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Die Freundschaft retten zwischen Deutschland und Iran

#1 von Yavuz Özoguz , 04.01.2017 14:14

Die Freundschaft retten zwischen Deutschland und Iran

Eigentlich ist die deutsch-iranische Geschichte eine konstruktive und respektvolle Geschichte, aber die aktuelle Politik vergiftet dieses Verhältnis in ungeahnter Weise.



Deutschland hat in seiner Geschichte stets ein sehr respektvolles Miteinander zum Islam und mit den Muslimen gesucht. Bedingt durch die sprachliche Verwandtschaft zum Persischen, die ebenfalls zu den indogermanischen Sprachen gehört, wurden viele Beziehungen zum Iran geknüpft.

Gestützt auf ein königliches Dekret, das noch auf Friedrich Wilhelm I. zurückging, wurde 1739 die erste islamische Gemeinschaft in Deutschland gegründet. Den Muslimen wurde zugesagt, dass sie ihre Religion frei ausüben können und dass sie durch den Staat geschützt werden, und während der langen Regierungszeit Friedrichs des Großen genossen sie in der Tat einen stabilen Schutz. 1740 entstand der berühmte Satz: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden.“ Ein ausführlicheres Zitat aus selbigem Jahr geht auf Friedrichs Beantwortung der Frage zurück, ob man denn die katholischen Schulen in Preußen nicht abschaffen solle: „Die Religionen müssen alle toleriert werden, und der Fiskus muss nur das Auge darauf haben, dass keine der anderen Abbruch tue, denn hier muss ein jeder nach seiner Fasson selig werden.“ [1]

Friedrich Eberhard Boysen hat 1773 eine Qur'an-Übersetzungen ins Deutsche herausgebracht, die im Anhang Bittgebete der Ahl-ul-Bait (a.) beinhaltet [2], eine Tatsache, die selbst den meisten deutschen Schiiten nicht bekannt ist. Das Meisterwerk Goethes zum Ende seines Lebens hin mit dem Titel West-Östlicher Diwan, das er im Jahr 1827 fünf Jahre vor seinem Ableben abgeschlossen hat, ist ein literarisch wunderbarer und lehrreicher Dialog zwischen dem berühmtesten deutschen Dichter und einem der größten Dichter des Iran namens Hafiz. Dazu hatte Goethe den 1812 von Joseph Hammer-Purgstall aus dem Persischen übersetzten Diwan des Hafiz gelesen. 1902 begleitete der deutsche Orientalist Friedrich Rosen den persischen Schah Mozaffar ad-Din Schah auf seiner Deutschlandreise und dolmetschte für ihn und die persische Delegation am Hof Kaiser Wilhelms II. Für seine kulturelle Vermittlung wurde er vom Iran mit dem Kaiserlichen Sonnen- und Löwenorden zweiter Klasse ausgezeichnet [3].

In den Weltkriegen standen Iran und Deutschland – wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung – an der gleichen Front gegen die Kolonialmächte England und Russland. Irans große Hungersnot von 1917-1919 war während der Periode der britischen Besatzung im Iran, in der ca. 40% der damaligen Bevölkerung an Hunger starb. Da Deutschland den Ersten Weltkrieg verloren hatte, wurden „nur“ die neun Millionen Toten gezählt, die direkt oder indirekt durch Deutschland bewirkt worden sind. Die 10 Millionen iranischen Hungertoten kommen in den Statistiken der Westlichen Welt nicht vor! Es könnte Bücher füllen die gemeinsamen Freuden und Leiden der deutsch-iranischen Geschichte aufzulisten. Sie basieren auf einer Atmosphäre des gegenseitigen Respekts, so lange beide Staaten halbwegs Souverän waren.

So sehr die Geschichte von diesem Respekt durchzogen ist, so sehr änderte sich die Situation, als beide Staaten weniger souverän wurden. Beide Staaten standen nach dem Zweiten Weltkrieg unter angloamerikanischer Herrschaft, wenn auch wiederum mit unterschiedlichen Formen. Ein erster Höhepunkt des Befreiungskampfes des geteilten Deutschlands wurde mit dem Schah-Besuch 1967 erreicht. Der mit Hilfe der USA sein eigenes Volk unterdrückende Schah Mohammad Reza Pahlavi kam zusammen mit seiner Frau Farah Diba auf Einladung von Bundespräsident Heinrich Lübke in die Bundesrepublik und nach West-Berlin. Der Besuch war begleitet von heftigen Demonstrationen, die sich in West-Berlin zu einer Schlacht zwischen Polizei und Demonstranten ausweiteten, in deren Verlauf der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde [4]. Es folgte eine Radikalisierung der Stundentenbewegung, die damals unter anderem die Enteignung des Springer-Konzern gefordert hat. Die Hoffnung, dass Deutschland sich damals hätte befreien können, wurde durch den Terrorismus der RAF zerstört. Christa und Benno Ohnesorg trugen, bevor er erschossen worden ist, ein Spruchband mit der Aufschrift „Autonomie für die Teheraner Universität“. Tatsächlich sollte – entgegen der damaligen Erwartung – die Teheraner Universität schneller befreit werden als die immer noch im anglo-amerikanischen Kapitalismus verankerten deutschen Universitäten. 1979 wurde der Schah gestürzt und mit der Parole „weder Ost noch West“ eröffnete die islamische Befreiungstheologie eine neue Ära der Weltgeschichte. Im Süden Teherans wurde eine Straße nach dem „deutschen Märtyrer“ Benno Ohnesorg benannt. Eine gleichnamige Straße ist bis heute in Deutschland nicht bekannt!

Mit der islamischen Revolution änderte sich drastisch das Verhältnis Deutschlands gegenüber dem Iran bzw. der islamische Befreiungstheologie, die von der Schia und deren Einheitsstreben mit Sunniten verkörpert wurde. Waren Deutsche zuvor entweder gemeinsam mit Iranern souverän oder gemeinsam Verlierer und Unterdrückte, war jetzt die Situation anders. Der Iran stand auf der Seite der Antiimperialisten, was der Theologie der Schia entspricht, während Deutschland fest auf der Seite der Imperialisten verankert war und ist, was dem Christentum widerspricht. Daher war es logisch, dass der Iran immer „islamischer“ wurde, während in Deutschland immer mehr Kinder nicht einmal mehr wissen, wer Weihnachten Geburtstag hat. Es sind die Muslime im Land, die den Glauben an Jesus und die Heilige Maria aufrechterhalten müssen.

Die noch junge Islamische Republik Iran wurde durch die Front der Imperialisten mittels des irakischen Tyrannen Saddam angegriffen. Es gab kaum eine Waffe, die man Saddam nicht zur Verfügung gestellt hat. Deutschland lieferte die Grundsubstanzen für den Giftgaseinsatz Saddams gegen den Iran und gegen die eigene Bevölkerung [5].

Alle im weiteren Verlauf erfolgenden Angriffe auf die Islamische Republik Iran durch die Front der westlichen Imperialisten wurden von Deutschland, teilweise an vorderster Front, mitgetragen. Ein erstes Ausrufezeichens Deutschlands bei dem Kampf gegen die islamische Befreiungstheologie setzte ein Gericht in Berlin als es im so genannten Mykonos-Prozess das iranische Oberhaupt Imam Chamene’i als schuldig an einen Mordauftrag befand. So etwas hatte es – noch dazu ohne dass es jemals eine Anklage gegen ihn gab und er nie die Gelegenheit hatte sich zu verteidigen – in Deutschland gegen ein Staatsoberhaupt noch nie gegeben! Immer heftiger stellte sich Deutschland an die Seite des raubmörderischen kapitalistischen Systems.

In Afghanistan haben die Deutschen US-amerikanische Interessen mehr vertreten als deutsche oder afghanische Interessen. Im Irak haben deutsche Soldaten in faktischer Umgehung der Einheitsregierung kurdische Separatisten mit Waffen versorgt, um eine Spaltung des Irak – ganz im Interesse des Westens – voranzutreiben. Im Libanon wurde die Widerstandsorganisation gegen die zionistische Besatzung – die Hizbollah – zur Terrororganisation erklärt. Ein Waisenkinderprojekt in Deutschland, das Gelder für Waisenkinder im Libanon gesammelt hat, wurde verboten, weil es auch Gelder für die Waisen der Opfer unter den Widerstandskämpfern gegen die zionistische Besatzung bereits gestellt haben soll. Die Terrororganisation Daesh (IS) konnte ohne indirekte Waffenlieferungen durch die Westliche Welt niemals so viel Unheil Anrichten, wie sie es getan hat. Deutschland gehört nach wie vor zu den größten Waffenlieferanten Saudi-Arabiens, die den weltweiten Terror unterstützen. Gleichzeitig haben die Saudis mit deutschen Waffen jegliche Befreiungsbewegung in Nachbarländern wie Bahrain gewaltsam unterdrückt. In Syrien steht Deutschland nach wie vor an der Seite der „gemäßigten Rebellen“ und hat Jahre lang einen völkerrechtswidrigen Einsatz mitgetragen, was hunderte Deutsche dazu bewegt hat eine Strafanzeige gegen die Bundesrepublik zu stellen [6]. Der Jemen wird gerade mit deutschen Waffen ins Mittelalter gebombt und tausende unschuldiger Zivilisten ermordet. Was die Besatzung Palästinas angeht, gehört Deutschland zu den wenigen Ländern, die bis heute einen unabhängigen Staat Palästina nicht anerkannt haben!

Der allerneuste Akt Deutschlands gegen die Islamische Republik Iran besteht in der Entsendung von Michael Klor-Berchtold als neuer Botschafter nach Teheran. Dabei handelt es sich um keine geringere Person als den ehemaligen Vizepräsidenten des Bundesnachrichtendienstes. Auffällig dabei ist, dass bereits im April 2016 feststand, dass er Botschafter in Teheran werden sollte [7], es aber bis Ende Dezeber dauerte, dass er es wirklich wurde [8]. Was er in diesen acht Monaten alles gelernt hat und wie ein ehemaliger Vizechef des wichtigsten deutschen Geheimdienstes auf diese Aufgabe vorbereitet worden ist, entzieht sich der Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Es ist allerdings zu befürchten, dass seine Mission weder den Iranern noch den Deutschen nützlich sein wird.

Wie wenig souverän Deutschland im Umgang mit dem Iran ist, lässt sich an den Geschäften und Wirtschaftsbeziehungen nachvollziehen. Das Land, das einstmals weltweit die besten Handelsbeziehungen zum Iran hatte, hinkt heute nur noch hinterher. Zweifelsohne gehören deutsche Autos immer noch zu den besten der Welt. Aber auf Irans Straßen sind sie abgehängt von südkoreanischen oder französischen Konkurrenten. Iran wollte nach dem Ende des Flugzeugembargos ausschließlich Airbus-Flugzeuge kaufen. Es fand sich aber keine einzige deutsche Bank, die den Handel ohne die Zustimmung der USA absichern wollte! Dadurch wurde die Islamische Republik Iran, die dringend moderne Flugzeuge benötigt, dazu genötigt bzw. erpresst, die Hälfte der Flotte bei Boeing zu kaufen. Was von Airbus als großer Deal verkauft wird, war in Wirklichkeit eine schwere Niederlage, denn der Handel hätte das doppelte Volumen haben können.

Alle genannten und noch aufzählbaren Fakten in diesem weltweiten Krieg der Westlichen Welt gegen den Rest der Welt haben dazu geführt, dass sich inzwischen eine Achse China-Russland-Iran gebildet hat, die den unersättlichen Griff der Wachstumsfanatiker auf die Weltherrschaft abzuwehren versucht. Ein unsouveränes Deutschland steht dabei an einer Front, die den eigenen Interessen massiv schadet.

Erst wenn es Deutschland gelingt die eigene Souveränität zu erlangen, die im Grundgesetz Artikel 146 angemahnt wird [9], kann Deutschland wieder gemeinsam mit der Islamischen Republik Iran eine Achse zum Wohl der Menschheit aufbauen, die sich für wahren Frieden und Freiheit in Gerechtigkeit einsetzt.

Jüngst war eine Gruppe deutscher Pilger bei einer außergewöhnlichen Wallfahrt im Irak. Sie hatten deutsche Flaggen mit und haben sich dabei offen zum Religionsoberhaupt Imam Chamene’i bekannt [10]. Es war kein einziger Iran-stämmiger dabei. Die Wirkung, welche diese Gruppe erzielt hat, war außerordentlich wertvoll und nützlicher für das deutsche Volk und die deutsche Wirtschaft als sämtliche Wirtschaftsdelegationen, die letztendlich nur von einem Spitzenvertreter des verbrecherischen Kapitalismus angeführt werden. Die aktuelle deutsche Politik ist dabei die alte Freundschaft zum Orient zu verspielen. Aber die Akteure tun es nicht freiwillig. Als Muslime und Anhänger einer Befreiungstheologie müssen wir alles in unserer Hand liegende Erlaubte tun, um unsere Heimat Deutschland zu befreien, auch aus den Händen der dem Kapitalismus zuspielenden Rassisten.

[1] http://www.shia-forum.de/index.php?/topi...igionsfreiheit/
[2] http://www.eslam.de/begriffe/b/boysen_friedrich_eberhard.htm
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Rosen
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Schah-Besuch_1967
[5] http://www.deutschlandfunk.de/saddams-ru...rticle_id=97625
[6] http://www.delfrieden.de/
[7] http://www.rp-online.de/politik/deutschl...n-aid-1.5943935
[8] http://www.teheran.diplo.de/Vertretung/t...Startseite.html
[9] https://www.bundestag.de/parlament/aufga...tz/gg_11/245152
[10] http://muslim-tv.de/2017-01-02-arbain-kerbela-1/


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zuletzt bearbeitet 04.01.2017 | Top

RE: Die Freundschaft retten zwischen Deutschland und Iran

#2 von Dr.Josef Haas , 04.01.2017 19:15

Eine absolut richtige Analyse, der ich infolgedessen vollinhaltlich zuzustimmen vermag.
Allerdings ist und bleibt an eine Änderung der von Ihnen, lieber Herr Dr.Özoguz, zu Recht
kritisierten deutschen Fehlhandlungen gegenüber dem Iran wohl auch zukünftig nicht zu
denken.
Mehr denn je bewegt sich ja die hiesige Regierung im vollkommenen Schlepptau der USA und
insbesondere Israels, welche genau dies, also eine tatsächlich diesen Namen verdienende
Normalisierung des bilateralen Verhältnisses zwischen Berlin und Teheran, niemals zulassen
werden.
Genau dieser Tatbestand macht aber- einmal mehr- den vollkommenen Souveränitätsverlust
deutlich, den es seit Bestehen dieser Bundesrepublik in ihr zu beklagen gilt.
Daher wurden und werden hierzulande auch keinerlei "nationale deutsche Interessen" verfolgt;
stattdessen haben die fremder Staaten, also von US-Amerika und Israel, Priorität.
Eine ebenso einmalige wie vor allem widerliche Realität, die in der mehr als zweieinhalb
tausend Jahre währenden Geschichte der zivilisierten Welt wohl kaum eine Parallele finden
dürfte.
Folglich kann man den Iran nur dazu beglückwünschen, dass es sich bei ihm, ganz im Gegensatz
zu uns, um ein souveränes Land handelt.
Möge seine Staatsführung darauf bedacht sein, dass dies auch zukünftig so bleibt!

Dr.Josef Haas  
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