noch bevor ich meinen Text schreiben konnte, bricht der oberste Führer der westlichen Welt, der US-Präsident das Völkerrecht mit seinem Bombardement Syriens derart eklatant, dass noch nicht einmal mehr die eingebetteten eigenen Journalisten darüber hinweg sehen können und vorsichtig bei den eigenen Politikern nachfragen. Diese bestätigen einmal mehr, dass Deutschland an der Seite aller Völkerrechtsverbrechen der USA und Israels steht und stehen wird. Diese ganze Situation hat sehr stark mit dem Konflikt zu tun, der scheinbar aus der Türkei in den Westen – insbesondere nach Deutschland – herüberzuschwappen scheint. Der Konflikt ist auch ein Konflikt eines untergehenden westlichen Weltreichs.

Warnungen vor der Türkei

Zwei bis drei Mal im Jahre fahre ich normalerweise in die Türkei. Noch bevor meine Ehefrau und ich dieses Mal abgereist sind, kamen mahnende Worte von Verwandten und Bekannten: „Willst Du wirklich in die Türkei reisen?“ „Hast du keine Angst dort festgenommen zu werden?“ „Du bist doch oft regierungskritisch gewesen in Deinen Schriften und sie buchten doch jeden ein, der etwas gegen Erdogan sagt“ usw. usf.. Da nütze mir auch nichts, dass ich deutscher Staatsbürger sei. Der erstaunlichste Einwand war: „In der Türkei herrscht doch Ausnahmezustand, da gelten andere Regeln“. Merkwürdigerweise hat kein einziger meiner Bekannten mich jemals davor gewarnt nach Frankreich zu reisen, wo ich manchmal beruflich hinfahren muss. Dort herrscht noch viel länger Ausnahmezustand als in der Türkei.

Bereits kurz nach der Landung in Istanbul wird klar. Die lästig Schlangen vor Passkotrollen wie in Deutschland gibt es hier nicht, und das schon seit mehreren Jahren! Und vorab kann ich feststellen, dass ich bei fast 100 Türkeireisen in meinem Leben noch nie so wenig Polizei auf den Straßen gesehen habe wie dieses Mal. Militär gab es gar nicht, und wir waren wirklich sehr intensiv unterwegs.

Wahlfestival

Die Evet- und Hayir-Stände sind vor allem dort aufgestellt, wo es sehr viel Publikumsverkehr gibt. So beschallen am Kadiköy-Bootsanleger die Kontrahenten einander in einer äußerst lockeren Atmosphäre gegenseitig mit ihren jeweiligen Liedern. Das Ganze hat eher eine Art Volksfestcharakter.



Die Hayir-Verfechter schreiben ziemlich unverblümt „Nein zum Ein-Mann-Regime“ auf ihre Plakate. Das Wort „Regime“ klingt im Türkischen kaum besser als im Deutschen. Dennoch regt sich kaum jemand darüber auf. Die neuste Idee der Hayir-Leute bestand darin, ihre Plakate auf den Boden zu kleben. Aber ob das eine wirklich gute Idee ist, dass alle darüber laufen, sei einmal dahingestellt.



Der Stand der HDP (linkes Foto) fand in Kadiköy stets großen Andrang. In anderen Stadtteilen war die Sympathielage anders verteilt.



Es gab auch an manchen Stellen sehr spontane Demos für oder gegen das eine oder andere. Dabei gab es weder eine aufgeregte Bevölkerung noch irgendeine Polizei, die gekommen und eingeschritten wäre. An fast allen Ständen wurde zu Folklore getanzt, mal nach recht und mal nach links. Selbst die Kommunisten (TKP) haben ihre Broschüren problemlos verteilen können.

Die Broschüren aller Parteien sind vergleichsweise sachlich gestaltet. Die Argumente der Gegner sind in Deutschland hinreichend bekannt. Die Argumente der Befürworter hingegen nicht. So soll mit dem Referendum z.B. die bisher geltende Immunität des Regierungschefs selbst bei Straftaten aufgehoben werden können (was bisher nicht möglich war). Das passive Wahlrecht wir von 25 auf 18 Jahren herabgesetzt. Die Militärgerichte werden abgeschafft und vieles andere mehr. Einige Argumente finden sich sowohl auf den Plakaten der Befürworter als auch der Gegner. So meinen die Gegner, dass Wahlen für Parlament und Regierungschef nur alle fünf Jahre zu viel Zeit für Missbrauch ebnet, wohingegen die Befürworter darin die Gelegenheit sehen auch einmal größere notwenige Projekte ohne Wahlkampf durchsetzen zu können.

Warum gibt es so viel Ärger in und mit Deutschland?

Auffällig ist, dass die Wahlkampfstimmung in der Türkei viel gelassener ist als bei Türken in Deutschland! Da stellt sich sofort die Frage nach dem Warum. Wir haben während unseres Besuches ca. 30 Taxifahrten in der Stadt und auch außerhalb. Taxifahrer sind in jeder Stadt ein guter Gradmesser für die Stimmung und man erhält sehr schnell viele Informationen, vorausgesetzt man spricht die Sprache. Da die Taxifahrer meine Wenigkeit – im Gegensatz zu den westlichen Journalisten – als Ihresgleichen angesehen haben, kam es immer sehr schnell zu intensiven Gesprächen über die Volksabstimmung. Etwa die Hälfte der Taxifahrer stand voll hinter der angestrebten neuen Verfassung. Die andere Hälfte war entweder dagegen oder noch unentschlossen. Auf die Frage, warum es in Deutschland bei diesem Thema so viel undemokratischer zugeht als in der Türkei wussten alle Taxifahrer aller Richtungen die gleiche Antwort: Die deutsche Regierung hat sich offen in die innere Angelegenheit der Türkei eingemischt und die Gegner hofiert, während sie die Befürworter mit teils fadenscheinigen Begründungen behindert hat. Dadurch kam es zu einer hitzigen Atmosphäre. Als Grund für die Verschlechterung der Beziehungen wird auch angeführt, dass die Türkei der deutschen Regierung Listen von verdächtigen bzw. beschuldigten Personen übergeben hat, um dann zu erfahren, dass Deutschland jene Personen gewarnt hat in die Türkei zu reisen bzw. das türkische Konsulat (also türkisches Hoheitsgebiet) aufzusuchen. Man stelle sich nur vor, das wäre umgekehrt geschehen.

Auffällig war vor allem das politische Bewusstsein aller Taxifahrer und ihre Einigkeit in viele Fragen. So sahen alle die USA (zusammen mit Israel) als Feind der Türkei an, von der man sich lösen muss. Im Schlepptau hing die gesamte Westliche Welt.

Darf man in der Türkei „Nein“ sagen?

Völlig überrascht und amüsiert waren allen Taxifahrer aller Richtungen, als ich ihnen erzählt habe, wie deutsche Medien darüber berichteten, dass man in der Türkei nicht mehr „Nein“ sagen dürfe. Eine Kampagne gegen das Rauchen in der Provinz Trabzon sei abgesagt worden, weil das „Hayir“ hier missverständlich gewesen wäre. Manche Taxifahrer dachten, dass ich ihnen eine verspäteten Aprilscherz verkaufe. Als ich sie darauf hingeweisen habe, dass es ernst sei, haben sich alle an den Kopf gefasst und die Frage gestellt, warum denn die Deutschen solch einen Blödsinn überhaupt glauben würden. Ich konnte es ihnen nicht beantworten. Tatsächlich gibt es an jeder Ecke irgendeine Nein-Kampagne wie diejenige gegen Drogen.



Sind Deutsche Nazis?

Allen im Land ist klar, dass Erdogan mit seinen wiederholten Nazi-Vergleichen übertrieben hat oder provozieren wollte. Doch das erstaunliche dabei ist die Rechtfertigung: Die Türken wurden von der westlichen Welt seit Jahrzehnten gedemütigt, da schade es nicht, wenn die Deutschen auch einmal gedemütigt werden. Die Dauerdemütigung der muslimischen Welt durch die arroganten Mächte wird in den folgenden Jahren sicherlich noch in viel intensiverem Maß auf die westliche Welt wie ein Bumerang zurückfallen. Nazivergleiche wurden übrigens nicht von der Türkei eröffnet. Es waren deutschen Politiker, die vom Ermächtigungserlass in der Türkei gefaselt haben. Jener Nazi-Vergleich hat aber kaum einen deutschen Journalisten oder Politiker aufgeregt.

Ist die türkische Wirtschaft am Ende?

Die heutige türkische Wirtschaft hat mit islamischen Idealen sehr wenig zu tun und könnte als Paradebeispiel für einen auf Kosten zukünftiger Generationen aufgebauten Raubtierkapitalismus herhalten. Doch mit solch tiefsinnigen Fragen beschäftigen sich die Händler in der Türkei genau so wenig wie die Aktienhändler in Deutschland. Für den Bazari zählt, ob sein Laden gut läuft oder nicht. Beim Besuch eines befreundeten Bazari im „Kapali Tscharschi“, dem überdachten historischen Bazar in Istanbul, habe ich ihm genau diese Frage gestellt. Seine Antwort war verblüffend. Zwar sei die Zahl an westlichen Touristen (und damit Käufern) drastisch gesunken. Aber das würde inzwischen mehr als kompensiert durch Käufer aus Asien und Afrika. Und die Russen kämen auch wieder zurück. Tatsächlich sieht man an vielen Verkaufsständen, an denen früher englische Schriften glitzerten, heute arabische Schriftzeichen und russische. Von einer wirtschaftlichen Unzufriedenheit war wenig zu spüren. Der Bauboom in Istanbul ist ungebrochen. Die Wolkekratzer verschandeln zwar das Stadtbild, verdeutlichen aber, dass es der Türkei lange nicht so schlecht geht, wie in Deutschland behauptet. Einige alten Alkohol-Hotels bekommen ihre Zimmer zwar nicht mehr voll. Aber die unzähligen neuen oder umgebauten Halal-Hotels verlangen horrende Preise in der Ferienzeit, weil sie ausgebucht sind.

Was ist mit Deniz Yücel?

In der Türkei sind seit dem Putsch viele Personen inhaftiert und es gibt weitaus wichtigere und prominentere Personen für die Türken als der antideutsche Springer-Journalist, über den sie diskutieren. Dennoch wussten fast alle, dass Deniz Yücel ohne Akkreditierung in der Türkei im Ausnahmezustand Kampfgebiet der Kurden tätig war, danach in die deutsche Botschaft geflohen ist, sich dort einige Wochen aufgehalten hat und erst danach gestellt hat. Viele wundern sich darüber, dass Deutschland sich ausgerechnet für diesen hundertfünfzigprozentigen Pro-Zionisten und Antideutschen so laut einsetzen. Für die Türken selbst aber war er kein Thema. Die meisten Türken wissen auch nicht, dass viele Deutsche gar nicht wissen, was Yüsel gemacht hat und wer er ist.

Was ist mit den Frauenrechten?

Das Märchen, dass es der westlichen Welt bei ihrem Einsatz für oder gegen irgendetwas um Menscherechte ginge, glaubt in der Türkei niemand mehr. Die westliche Welt will die Welt beherrschen und die Türkei will nicht mehr beherrscht werden. Insbesondere bei den Religiösen regt sich sehr großer Widerstand gegen die westliche Welt. Als Jahrzehnte lang Frauen mit Kopftuch weder ins Parlament gewählt werden durften, noch studieren oder Beamtin werden konnten, hat sich niemand in der westlichen Welt für jene Frauen eingesetzt. Jetzt, da sie mit Kopftuch sogar in die Armee können, setzt sich die westliche Welt für Menschenrechte in der Türkei ein; das glaubt ihnen die Mehrheit nicht mehr. Auch das Argument der angeblich verloren gehenden Frauenrechte kann die Mehrheit im Land nicht beeindrucken. 1993 hatte die Türkei die erste Frau im Amt des Ministerpräsidenten der Türkei. Da war Frau Merkel gerade mal Bundesministerin für Frauen und Jugend. Unter der amtierenden AKP-Regierung gibt es mehr Frauen im türkischen Parlament (mit und ohne Kopftuch) als je zuvor.

Wird die Türkei zu einer Diktatur?

Was aus der Türkei wird, das müssen die Türken ganz alleine entscheiden. Die Gegner der Verfassungsänderung sehen die Gefahr einer Alleinherrschaft. Die Befürworter verweisen auf die maximal zweimalige Legislaturperiode. Doch die eigentliche Diktaturgefahr lauert an einer ganz anderen Stelle in der Türkei. Die Firma Nestle beherrscht solch einen großen Teil des türkischen Lebensmittelmarktes, dass es fast unmöglich ist, sich davon zu befreien. Selbst das in der Türkei so lebensnotwendige Trinkwasser muss man zumeist bei dem Konzern kaufen. Der Monopolisierungsgrad ist diesbezüglich in der Türkei erheblich weiter vorangeschritten als z.B. in Deutschland. Das aber stört den westlichen Kapitalismus in keinster Weise!

Rückreise zur Verständigung

Der Flughafen Atatürk im Stadtteil Yesilköy platzt aus allen Nähten. Dennoch erfolgen Kontrollen sehr zügig. Um das enorme Fluggastaufkommen besser beherrschen zu können hat Istanbul einen neuen Flughafen gebaut, der schon in ein bis zwei Jahren in Betrieb gehen könnte. Er wird zu einem der größten Flugdrehkreuze Europas und kann es dann mit Frankfurt aufnehmen. Im Gegensatz zu Berlin scheinen die Türken den Flughafen auch wirklich in Betrieb nehmen zu können. Im Rückflieger nach Bremen sitze ich in einem hochmodernen Airbus mit individuellem Bildschirm und schau mir den Wahlfilm „Arrivals“ an. Menschen versuchen verzweifelt mit Außerirdischen zu kommunizieren, was angesichts der verschiedenen Sprachen zunächst unmöglich erscheint. Türken in Deutschland und Deutsche sprechen die gleiche Sprache und verstehen einander dennoch nicht. Der Grund liegt an einer Arroganz der westlichen Welt, die ihre jahrhunderte Lange Weltmacht auf Demütigung der anderen Völker aufgebaut hat. Heute schreibt die pro-zionistische Bild-Zeitung, dass Trump die Gasopfer in Syrien gerächt hätte. Rache als westlicher Wert ganz offen ausgelebt! Die muslimischen Völker wollen sich aber nicht mehr widerstandslos demütigen lassen, und viele andere Völker auch nicht. Wie würde die Welt wohl aussehen, wenn Muslime aller Völker sich auch das Racherecht anmaßen würden?

Wie die Wahlen in der Türkei ausgehen werden, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass die westliche Arroganz nicht mehr sehr lange ihren verbrecherischen Kurs gegen den Rest der Menschheit aufrechterhalten kann. In dieser gefährlichen Phase der Weltgeschichte wird Deutschland mit darüber entscheiden, ob es einen selbstzerstörerischen dritten Weltkrieg geben wird oder einen Weg des gerechten Ausgleichs mit gegenseitiger Verständigung. Es schmerzt mich als Deutscher sehr, wenn unsere nichtdiktatorischen Repräsentanten die größten Verbrecher unserer Epoche unterstützen. Und dass sollte jeden Deutschen mehr berühren als Wahlkämpfe türkischer Politiker auf deutschem Boden.


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zuletzt bearbeitet 08.04.2017 | Top

RE: Evet oder Hayir zur westlichen Parallelgesellschaft – ein persönlicher Reisebericht

#2 von Dr.Josef Haas , 09.04.2017 14:34

Eine ebenso lesenswerte wie beeindruckend objektive Darstellung des aktuellen Geschehens in der Türkei.
In diesem Zusammenhang hat mir, lieber Herr Dr. Özoguz, Ihre Charakterisierung des Deniz Yüzel sehr gefallen.
Hier sind vielleicht auch dessen Gedanken über Deutschland sehr bemerkenswert weil in jeder Hinsicht
volksverhetzend, welche der langjährige ARD-Südosteuropakorrespondent Detlef Kleinert in der Zeitschrift
"Deutsche Geschichte" (1/2017) folgendermaßen wiedergibt:
"Endlich! Super! Wunderbar! Deutschland schafft sich ab! Woran Sir Arthur Harris, Henry Morgenthau und
Ilja Ehrenburg gescheitert sind, übernehmen die Deutschen nun also selbst. Der baldige Abgang der
Deutschen aber ist Völkersterben von seiner schönsten Seite."
Dem umstrittenen Autor Thilo Sarrazin wünschte er gar, "dass der nächste Schlaganfall dessen Werk
gründlicher vernichten" möge.
Dass sich nun so viele deutsche Journalisten, natürlich "BILD" vorneweg, mit diesem Yücel solidarisieren, ist
dabei nur noch ein weiterer Beleg dafür, wie geistig verkommen dieses heutige Deutschland schon ist.
Infolgedessen waren und sind auch die Nazi-Vergleiche des Zionistenfreundes Erdogan absolut deplatziert,
denn "national" denken in dieser heutigen BRD sowieso schon lange keine relevanten Politiker mehr!

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RE: Hayir zu Erdogans Politik

#3 von Cengiz Tuna , 10.04.2017 12:55

Zitat
Diese bestätigen einmal mehr, dass Deutschland an der Seite aller Völkerrechtsverbrechen der USA und Israels steht und stehen wird.


Das trifft leider auch auf Herrn Erdogan zu, nur wird das nie wahrgenommen.

Zitat
„Du bist doch oft regierungskritisch gewesen in Deinen Schriften und sie buchten doch jeden ein, der etwas gegen Erdogan sagt“ usw. usf.. Da nütze mir auch nichts, dass ich deutscher Staatsbürger sei.


Meiner Meinung nach hält sich deine Kritik in Grenzen. Selbst in diesem Artikel wird zugunsten der Türkei argumentiert. Auch der 15. Temmuz (der angebliche Putschversuch) war deiner Meinung nicht absichtlich zum Scheitern verurteilt. Warum solltest du da Probleme kriegen?

Was mir bei der Kritik gegenüber der Türkei fehlt:

1. Wie kann es sein, dass Zigtausende Menschen in Sippenhaft (sozusagen) genommen werden, nur weil sie einer Gemeinschaft angehören. Selbst wenn der Putsch „echt“ war, wäre das eine Ungerechtigkeit. Die Gülen-Anhänger bestreiten zudem den Putsch. Wo sind die unabhängigen Untersuchungen? Demnächst kommt es zu einem Schauprozess, für das extra ein Gebäude/Gericht gebaut wurde.

2. Die Beziehungen zu Israel wurden wieder normalisiert und die Zusammenarbeit weiter ausgebaut.

3. Die Türkei ist immer noch zweitgrößte Militärkraft der westlichen NATO.

4. Die Türkei bietet dem westlichen Militärbündnis (USA) an, in Syrien mitzubomben. Folglich ist die Türkei ganz offensichtlich ein Teil der westlichen Aggression.

5. Die Türkei ist ohne Zustimmung in den Irak und in Syrien einmarschiert. Diese Länder haben mehrmals betont, dass das unerwünscht sei. Der Widerstand hat sogar gewarnt, die Türkei wie einen Aggressor zu behandeln und notfalls zu bekämpfen.

6. In einem staatlichen Sender wurden die Schiiten als Kafir bezeichnet. Auf die Bitte darauf zu reagieren, kam von Herrn Erdogan nur ein Schweigen. Nicht zu vergessen, die zwei schiitischen Sender, die geschlossen wurden.

7. Wenn wir den Konflikt im Nahen Osten grob unterteilen würden, dann ist auf der einen Seite der Westen, die NATO, die arabischen Lakaien und die Türkei, auf der anderen Seite Syrien, Assad, die unterschiedlichen Widerstandsgruppen, „Russland“ und der Iran.

Deshalb kann ich deine Sicht beim besten Willen nicht nachvollziehen. Ich will nicht bestreiten, dass es bei der Wahl friedlich zugeht, aber dieser Teil wird von dir ausgeblendet. War denn kein Taxifahrer Gülen-Anhänger, oder haben die sich nicht getraut das zuzugeben?

Ich kann diesen Europa-Türkei-Konflikt nicht ernst nehmen. Genauso wie die Medien den Konflikt um Trump vortäuschen, da er in Wirklichkeit systemtreu ist, genauso ist es mit Herrn Erdogan; außer verbaler Rhetorik kommt da nichts.

Jedenfalls kommt von unseren großen Gemeinden hier in Berlin mit Deutlichkeit ein: Hayir!

Cengiz Tuna  
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RE: Hayir zu Erdogans Politik

#4 von Cengiz Tuna , 13.04.2017 14:18

Noch einiges zu dem Thema:

Der Berater des früheren Ministerpräsidenten Davutoglu Etyen Mahcupyan hat angekündigt, "Hayir" zu stimmen. Karamollaoglu von der Saadet-Partei, will ebenfalls Hayir stimmen. Die Saadet-Partei scheint für mich übrigens die einzig vernünftig gebliebene sunnitische Partei zu sein. Einige werden sogar noch deutlicher: 10 % der AKP-Anhänger selbst, sollen angeblich Hayir wählen:

http://www.habererk.com/gundem/levent-gu...var-h29500.html

Der Ex-Vorsitzende (wieder mal erst wenn Ex) der türkischen Rechtsanwaltskammer Koasakal geht sogar noch weiter und behauptet, die Verfassungsänderung sei von Anfang bis Ende ein CIA-Projekt, um die Geschicke der Türkei in Bezug auf den Nahen Osten, in eine Hand zu legen. Und wer ist dafür besser geeignet, als der BOP-Eşbaşkanı Erdogan? Die Beziehungen zu Israel zeugen davon:

https://tr.sputniknews.com/turkiye/20170...fi-cia-projesi/ (leider nur auf Türkisch)

Dass einfache Menschen in der Türkei, die mit dem Mindestlohn auskommen müssen, auf Herrn Erdogans Bauernfängerei reinfallen, kann ich ja verstehen, aber dass sogar Schiiten immer noch glauben, Erdogan würde sich dem Westen entgegenstellen, bleibt mir ein Rätsel. Vermutlich kriegen viele den eigenen Nationalismus nicht besiegt, auch wenn sie es nicht zugeben möchten. Aber vielleicht schlummert bei vielen Türken im Tiefen immer noch der „Osmane“, der Sultan „Yavuz Selim“ usw.

Europa gibt sich nach außen hin gegnerisch gegenüber Erdogan, aber im Grunde wird ein "Evet" angepeilt. Da nimmt man ein kleines Land wie die Niederlande, ordert den Botschafter vor dem Konflikt aus der Türkei (zufällig auf Urlaub), und fördert den Konflikt mit dem Ergebnis, die Menschen in der Türkei hinter Erdogan zu stellen.


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zuletzt bearbeitet 13.04.2017 | Top

RE: Hayir zu Erdogans Politik

#5 von Yavuz Özoguz , 19.04.2017 18:39

Lieber Bruder Cengiz
as-salamu-alaikum. Die Situation der Schiiten ist immer die Schwierigste, denn sie haben den wahren Propheten, dessen Vertreter Imam Ali und dessen Söhne Imam Hassan und Imam Huseyin zu Vorbildern. Dabei geht es nicht darum, das Ideal gewaltsam durchsetzen zu wollen, sondern untern den bestehenden Möglichkeiten das zu wählen, was am Besten für die Menschheit ist. Sicher bietet der Islam immer eine bessere Möglichkeit, aber wenn jene bessere Möglichkeit nicht mit menschlichen Mitteln durchsetzbar ist, dann wird Imam Ali (a.) auch drei Kalifen erdulden und sogar seine eigenen Söhne vor die Tür des Kalifen zu dessen Schutz stellen, der der Korruption bezichtigt wird. Dann wird Imam Hassan einen Friedensvertrag mit einem Kalifen unterzeichnen, der für seine Prunksucht bekannt ist und dem Islam schadet. Und dann wird Imam Huseyin sich selbst aufopfern, wenn das die beste Lösung ist. Nie ist es die schiitische Methode, das Ideal gewaltsam durchsetzen zu wollen!

Vor diesem Hintergrund bitte ich zu verstehen, dass die Beurteilung der Wahl in der Türkei viel komplexer ist, als irgendwelche Ambitionen, die eine Einzelperson haben könnte. Die Türken hatten nicht die Wahl zwischen einem islamischen Ideal und dem Gegenteil davon, sondern zwischen ja oder nein zur Verfassungsreform. Und in diesem Sinn ist zu beurteilen, was für den Islam, die Muslime und die islamische Welt das Beste wäre. Für das bestehende Ergebnis bin ich sehr dankbar. Hätte Erdogan verloren, dann gäbe es möglicherweise Nachteile für alle aufgrund der dann bestehenden Unberechenbarkeit. Hätte er haushoch gewonnen, dann bestände die Gefahr des Abhebens. So aber ist es meiner Meinung nach am Besten.

Nun zu Deinen Fragen:

1. Wie kann es sein, dass Zigtausende Menschen in Sippenhaft (sozusagen) genommen werden, nur weil sie einer Gemeinschaft angehören. Selbst wenn der Putsch „echt“ war, wäre das eine Ungerechtigkeit. Die Gülen-Anhänger bestreiten zudem den Putsch. Wo sind die unabhängigen Untersuchungen? Demnächst kommt es zu einem Schauprozess, für das extra ein Gebäude/Gericht gebaut wurde.

Sippenhaft bedeutet, dass man unschuldige Ehefraun und Kinder und Angehörige bestraft, obwohl nur der Ehemann bzw. Vater schuldig ist. Das ist etwas, was das zioistische System oft macht, aber in der Türkei ist mir kein einziger Fall bekannt, bei dem ein Kind eines Gülen-Anhängers bestraft worden ist, weil er dessen Sohn oder Tochter ist! Dass alle bekannten Mitglieder bestraft werden, ist aus Sicht der Türkei, für die die Gülen-Bewegung eine terroristische Vereinigung ist, nachvollziehbar. Auch Deutschland bestraft jeden, dem er eine Mitgliedschaft zu einer terroristischen Vereinigung nachweist, selbst wenn der Betreffende gar nichts getan hat. Das ist keine sippenhaft! In wie weit Gülen - der ausgerechnet in den USA lebt - mitschuldig ist, vermag ich nicht zu beurteilen und Spekulationen führen hier auch kaum weiter.

2. Die Beziehungen zu Israel wurden wieder normalisiert und die Zusammenarbeit weiter ausgebaut.


Das bezweifelt - so glaube ich - kaum jemand. Die Frage ist, welches Ergebnis führt eher dazu, dass die Türkei von dem Einfluss des Zionismus befreit werden kann, das ja oder nein (eine andere Wahl hatten die Türken nicht!).

3. Die Türkei ist immer noch zweitgrößte Militärkraft der westlichen NATO.

und stellt zuweilen das größte Kontingent an Soldaten! Die Frage ist, welches Ergebnis führt eher dazu, dass die Türkei von dem Einfluss der immer verbrecherischer werdenden NATO befreit werden kann, das ja oder nein (eine andere Wahl hatten die Türken nicht!).

4. Die Türkei bietet dem westlichen Militärbündnis (USA) an, in Syrien mitzubomben. Folglich ist die Türkei ganz offensichtlich ein Teil der westlichen Aggression.

Welches Votum kann die Türkei eher von dieser schlimmen Situation befreien? Das Beibehalten der kemalistischen Verfassung mit Millitärgerichten oder die neue Verfassung? Eine dritte Verfassung stand nicht zur Wahl.

5. Die Türkei ist ohne Zustimmung in den Irak und in Syrien einmarschiert. Diese Länder haben mehrmals betont, dass das unerwünscht sei. Der Widerstand hat sogar gewarnt, die Türkei wie einen Aggressor zu behandeln und notfalls zu bekämpfen.

Welches Votum ist geeigneter, damit die Türkei das nicht widerholt? Bisher waren türkische Offiziere immer in den USA ausgebildet und hatten große Macht. Im Augenblick wurden sie alle abgesetzt. Wiederum die Frage, was nützt dem Islam mehr?

6. In einem staatlichen Sender wurden die Schiiten als Kafir bezeichnet. Auf die Bitte darauf zu reagieren, kam von Herrn Erdogan nur ein Schweigen. Nicht zu vergessen, die zwei schiitischen Sender, die geschlossen wurden.

Die beiden Sender waren geradezu Quellen für den Aufruf zum Frieden, zur Einheit, zur muslimischen Kooperation usw... Und das Schließen der Sender war aus meiner Sicht ein schwerer Fehler. Doch immer wieder folgt die gleiche Frage: Welche Wahlmöglichkeit führt die Sender eher wieder zurück zum Senden? Welches Ergebnis wird zu einem kürzeren Ausnahmezustand führen, die Voraussetzung dafür wäre, dass die Sender eine Chance haben!

7. Wenn wir den Konflikt im Nahen Osten grob unterteilen würden, dann ist auf der einen Seite der Westen, die NATO, die arabischen Lakaien und die Türkei, auf der anderen Seite Syrien, Assad, die unterschiedlichen Widerstandsgruppen, „Russland“ und der Iran.

Welches Ergenis kann die Türkei eher dazu bewegen, die Seiten zu wechseln?

Türkische Schiiten haben in ihren Moscheen (leider auch in Deutschland) zuweilen eine Foto von Atatürk neben dem Bild von Imam Ali (a.). Genau diese Irrleitung ist es, die Schiiten von ihren Vorbildern trennt! Warum himmeln sie Atatürk an? Weil er sie vor den Osmanen geschützt hat und ihnen mehr Rechte gewährt hat. Dass dabei der gesamte Islam in der Türkei für Jahrzehnte verloren ging, interessiert sie nicht. Ich verstehe Schia als selbstlose Hingabe in die Liebe Allahs und die Wahl dessen, was besser für den Islam und die Muslime ist. Das kann auch manchmal etwas sein, was uns persönlich schadet. Aber das ist bedeutungslos.

Die Türken hatten vor der Wahl genau zwei Möglichkeiten. Diese beiden Möglichkeiten müssen im Angesicht Deiner sehr berechtigten Fragen bewertet werden. Wenn jemand dabei zu einem anderen Schluss kommt als meine Wenigkeit, dann habe ich großen Respekt davor.

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