Ethik in der Schwebe - Die Epsteinisierung der Macht in der post schamhaften Politik
Mohammad Akhgari - Associate Professor an der Universität IRIB Universität - akhgari@iribu.ac.ir
Die Welt leidet heute weder an einem Mangel an Enthüllungen noch an fehlendem Wissen. Dokumente, Bilder, Namen und Narrative zirkulieren unaufhörlich, und der Skandal ist zur Alltäglichkeit geworden. Selten geworden ist nicht die Wahrheit, sondern die ethische Reaktion auf die Wahrheit. Der Epstein Skandal war weder der erste noch der letzte; doch was ihn zum Symptom eines Zustands machte, war das Schweigen nach der Enthüllung – ein Schweigen nicht aus Unwissenheit, sondern aus Gewöhnung.
Einst war der Skandal ein moralischer Moment. Sehen führte zu Urteil, und Urteil zu Scham. Die Metapher vom „nackten König“ hatte nur so lange Bedeutung, wie die Entblößung der Macht ihr mögliches Ende in sich trug. Heute jedoch ist der König nackt, er wird dokumentiert, benannt – und bleibt dennoch bestehen. Nicht weil die Wahrheit verborgen wäre, sondern weil das Urteilen außer Kraft gesetzt ist. Die Welt sieht, fühlt sich aber nicht länger verpflichtet, dem Gesehenen entgegenzutreten.
Diesen Zustand kann man als Epsteinisierung der Macht bezeichnen: eine Situation, in der Macht nicht durch die Negation von Moral handelt, sondern durch ihre Entbehrlichkeit. Epsteinisierte Macht weiß, dass Enthüllung nicht mehr gefährlich ist, weil der Gesellschaft ein gemeinsamer Maßstab des Urteilens fehlt. Rechenschaft weicht dem Skandalmanagement, und Ethik sinkt von einem ordnenden Prinzip der Politik zu einer erträglichen Randerscheinung herab. Wenn sich diese Logik global vervielfältigt – im Zusammenspiel von Politik, Kapital, Medien und Neokolonialismus –, stehen wir vor einem umfassenden Phänomen, das als neokoloniale Epsteindemie bezeichnet werden kann: eine strukturelle Pandemie der Unmoral in einer Welt, in der Immunität ansteckend geworden ist.
Bestandteile der Entstehung der Epsteindemie der Unmoral
Die Epsteindemie der Unmoral ist weder das Produkt individuellen Versagens noch das Resultat einer vorübergehenden Abweichung. Sie entsteht aus der Konvergenz mehrerer struktureller Komponenten, die sich in der spätliberal demokratischen Welt schrittweise verfestigt haben. Was zerfällt, ist nicht Moral als Wert, sondern die Möglichkeit moralischen Urteilens.
a. Die Entleerung der regelbasierten Ethik von ihrem verpflichtenden Moment
Eine Ethik, die sich ausschließlich auf Regeln, Gesetze und äußere Kontrollmechanismen stützt, ist nur so lange wirksam, wie eine Voraussetzung innerer Verpflichtung besteht. In der post schamhaften Politik sind die Regeln geblieben, doch die moralische Bedingung ihres Befolgens ist zerfallen. Das Gesetz wird vollzogen, besitzt aber keine „Heiligkeit“ mehr. Der Regelbruch ist nicht länger die Ausnahme, sondern Teil der Machtkalkulation. Gegenüber einer Macht, die die Kosten des Verstoßes von vornherein einkalkuliert hat, ist die regelbasierte Ethik entwaffnet.
b. Die Erosion innerer Frömmigkeit im Fehlen eines transzendenten Horizonts
Mit dem Zusammenbruch sakraler Referenzen und äußerer Beobachter sollte das autonome Gewissen an ihre Stelle treten. Doch was zerfiel, war nicht der Glaube, sondern der Maßstab des Urteilens. Frömmigkeit wurde zur Präferenz, Gewissen zum Gefühl. Der Mensch der gottlosen Welt wurde nicht notwendigerweise böser, sondern urteilsloser. In einer solchen Welt befiehlt die Moral nicht mehr – sie beschreibt nur noch.
c. Der strukturelle Machiavellismus der Macht
Hier ist der Machiavellismus weder explizite Lehre noch individuelle Wahl, sondern die implizite Logik des Systems. Macht distanziert sich nicht aus Gründen des Überlebens, sondern der Effizienz von der Moral. Das Böse wird nicht als Böses verstanden, sondern als „steuerbarer Kostenfaktor“. Genau hier vollzieht sich die Epsteinisierung der Macht: Dort, wo Moral weder negiert noch bejaht, sondern schlicht aus der Entscheidungsformel entfernt wird.
d. Die Verwandlung von Lust und Reichtum in soziale Urteilskriterien
Das Problem sind weder Lust noch Reichtum an sich, sondern ihre Erhebung zu Maßstäben des Urteilens. Erfolg, Sichtbarkeit und Genuss werden zu Bewertungskriterien; Skandal wird nur dann problematisch, wenn er Konsum oder sozialen Aufstieg behindert. Tut er das nicht, wird er rasch normalisiert. Diese Normalisierung bezeichnet den Zustand der Epstein Verseuchung: eine moralische Abstumpfung infolge von Informationssättigung.
e. Die Tragödie des rebellischen Menschen im Moment der Macht
Der moderne Mensch ist Kritiker der Macht in der Schwäche, reproduziert jedoch dieselbe Logik im Moment ihrer Aneignung. Rebellion ohne innere Frömmigkeit führt nicht zur Befreiung, sondern lediglich zum Rollentausch. Hier ereignet sich der Epstein Faustianismus: der bewusste Tausch von Moral gegen Sicherheit, Privileg oder Überleben.
Die Instrumentalisierung der Kritik: Wenn Enthüllung ungefährlich wird
In einer solchen Welt bleibt selbst die Kritik nicht von der epsteindemischen Logik verschont. Enthüllung, Protest und radikale Sprache werden nicht unterdrückt, sondern absorbiert, verwaltet und neu verteilt. Kritik ist ungefährlich, solange sie nicht in verpflichtendes Urteil mündet – und gerade deshalb darf sie zirkulieren. Macht fürchtet Kritik nicht mehr, weil sie weiß, dass kriteriumslose Kritik nicht zur Bedrohung, sondern zum Treibstoff ihrer Reproduktion wird.
Auch der Kritiker wird – gewollt oder ungewollt – in diese Logik integriert: Er schreibt, enthüllt, empört sich, doch sein Urteil wird nicht zur Handlung. Kritik löst sich von der Ethik und wird zur Geste – einer Geste, die nicht Bruch erzeugt, sondern Gleichgewicht.
Was heute in der Schwebe ist, ist nicht bloß politische Moral oder institutionelle Aufrichtigkeit, sondern die Möglichkeit menschlichen Urteilens selbst. In einer Welt, in der der transzendente Horizont zerfallen, äußere Beobachter entwertet und das innere Gewissen erschöpft ist, ist der Mensch nicht freier, sondern kleiner geworden. Er fügt sich der Niedertracht nicht aus Bosheit, sondern aus Ermüdung vom Urteilen. Macht bedarf in dieser Welt keiner Verbergung mehr, weil der Mensch bereits im Voraus auf den Widerstand verzichtet hat. Die Moral stirbt nicht – sie wird schweigend beiseitegelegt. Und dies ist vielleicht die gefährlichste Form des Todes.
Abschließende Erläuterungen und genealogische Verweise
1. Die Auffassung des Menschen als moralisch urteilendes Wesen, die dieser Analyse des ethischen Verfalls in der modernen Politik implizit zugrunde liegt, steht in Nähe zur humanistischen Anthropologie Johann Gottfried Herders. Insbesondere dort, wo moralisches Urteilen nicht abstrakten Regeln, sondern historischer Erfahrung, moralischem Sinn und menschlicher Verantwortung anvertraut wird. Der vorliegende Text verpflichtet sich jedoch keiner spezifischen Herder Lektüre, sondern nutzt lediglich seinen anthropologischen Horizont.
2. Gegenüber den regelbasierten Ethiken der Aufklärung – paradigmatisch formuliert in der Philosophie Immanuel Kants – geht dieser Beitrag von der Annahme aus, dass im spätmodernen Kontext nicht der Mangel an Regeln, sondern der Zusammenbruch wirksamen Urteilens das zentrale Problem darstellt. Entsprechend haben Bezüge zur kantischen Ethik hier ausschließlich eine historisch differenzierende, nicht eine argumentativ stützende Funktion.
3. Der implizit verwendete Begriff eines „Bösen ohne Teufel“ steht im Anschluss an zeitgenössische Debatten über die Normalisierung des Bösen in bürokratischen und politischen Strukturen, ohne dabei zu einer Metaphysik des Bösen oder zur Entlastung individueller Verantwortung zu führen. In diesem Rahmen ist das Böse nicht Ausnahme, sondern natürliche Folge der Suspendierung menschlichen Urteilens.
4. Die Verwendung neu geprägter Begriffe wie „Epsteinisierung der Macht“, „Epstein Verseuchung“ und „Epstein Faustianismus“ besitzt keinen bloß metaphorischen oder rhetorischen Charakter, sondern zielt auf die begriffliche Erfassung von Zuständen, die in der klassischen Literatur der politischen Theorie und Ethik häufig fragmentarisch und ohne einheitliche Formulierung geblieben sind.
5. Die Kritik der spätmodernen Demokratie im Schlussteil des Artikels stellt keine Zurückweisung des demokratischen Prinzips dar, sondern eine Analyse des Verfalls des urteilenden Subjekts innerhalb demokratischer Institutionen – einer Situation, in der strukturelle Immunität der Macht an die Stelle moralischer Verantwortlichkeit tritt und Kritik selbst zur Geste, Ware oder zum Instrument der Reproduktion derselben Ordnung wird.
