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Schlechtes gesellschaftliches Klima durch Demütigungs-TV?

#1 von Fatima Özoguz , 17.07.2013 12:44

Schlechtes gesellschaftliches Klima durch Demütigungs-TV?

Es mehren sich die Artikel und Reportagen in den Medien über Mobbing, sei es unter Schülern oder am Arbeitsplatz. Im Internet-Zeitalter tritt als verschärfende Variante zusätzlich noch das Cyber-Mobbing auf, vor allem unter Schülern. Die Anonymität der sozialen Netzwerke führt zu Enthemmung. Auch wenn ich die Kommentare unter den Artikeln größerer Online-Tageszeitungen liest, denke ich , dass da einige wieder versuchen, ihren Frust ins Internet zu pöbeln, manchmal sieht es auch nach bezahlten Schreibern aus. Wie auch immer, speziell wenn es um Reizthemen geht wie Einwanderung, Asylbewerber oder Islam, geht es bisweilen recht ruppig zu, nicht nur unter der Gürtellinie, sondern mitunter treten da auch unverhohlen Gewalt- und Vernichtungsphantasien zutage, die auch nicht immer moderiert werden. Von den rechtspopulistischen Seiten wollen wir gar nicht erst reden.
Unter Jugendlichen hat das sogenannte Cyber-Mobbing in sozialen Netzwerken aber mitunter katastrophale Auswirkungen. Übelste Beleidigungen und das Einstellen von anzüglichen Fotos haben schon zu Selbstmorden geführt.
Eine neue Studie hat ergeben, dass sich der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland verschlechtert hat und auch die Bereitschaft gesunken ist, Vielfalt zu akzeptieren, vor allem Menschen, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben, werden mehr abgelehnt als früher. Woran liegt es aber, dass der Umgang miteinander insgesamt rauher geworden ist? Es hat sicherlich mehrere Ursachen. Da wäre erst mal die Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes und dem damit verbundenen sozialen und finanziellen Abstieg, inbesondere betrifft das die verunsicherte Mittelschicht.
Aber die Rolle, die gewisse „Doku-Soaps“ im Privatfernsehen vielleicht auch bei diesen Entwicklungen spielen könnten, wird dabei etwas vernachlässigt. RTL2 hat jetzt den absoluten moralischen Tiefpunkt erreicht mit der neuen Serie „Die Welt ist rund“.
http://www.sueddeutsche.de/medien/die-we...hauer-1.1721948

Dort werden zwei extrem übergewichtige Frauen auf einer Türkeireise begleitet, und was ihnen da so alles passiert. Ich habe mal reingeschaut und hatte nach fünf Minuten genug. Das ist schlicht Voyeurismus, auch in den anderen Sendungen wie „Mitten im Leben“, „Familien im Brennpunkt“ usw. Dort werden Leute dazu gebracht, sich vor einem Millionenpublikum selbst vorzuführen, meist sind es solche, die nicht zu den Allererfolgreichsten gehören. So wird in diesen Sendungen auch das Klischee des faulen, dicken Hartz-IV-Empfängers, der nichts auf die Reihe kriegt und den ganzen Tag Chips-mampfend auf der Couch oder vor dem PC abhängt, bestens bedient und genüsslich ausgeschlachtet. Übergewichtige alleinerziehende Hartz IV-Empfängerinnen, die es weder schaffen, ihre Wohnung sauberzuhalten noch ihre Kinder zu erziehen, sind ebenfalls ein beliebtes Objekt der Schadenfreude. Auch der Islam wurde schon durch den Kakao gezogen.
Da kann man sich als jemand, der selbst Angst vor dem Abstieg hat und / oder in dessen Leben es auch sonst nicht unbedingt rund läuft, gleich besser fühlen, wenn man sieht, dass andere noch weniger Erfolg haben als man selbst. Früher hat man Menschen, die entweder kleinwüchsig, missgebildet oder sonstwie aus dem Rahmen fielen, im Zirkus als Attraktion vorgeführt. Die Älteren von uns kennen vielleicht noch den Klassiker „Der Elefantenmensch“. Heute tun das so viele freiwillig. Ja und, mag man nun einwenden, man kann den Fernseher ja abschalten, und wenn die Protagonisten sich freiwillig der Lächerlichkeit preisgeben, sollen sie es halt tun, wir sind ein freies Land. Außerdem sind die Privatsender ohnehin nicht für besonders intellektuelles Niveau bekannt, das ist keine neue Erkenntnis. Es ist natürlich richtig, dass niemand dazu gezwungen wird, sich diese hirnerweichenden Soaps anzuschauen. Andererseits lässt aber so eine Argumentation die Wirkungen außer Acht, die es auf eine Gesellschaft haben kann, wenn da ständig Menschen fast rund um die Uhr einem schadenfrohen Publikum praktisch zum Fraß vorgeworfen werden. Es heißt in Artikel 1, Absatz 1 des Grundgesetzes:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Wenn nun unbedarfte Menschen von Privatsendern für ein paar hundert Euro dazu gebracht werden, sich selbst öffentlich zu entwürdigen, vielleicht ohne es selbst zu merken, wobei die Sender sich dabei juristisch absichern, ist das in meinen Augen schlimmste Entwürdigung, die auch bei den Zuschauern ihre Spuren hinterlässt. Es ist zwar noch nicht wissenschaftlich untersucht worden, wie groß die Auswirkungen auf das gesellschaftliche Klima allgemein sind, aber es wird auf jeden Fall suggeriert, dass es völlig in Ordnung ist, andere Menschen vorzuführen und sich über sie lustig zu machen. In meinen Augen befördert das die Mobbing-Unkultur ungemein, vor allem unter Jugendlichen. Leider gibt es noch zu viele, die sich diesen Müll anschauen, und zu viele Möchtegern-Schauspieler, die sich dafür missbrauchen lassen, dass ihre Würde für ein mickriges Honorar in den Dreck gezogen wird. Solche „Scripted reality-soaps“ sollten daher nicht mehr gesendet werden, da die Auswirkungen nicht nur die Laienschauspieler treffen, sondern die gesamte Gesellschaft, und auch die darunter leiden müssen, die selbst solche Sendungen nicht konsumieren.


Fatima Özoguz  
Fatima Özoguz
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zuletzt bearbeitet 17.07.2013 | Top

   

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