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Deutscher Größenwahn auch im Dritten Weltkrieg?

#1 von Yavuz Özoguz , 14.09.2024 16:04

Deutscher Größenwahn auch im Dritten Weltkrieg?

Einstmals wurde Deutschland am Hindukusch verteidigt [1]. Inzwischen wird Deutschland in der Taiwanstraße verteidigt, rund 10.000 km von der Heimat entfernt. Es gibt ein Deutsches Sprichwort, das besagt: Hochmut kommt vor dem Fall. Auf das heutige Deutschland angewandt müsste man es umdichten in „selbst der Fall kann den deutschen Größenwahn offensichtlich nicht bremsen“.



Gestern hat die deutsche Marine, vertreten durch die Fregatte „Baden-Württemberg" und ein Begleitschiff die Taiwanstraße durchquert mit der Begründung, man würde von Südkorea zu den Philippinen fahren und das sei der kürzeste Weg und schließlich internationales Gewässer. Die Behauptung, dass es sich dabei um den kürzesten Weg handeln würde, stammt laut Tagesschau vom Verteidigungsminister persönlich [2]. Eine genaue Analyse ergibt, dass es von der Entfernung her (je nachdem von welchem Hafen in Süd-Korea man startet und in welchen man auf den Philippinen einlaufen will), kaum einen Unterschied macht ob man die Taiwanstraße nutzt oder umfährt. Als weiterer Grund wird das Wetter angegeben, was angesichts der Tatsache, dass alle möglichen Handelsschiffe zur gleichen Zeit auch östlich von Taiwan problemlos verkehren konnten, vorgeschoben scheint. Tatsächlich ging es darum, sich an der Seite der USA gegen China zu positionieren und klarzustellen, dass Taiwan zum Westen gehöre. Denn auch das Argument, man wolle die freie Seefahrt schützen, erscheint merkwürdig, denn welches Handelsschiff wurde denn bisher jemals von der Durchfahrt durch die Taiwanstraße abgehalten, dass ausgerechnet die deutsche Marine die Durchfahrt schützen müsse?

Im Artikel 87a (2) des Grundgesetzes heißt es: „Außer zur Verteidigung dürfen die Streitkräfte nur eingesetzt werden, soweit dieses Grundgesetz es ausdrücklich zulässt.“ Heutige Kriegstreiber werden eines Tages dem deutschen Volk erklären müssen, warum der Einsatz deutscher Soldaten, die zwangsläufig zur Provokation der Großmacht Chinas führt, grundgesetzkonform gewesen sein soll. Zur Beurteilung der deutschen Position sei daran erinnert, dass deutsche Soldaten auf sehr unterschiedliche Weise in der Ukraine helfen im Krieg gegen Russland und die deutsche Rüstungsindustrie die Ukraine beliefert, deutsche Soldaten auf sehr unterschiedliche Weise Israel helfen bei seinem Massaker an palästinensischen Kindern (über 15.000 in weniger al einem Jahr), z.B. mit Marineeinheiten gegen Jemen und den Libanon. Und jetzt will Deutschland also auch noch gegen China zu Felde ziehen!? An der „Heimatfront“ werden alle relevanten Stimmen bekämpft, die diesen wahnsinnigen Kriegskurs Deutschlands nicht mittragen wollen oder sich sogar dagegen stellen. Nur nebenbei erwähnt sei, dass China unter Anderem der größte Absatzmarkt für VW ist, einem deutschen Unternehmen, dass gerade letzte Woche mit einem Paukenschlag um Hilfe gerufen hat.

Es kann nicht oft genug zusammengefasst werden: Deutschland ist beteiligt am Krieg gegen Russland und die gesamte islamische Welt. Jetzt kommt China noch dazu. Daneben führt Deutschland einen kaum noch versteckten Krieg gegen die Institution Familie, gegen alle Schutzräume für Frauen und die beiden Geschlechter an sich, gegen Kinde rund Alte, gegen die eigene Wirtschaft, gegen Migranten, Asylanten und vor allem gegen die eigene Bevölkerung, gegen die Bauwirtschaft, gegen den Einzelhandel; eigentlich gegen alles und jeden, was Deutschland ausgemacht hat. Alle Stärken Deutschlands werden auf dem Scheiterhaufen des untergehenden US-Imperiums geopfert und dabei das größte Menschheitsverbrechen unseres Jahrhunderts an den Kindern in Gaza mitgetragen. Die uns Regierenden sind mehr am Wohl der USA und Israels interessiert als am Wohl des eigenen Volkes.

Doch das eigene Volk wacht zunehmend auf und will diese wahnsinnige Kriegstreiberei nicht mittragen. Es ist historisch betrachtet nicht nur spannend, wie schnell eine Kultur- und Industrienation in solch kurzer Zeit zusammenbrechen kann. Im Land der Ingenieure fällt eine Brücke in Dresden ohne äußere Einwirkung in sich zusammen! Es ist zudem spannend, wie die Systemmedien eingebettet in die Systemparteien alles und jeden verdammen, der sich gegen diesen Kriegskurs stellt. AFD und BSW profitieren vor allem von der unaufhörlichen und täglich gesteigerten Kriegstreiberei der Systemparteien. Wer aber heute in Deutschland sich für einen nachhaltigen und gerechten Frieden einsetzt, wird entweder als rechtsradikal oder als linksradikal diffamiert. Und wer daneben noch die Verbrechen des zionistischen Regimes anprangert, bekommt noch die Zusatzächtung als „Antisemit“. Wer hätte das nach dem Zweiten Weltkrieg gedacht, dass in Deutschland die Kriegstreiber als „Mitte der Gesellschaft“ verkauft, und diejenigen, die keine deutschen Soldaten, keine deutschen Waffen und kein deutsches Geld auf den Kriegsschauplätzen der Welt wünsche, als Extremisten verfolgt werden?

Wer den Mund zu voll nimmt, kann sich leicht verschlucken. Das scheint kurz vor den Wahlen in Brandenburg für die Systemparteien zu gelten. Da nützt es auch nichts, wenn man kurz vorher noch irgendwelche „Islamisten“ in Brandenburg verbietet, denen – wie immer – keine Straftat vorgeworfen wird. Die Wähler in Brandenburg sind nicht so dumm, wie es die Systemparteien denken.

Größenwahn ist in der Psychologie auch bekannt als Megalomanie. Er gilt als ein psychologischer Zustand, der oft im Zusammenhang mit Wahnvorstellungen auftritt. Im engeren Sinne bezieht sich Größenwahn auf eine übertriebene Selbstüberschätzung und den irrationalen Glauben, eine überlegene Macht, Bedeutung oder Fähigkeit zu besitzen. Dies kann in Form von extremem Selbstwertgefühl, Allmachtsfantasien oder dem Glauben an eine besondere Mission auftreten. Alle genannten Aspekte scheinen für den heutigen US-Imperialismus gepaart mit dem Zionismus zu gelten. Deutschland als Wurmfortsatz des Wahngebildes scheint alle Wahnvorstellungen mitzutragen.

Größenwahn kann ein Symptom von paranoider Schizophrenie sein, wo der Betroffene glaubt, über außergewöhnliche Kräfte oder Fähigkeiten zu verfügen oder eine bedeutende Rolle in der Weltgeschichte zu spielen. Auch narzisstische Persönlichkeitsstörung können Bestandteil von Wahnvorstellungen sein. Bei dieser Störung haben Betroffene oft ein übertriebenes Bedürfnis nach Bewunderung und ein übersteigertes Gefühl der eigenen Wichtigkeit, was mit Anzeichen von Größenwahn einhergehen kann. Das scheint eine sehr zutreffende Beschreibung einiger Regierungsmitglieder zu sein.

Größenwahn ist gekoppelt an die Überzeugung, eine besondere Rolle zu spielen. Oft glauben Betroffene, dass sie eine bedeutende Rolle in der Geschichte, Religion oder Politik spielen. Sie erkennen die Realität nicht an und glauben fest an ihre übertriebenen Vorstellungen, selbst wenn sie unwahrscheinlich oder unmöglich sind. Das gilt für den Westen, der Russland „besiegen“ will genauso wie einige führende Zionisten, die alle Palästinenser verjagen möchten. Größenwahn gilt selbst nicht als eigenständige Krankheit, sondern als ein Symptom einer zugrunde liegenden psychischen Erkrankung. Diese Erkrankung heißt im politischen Weltgebilde: US-Imperialismus gepaart mit Zionismus und der Mission einer Weltherrschaft. Es gehört zu den Propagandamethoden der Zeit, dass die eigenen Verschwörungen anderen in die Schuhe geschoben werden. Dem gegenüber stehen die Menschen in allen Völkern dieser Erde, denen damit der Krieg erklärt wird, selbst dem eigenen Volk!

Deutschland in seiner heutigen Form wird es schon in absehbarer Zeit nicht mehr geben. Dafür sorg bereits die Geburtenverweigerung der deutschen Frauen, die in einer Atmosphäre der Familienzerstörung die hohe Last der Kindererziehung nicht mehr auf sich nehmen können und wollen. Was danach kommt, hängt davon ab, wie sehr Deutschland die einzigen, die in diesem Land noch Kinder bekommen, bekämpft und vertreibt. Ginge es nach dem Verfassungsschutz, wäre Deutschland degradiert zu einem Handlanger zionistischer Interessen in der Welt. Doch was werden alle jene Beamten und Spitzenbeamten eines Tages tun, wenn sich die Welt gegen den ungezügelten Ausbreitungswahn des Zionismus stellt? Ginge es nach den Systemparteien, wäre Deutschland der Fußabtreter US-imperialistischer Interessen in der Welt, selbst auf Kosten des eigenen Wohlstandes. Doch was werden alle jene Transatlantiker tun, wenn eines Tages die Dollar-Dominanz und damit das US-Imperium zusammenbricht? Die Anzeichen sind schon längst nicht mehr zu übersehen! Ginge es nach den dominierenden Stimmen der Sicherheitsbeamten im Land, müssten alle praktizierenden Muslime ausgewiesen werden. Doch was werden jene Beamten tun, wenn sich eines Tages herausstellt, dass viele der Attentate Verschwörungen waren und die besonnen muslimischen Stimmen die einzigen verbliebenen sind, die das Land noch retten können?

Deutschlands Größenwahn scheint eine Einbahnstraße in den Dritten Weltkrieg zu sein. Parallel dazu befindet sich der Zionismus in der Sackgasse der Unmenschlichkeit, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt, ohne den Zionismus aufzugeben oder einen Dritten Weltkrieg. Parallel dazu befindet sich der US-Imperialismus in der Sackgasse eines Kollapses des eigenen auf Lüge basierenden Finanzsystems, aus dem es ebenfalls kein Entrinnen gibt, ohne einen Systemneustart durch einen Dritten Weltkrieg. Imam Chamenei, das Oberhaupt der Islamischen Republik Iran, steht vor der schweren Aufgabe, einerseits den Größenwahn von zu Raubtieren mutierten System einzudämmen und andererseits den Dritten Weltkrieg zu verhindern, den weder US-Amerikaner noch Russen noch Chinesen aufhalten können. Denn zum Erhalt des Zionismus drängen die Führungseliten der Zionisten geradezu auf diesen Weltkrieg hin. In dieser Gemengenlage wird in Deutschland jeder Anhänger Imam Chameneis verfolgt. Auch wird jeder, der Russen und Chinesen versteht, verfolgt. Aber wenn sich jemand zum Zionismus bekannt, wenn jemand sagt, er sei Anhänger des Likud, der ganz Palästina und Gebiete darüber hinaus als Eigentum Israels proklamiert, dann wird er mit Preisen überhäuft.

Bei allen diesen Planungen wird vergessen, dass es einen Sinn des Lebens gibt. Ohne jenen Sinn spielt es keine Rolle, ob es einen Dritten Weltkrieg gibt oder nicht und es würde auch keinen Sinn machen, sich für oder gegen etwas zu engagieren. Ohne jenen Sinn ist der Mensch ein Raubtier, der sich seinen Trieben unterwirft, und der Mächtige frisst die Schwächeren, wie wir es an 30.000 Hungertoten an jedem Tag der Welt und 15.000 ermordeten Kindern in Gaza in weniger als einem Jahr sehen. Es gibt aber auch eine Welt der Werte außerhalb dessen, was die Bundesregierung als „Werte“ verkauft. Jene Werte heißen, Gerechtigkeit, Freiheit, Frieden und vor allem Menschlichkeit. Es gibt auch Vertreter jener Werte. Sie werden heute noch verfolgt, aber man kann sie nicht auslöschen. Denn sie haben – im Gegensatz zu ihren Verfolgern – Enkel, für deren Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit sie sich einsetzen; auch in Deutschland.

Größenwahn ist ein direkter Weg in die Hölle in beiden Welten. Demut hingegen ist das Heilmittel zum Paradies in beiden Welten. Selbst diejenigen, die nicht an das Ewige Leben glauben, sollten doch zumindest das Paradies auf Erden für alle vorziehen.

[1] https://www.bundesregierung.de/breg-de/s...-struck--784328
[2] https://www.tagesschau.de/ausland/asien/...-china-100.html


Yavuz Özoguz  
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zuletzt bearbeitet 15.09.2024 | Top

RE: Deutscher Größenwahn auch im Dritten Weltkrieg?

#2 von Dr.Josef Haas , 15.09.2024 18:47

Dass ich Ihre Ausführungen in jeder Hinsicht unterstütze, habe ich Sie, lieber Herr Dr. Özoguz, schon
oft genug an dieser Stelle wissen lassen. Dies ist selbstverständlich auch diesmal so!
Trotzdem kann und will ich Ihren hier geäußerten Optimismus bezüglich des Zusammenbruchs
von Deutschland und Israel so nicht teilen. Dazu fehlt der Mut der hiesigen Bevölkerung, die
letztendlich jeden, welcher sie nicht betrügt, mit Verachtung straft. Die Ausnahmen von dieser üblen
Regel fallen leider, zumindest bis heute, aber noch nicht ins Gewicht. Diese meine Aussage schließt natürlich
und vor allem die hier wohnenden Muslime mit ein. Noch dazu hat leider auch der Iran, welcher ja Israel
nach dessen feiger Ermordung von Ismail Haniya "bestrafen wollte" bis heute nichts in dieser Hinsicht
stattfinden lassen, was die Glaubwürdigkeit seiner seinerzeitigen diesbezüglichen Äußerungen irreparabel
beschädigt hat.
Von all dem profitieren Israel und dessen Verbündeter USA. Infolge dessen sollte man künftig den Mund nicht
voll nehmen, wenn einem die Fähigkeiten, seinen Worten die entsprechenden Taten folgen zu lassen,
scheinbar oder leider auch tatsächlich nicht zur Verfügung stehen. Ansonsten gilt das deutsche Sprichwort
"Auch Lächerlichkeit tötet!" Aber nur den, der sich dem Verdacht aussetzt, es zu sein.
Sie wissen ja genau so gut wie ich, wenn der Welt-Islam wirklich einig handeln würde, wäre es mit der
israelischen Aggression gegen die arabische Welt sofort vorbei. Die tatsächliche Wirklichkeit spricht da
aber leider eine vollkommen andere Sprache.
Fazit: Schweigen, und danach sein Denken zur konkreten Wirklichkeit werden lassen.
Alles andere leistet nämlich dem zionistischen Extremismus in jeder Hinsicht Vorschub!

Dr.Josef Haas  
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RE: Deutscher Größenwahn auch im Dritten Weltkrieg?

#3 von Werner Arndt , 17.12.2025 19:51

Zitat

Offener Brief von Jeffrey Sachs: „Lernen Sie Geschichte, Herr Bundeskanzler!“

Der amerikanische Ökonom Jeffrey Sachs zeigt Friedrich Merz Wege auf, wie Diplomatie den Krieg in der Ukraine beenden könnte. Der Brief im Wortlaut.



Jeffrey D. Sachs
17.12.2025


Offener Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz

Sicherheit ist unteilbar – und Geschichte zählt


Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz,

Sie haben wiederholt von Deutschlands Verantwortung für die europäische Sicherheit gesprochen. Diese Verantwortung lässt sich nicht durch Parolen, selektive Erinnerung oder die Normalisierung von Kriegsrhetorik ersetzen. Sicherheitsgarantien sind keine Einbahnstraßen. Sie wirken in beide Richtungen. Dies ist weder ein russisches noch ein amerikanisches Argument; es ist ein Grundprinzip der europäischen Sicherheit, das explizit in der Schlussakte von Helsinki, dem OSZE-Rahmen und jahrzehntelanger Nachkriegsdiplomatie verankert ist.

Deutschland ist verpflichtet, diesem Moment mit historischem Ernst und Ehrlichkeit zu begegnen. In dieser Hinsicht bleibt Ihre jüngste Rhetorik gefährlich hinter den Erwartungen zurück.

Seit 1990 wurden Russlands zentrale Sicherheitsbedenken wiederholt ignoriert, verwässert oder direkt verletzt – oft mit aktiver Beteiligung oder Duldung Deutschlands. Diese Geschichte darf nicht ausgelöscht werden, wenn der Krieg in der Ukraine beendet werden soll, und sie darf nicht ignoriert werden, wenn Europa einen permanenten Konfrontationszustand vermeiden will.

Am Ende des Kalten Krieges gab Deutschland der sowjetischen und später der russischen Führung wiederholt und unmissverständlich die Zusicherung, dass die NATO nicht nach Osten expandieren würde. Diese Zusicherungen erfolgten im Kontext der deutschen Wiedervereinigung. Deutschland profitierte enorm davon. Die rasche Wiedervereinigung Deutschlands – innerhalb der NATO – wäre ohne die auf diesen Zusagen beruhende sowjetische Zustimmung nicht möglich gewesen. Später so zu tun, als seien diese Zusicherungen bedeutungslos gewesen oder lediglich beiläufige Bemerkungen, ist nicht realistisch, sondern geschichtsrevisionistisch.

1999 beteiligte sich Deutschland an den NATO-Bombenangriffen auf Serbien, dem ersten größeren Krieg, den die NATO ohne Mandat des UN-Sicherheitsrates führte. Dies war keine Verteidigungsaktion, sondern eine wegweisende Intervention, die die Sicherheitsordnung nach dem Kalten Krieg grundlegend veränderte. Für Russland war Serbien keine abstrakte Angelegenheit. Die Botschaft war unmissverständlich: Die NATO würde Gewalt jenseits ihres Territoriums anwenden, ohne UN-Mandat und ohne Rücksicht auf russische Einwände.

Im Jahr 2002 traten die Vereinigten Staaten einseitig aus dem ABM-Vertrag aus, einem Eckpfeiler der strategischen Stabilität über drei Jahrzehnte. Deutschland erhob keine ernsthaften Einwände. Doch die Aushöhlung der Rüstungskontrollarchitektur erfolgte nicht im luftleeren Raum. Raketenabwehrsysteme, die näher an Russlands Grenzen stationiert wurden, wurden von Russland zu Recht als destabilisierend wahrgenommen. Diese Wahrnehmungen als Paranoia abzutun, war politische Propaganda und keinesfalls kluge Diplomatie.

2008 erkannte Deutschland die Unabhängigkeit des Kosovo an, trotz ausdrücklicher Warnungen, dass dies den Grundsatz der territorialen Integrität untergraben und einen Präzedenzfall mit weitreichenden Folgen schaffen würde. Erneut wurden Russlands Einwände als böswillig abgetan, die grundsätzlichen Bedenken wurden nicht ernst genommen.

Das stetige Drängen auf eine NATO-Erweiterung um die Ukraine und Georgien – formell erklärt auf dem Gipfeltreffen in Bukarest 2008 – überschritt die deutlichsten roten Linien, trotz jahrelanger, lautstarker, klarer, konsequenter und wiederholter Einwände Moskaus. Wenn eine Großmacht ein zentrales Sicherheitsinteresse benennt und es über Jahrzehnte hinweg immer wieder betont, ist dessen Ignorieren keine Diplomatie, sondern eine bewusste Eskalation.

Deutschlands Rolle in der Ukraine seit 2014 ist besonders beunruhigend. Berlin vermittelte gemeinsam mit Paris und Warschau das Abkommen vom 21. Februar 2014 zwischen Präsident Janukowitsch und der Opposition – ein Abkommen, das die Gewalt beenden und die verfassungsmäßige Ordnung wahren sollte. Innerhalb weniger Stunden scheiterte dieses Abkommen. Es folgte ein gewaltsamer Umsturz. Eine neue Regierung entstand auf verfassungswidrigem Wege. Deutschland erkannte das neue Regime umgehend an und unterstützte es. Das von Deutschland garantierte Abkommen wurde folgenlos aufgegeben.

Das Minsker Abkommen II von 2015 sollte die Korrektur darstellen – ein ausgehandelter Rahmen zur Beendigung des Krieges in der Ostukraine. Deutschland fungierte erneut als Garantiemacht. Doch sieben Jahre lang wurde das Minsker Abkommen II von der Ukraine nicht umgesetzt. Kiew lehnte seine politischen Bestimmungen offen ab. Deutschland setzte sie nicht durch. Ehemalige deutsche und andere europäische Staats- und Regierungschefs haben inzwischen eingeräumt, dass Minsk weniger als Friedensplan denn als Verteidigungsmaßnahme behandelt wurde. Allein dieses Eingeständnis erfordert eine Auseinandersetzung mit den Vorgängen.

Vor diesem Hintergrund klingen Forderungen nach immer mehr Waffen, immer schärferer Rhetorik und immer größerer „Entschlossenheit“ hohl. Sie fordern Europa auf, die jüngste Vergangenheit zu vergessen, um eine Zukunft permanenter Konfrontation zu rechtfertigen.

Genug der Propaganda! Genug der moralischen Infantilisierung der Öffentlichkeit! Die Europäer sind durchaus in der Lage zu verstehen, dass Sicherheitsdilemmata real sind, dass NATO-Aktionen Konsequenzen haben und dass Frieden nicht dadurch erreicht wird, dass man so tut, als gäbe es Russlands Sicherheitsbedenken nicht.

Die europäische Sicherheit ist unteilbar. Dieses Prinzip bedeutet, dass kein Land seine Sicherheit auf Kosten eines anderen stärken kann, ohne Instabilität zu provozieren. Es bedeutet auch, dass Diplomatie nicht Beschwichtigung ist und historische Ehrlichkeit kein Verrat.

Deutschland hat dies einst verstanden. Ostpolitik war keine Schwäche, sondern strategische Reife. Es wurde erkannt, dass Europas Stabilität von Dialog, Rüstungskontrolle, Wirtschaftsbeziehungen und der Achtung der legitimen Sicherheitsinteressen Russlands abhängt.

Deutschland braucht diese Reife heute erneut. Es darf nicht länger so reden, als sei Krieg unvermeidlich oder gar tugendhaft. Strategisches Denken darf nicht länger auf Bündnisparolen reduziert werden. Es muss sich endlich um echte Diplomatie bemühen – nicht als PR-Maßnahme, sondern als ernsthafter Versuch, eine europäische Sicherheitsarchitektur wiederaufzubauen, die Russland einschließt, statt es auszuschließen.

Eine erneuerte europäische Sicherheitsarchitektur muss mit Klarheit und Zurückhaltung beginnen. Zunächst erfordert sie ein unmissverständliches Ende der NATO-Osterweiterung – um die Ukraine, Georgien und jeden anderen Staat entlang der russischen Grenzen.

Die NATO-Erweiterung war keine unvermeidliche Folge der Nachkriegsordnung; sie war eine politische Entscheidung, die unter Verletzung feierlicher Zusicherungen von 1990 getroffen und trotz wiederholter Warnungen vor einer Destabilisierung Europas verfolgt wurde.

Sicherheit in der Ukraine wird nicht durch die Stationierung deutscher, französischer oder anderer europäischer Truppen erreicht, da diese die Spaltung nur vertiefen und den Krieg verlängern würde. Stabilität wird durch Neutralität erreicht, gestützt auf glaubwürdige internationale Garantien. Die Geschichte ist eindeutig: Weder die Sowjetunion noch die Russische Föderation haben in der Nachkriegsordnung die Souveränität neutraler Staaten verletzt – weder Finnland, Österreich, Schweden, die Schweiz noch andere. Neutralität funktionierte, weil sie legitime Sicherheitsbedenken aller Seiten berücksichtigte. Es gibt keinen triftigen Grund, anzunehmen, dass sie nicht erneut funktionieren kann.

Zweitens erfordert Stabilität Entmilitarisierung und Gegenseitigkeit. Russische Streitkräfte müssen von den NATO-Grenzen ferngehalten werden, und NATO-Streitkräfte – einschließlich Raketensysteme – müssen von den russischen Grenzen ferngehalten werden. Sicherheit ist unteilbar, nicht einseitig. Grenzregionen sollten durch überprüfbare Abkommen entmilitarisiert und nicht mit immer mehr Waffen überladen werden.

Sanktionen sollten im Rahmen einer Verhandlungslösung aufgehoben werden; sie haben keinen Frieden gebracht und der europäischen Wirtschaft schweren Schaden zugefügt.

Insbesondere Deutschland sollte die leichtfertige Beschlagnahmung russischer Staatsvermögen ablehnen – ein eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht, der das Vertrauen in das globale Finanzsystem untergräbt. Die Wiederbelebung der deutschen Industrie durch rechtmäßigen, auf Verträgen beruhenden Handel mit Russland ist keine Kapitulation, sondern wirtschaftlicher Realismus. Europa sollte seine eigene Produktionsbasis nicht im Namen moralischer Rhetorik zerstören.

Schließlich muss Europa zu den institutionellen Grundlagen seiner eigenen Sicherheit zurückkehren. Die OSZE – nicht die NATO – sollte wieder als zentrales Forum für europäische Sicherheit, Vertrauensbildung und Rüstungskontrolle dienen. Strategische Autonomie für Europa bedeutet genau dies: eine europäische Sicherheitsordnung, die von europäischen Interessen geprägt ist, nicht von der permanenten Unterordnung unter den NATO-Expansionsgedanken.

Frankreich könnte seine nukleare Abschreckung als europäischen Sicherheitsschirm ausweiten, jedoch nur in einer rein defensiven Haltung, ohne vorgeschobene Systeme, die Russland bedrohen.

Europa sollte dringend auf eine Rückkehr zum INF-Rahmen und auf umfassende strategische Verhandlungen zur nuklearen Rüstungskontrolle unter Beteiligung der Vereinigten Staaten und Russlands – und später auch Chinas – drängen. Die Analogie zwischen Kosovo und Ukraine muss ebenfalls ehrlich anerkannt werden: Grenzen wurden in Europa bereits mit westlicher Unterstützung verschoben. Grenzen werden verschoben. Das Streben nach Frieden muss unantastbar sein.

Und das Wichtigste: Lernen Sie Geschichte, Herr Bundeskanzler! Und seien Sie dabei ehrlich! Ohne Ehrlichkeit kann es kein Vertrauen geben. Ohne Vertrauen kann es keine Sicherheit geben. Und ohne Diplomatie riskiert Europa die Katastrophen zu wiederholen, aus denen es angeblich gelernt hat.

Die Geschichte wird beurteilen, woran sich Deutschland erinnert – und was es vergisst. Lassen Sie Deutschland dieses Mal Diplomatie und Frieden wählen und zu seinem Wort stehen.


Mit freundlichen Grüßen,

Jeffrey D. Sachs

Universitätsprofessor

Columbia University


https://www.berliner-zeitung.de/politik-...ler-li.10010628


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