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Religion & Politik im Islam

Die Verantwortung des Fastenden für das Ansehen des Islam

 von Yavuz Özoguz , 20.06.2015 19:39

Die Verantwortung des Fastenden für das Ansehen des Islam

Gerade als Muslime, die in einer mehrheitlich nichtmuslimischen Gesellschaft leben, ist die Verantwortung des fastenden Muslims für das Ansehen des Islam noch größer und bedarf daher einer sehr großen Selbstdisziplin, auch beim notwendigen Abbruch des Fastens!

Vorab aber eine andere Geschichte: Ich erinnere mich noch zu gut, wie ich einstmals mit zur Vorsorgeuntersuchung meiner noch nicht geborenen Kinder dabei war, als meine Frau eine gütige Frauenärztin aufgesucht hat. Als Sie mir die Hand reichen wollte und ich mit meiner üblich höflichen Geste mich entschuldigte, dass ich nur meine eigene Frau berühren dürfe, war es vorbei mit Ihrer Güte. Ihren gesamten Frust über den Islam und die Muslime ließ sie in dem Moment freien Lauf und bestand förmlich darauf, dass ich ihr die Hand zu geben habe, da ich mich gefälligst anzupassen habe. Die Szene hatte ich schon hunderte Male durchgespielt mit sehr unterschiedlichem Ausgang, aber solch eine heftige Reaktion hatte ich zuvor noch nie erlebt. Im Laufe meines späteren Lebens habe ich dann merkwürdigerweise von anderen Geschwistern jene heftige Reaktion immer wieder im Zusammenhang mit Frauenärztinnen gehört, nie aber bei anderen Berufszweigen oder Menschengruppen in dieser Häufigkeit. Die Frauenärztin schien eine besonders den Islam und die Muslime hassende Spezies zu sein, wenn man die Umstände nicht hinterfragen würde. Doch wenn man die Umstände hinterfragt, dann wird man sehr schnell feststellen, dass wir Muslime selbst an jenem Verhalten Schuld tragen! Wie viele muslimische Schwiegermütter hat jene Frauenärztin schon miterlebt, die ihre mögliche zukünftige Schwiegertochter zum Frauenarzt geschleppt hat, um „nachzuprüfen“, ob sie noch Jungfrau ist. Solch eine Frauen verachtende Handlungsweise hat die Frauenärztin bei keiner anderen Menschengruppe in Deutschland jemals erlebt. Für sie sind Muslime frauenfeindlich! Solch eine Entwürdigung kennt sie nur von Muslimen. Und verstärkt wird ihre Abneigung noch durch völlig verzweifelte Muslimas, die vor der Heirat zu der Ärztin kommen und sich das Jungefernhäutchen wieder zusammennähen lassen wollen. Wie krank ist das denn, denkt diese Ärztin!? Und sie hat Recht! Bei aller Ablehnung der Sünde, sind jene Verhaltensformen absolut nicht mit dem Islam vereinbar! Sie sind eine Verhöhnung des Islam und eine Entwürdigung der Frau mit mehrfachem Schaden! Der Schaden betrifft nicht nur die innerislamische Gemeinschaft. Der Schaden reicht weit darüber hinaus in die nichtmuslimische Gesellschaft, die Muslime als lieblose, frauenverachtende, mittelalterliche, Religionsfanatiker ansehen. Wenn bei der katastrophalen Szene des Handgebens dann meine verstörte Frau, die ja gleich von jener Ärztin untersucht werden soll, ihr höflichst erklärt, dass das Nichthandgeben keine Frauenverachtung sei, sondern der besondere Respekt für die Exklusivität der Ehebeziehung und sie auch keinen fremden Männern die Hand gibt, ist die Ärztin gar nicht mehr in der Lage, diese sachlichen Informationen aufzunehmen. Alles in ihr sträubt sich gegen solche Machos, wie sie glaubt vor sich zu haben, und alle ihre Sinne schalten auf Abwehr. Es wäre ungerecht, ihr allein die Schuld daran zu geben! Sie trägt nur eine kleine Schuld. Die größere liegt bei uns Muslimen!

Doch was hat das mit dem Fasten zu tun? Vorab sei erwähnt, dass die folgenden Zeilen nicht an diejenigen gerichtet sind, die jede nur denkbare und undenkbare Ausflucht suchen, um nicht fasten zu müssen. Solche Leute würden die Texte meiner Wenigkeit ohnehin nicht lesen. Die folgenden Zeilen gelten den Geschwistern, die auf jeden Fall fasten wollen, die das Fasten als Gnade Gottes verstehen, denen jener Tag des entgangenen Fastens weh tut und die sich mit Leib und Seele dafür einsetzen, fasten zu können! Sie sind die Flaggenträger des Islams der Liebe und tragen daher eine unglaublich große Verantwortung. Ihrer islamischen Verantwortung werden sie dadurch gerecht, dass sie als Fastende konzentrierter, gütiger, liebevoller, kurz: gottesehrfürchtiger als sonst aufzutreten versuchen. Sie strengen sich an alle negativen Gefühle zu unterdrücken und die Liebe, die sie von Gott empfangen, den anderen Menschen weiterzugeben. Sie sind bessere Töchter oder Söhne als sonst, besserer Ehepartner, bessere Mütter oder Väater, bessere Arbeitskollegen, bessere Nachbarn und bessere Mitglieder der Gesellschaft. Sie sind liebevoller gegenüber allen Menschen und leben die Gnade Gottes vor gegenüber Muslimen wie Nichtmuslimen!

Aber es gibt in diesem Sommer in diesen nördlichen Breitegraden, in diesem Fastenmonat mit den längsten Tagen im Jahr, in dem sich die Iftarzeit kaum ändert, auch den Aspekt, dass manche unserer Geschwister körperlich überfordert sind! Und hier setzt die Verantwortung des Muslims insbesondere gegenüber der Gesellschaft ein! Wenn die Mehrheitsgesellschaft sieht, dass das Fasten die Fastenden zu Engeln und mehr verwandelt, dann bekommt er Interesse am Fasten und am Islam. Wenn er aber sieht, dass das Fasten den Fastenden ins Krankenhaus führt, dann denkt er sich, dass Muslime offensichtlich verrückte Fanatiker sind.

Dabei sind die Fastenregeln klar und eindeutig. Es darf gar nicht jeder fasten! Es gibt Regeln zur Fastenfähigkeit. Neben der religiösen Reife und geistigen Gesundheit gehört vor allem die körperliche Fähigkeit dazu. Als nicht fähig gilt ein Kranker aber unter Umständen auch schwangere Frau, stillende Mütter, sehr alte Menschen oder körperliche Schwache usw.. Und der Betroffene selbst darf bzw. muss das entscheiden. Das Fasten darf dem Fastenden körperlich nicht schaden und darf auch nicht zu einer übertriebenen Belastung führen. Liegt eine Krankheit vor oder ein Schaden bzw. übertriebene Belastung, dann muss der Fastende sein Fasten abbrechen! Auf keinen Fall darf er seinem Körper einen Schaden zufügen, weil er fastet!

Der Islam ist die Religion der Barmherzigkeit. Muslime, die im Fastenmonat entschuldigt nicht fasten können, können diese Tage z.B. im Winter nachholen. Wenn selbst das begründet nicht möglich sein sollte, gibt es Fastenersatzleistungen. Selbst das absichtliche Verreisen, um dem Fasten zu entgehen (ein Reisender fastet nicht), ist erlaubt! Und kein Muslim darf einem Muslim vorwerfen, etwas Erlaubtes zu tun!

Wenn man alle islamischen Regeln berücksichtigt, dann ist es absolut nicht möglich, dass unsere Schwestern gleich reihenweise ins Krankenhaus eingeliefert werden, weil sie sich zum Fasten zwingen, obwohl sie dazu nicht fähig sind, oder Brüder, die unter nahezu unmenschlichen Bedingungen arbeiten müssen (z.B. im Hochofen, untertage usw.) ins Krankenhaus eingeliefert werden, weil sie fasten. Ein Mensch, der z.B. eine Krankheit hat wie Halsentzündung, Nesenebenhöhlenentzündung, starken Husten, starken Schnupfen, und dem dadurch das Fasten extrem schwer fällt darf gar nicht fasten! Verstärkt werden solche Informationen durch die sozialen Netzwerke, in denen viel zu viele Einzelheiten des Lebens zeitnah weltweit verbreitet werden.

Verzeiht liebe Geschwister, wenn ich diesbezüglich so „knallhart“ schreibe. Selbstverständlich ist uns allen bewusst, dass jeder von Euch lieben und gütigen Glaubensgeschwistern ihr Bestes geben wollen, um sich der Liebe Gottes anzunähern. Und auf keinen Fall soll hier irgendjemand entmutigt werden zu fasten. Das Fasten ist eine der besten Übungen zur Selbsterziehung und das Überwinden von gewissen Grenzen gehört zweifelsohne dazu. Aber es darf eben nicht übertrieben werden. Wenn ein Fastender gegen Abend merkt, dass sein Herz anfängt zu rasen, dass er eine ungewöhnliche körperliche Schwäche hat, die über das hinaus geht, was er kennt und Gefahr droht, dann muss er sein Fasten abbrechen. Der Gedanke „ es sind doch nur noch drei Stunden“ hilft hier nicht. Bitte lasst uns niemals vergessen, warum wir fasten. Bei allen wunderbaren Gründen, die wir aufzählen können – und es sind unzählige – ist ein Grund der Kern des Gedankens: Wir wollen uns der Liebe Gottes annähern. Und es gibt sehr unterschiedliche Wege dazu. Der eine schafft es durch sein Fasten, der andere dadurch, dass er wenige Stunden vor dem Fastenbrechen sein Fasten abbrechen muss. Wieder ein anderer schafft es durch die Fastenersatzleistung oder sein Nachholfasten im Winter. So sehr die Entscheidung diesbezüglich beim Einzelnen liegt, so sehr ist auch das Verhalten der Mitmenschen von großer Bedeutung. Jemand, der sein Fasten vorzeitig abbrechen musste, ist doch deswegen kein geringerer Mensch oder weniger gläubig! Er bricht sein Fasten aus den gleichen Gründen, wie wir weiterfasten! Und selbstverständlich kann er oder sie dann Abends beim gemeinsamen Fastenbrechen dabei sein, um die wunderbare Atmosphäre des Iftars zu genießen, wie auch Frauen, die ohnehin an bestimmten Tagen nicht fasten dürfen oder Schwangere, die Schaden für das Baby befürchten oder Stillende, die befürchten dass die Milch weniger wird usw..

Der Schaden, den jemand bewirkt, weil er wegen seinem Fasten ins Krankenhaus eingeliefert wird, soll nicht unterschätzt werden. Es ist etwas anderes, ob so etwas in einem mehrheitlich muslimischen Land passiert oder hier. In einem muslimischen Land haben die Krankenhelfer, die Ärzte usw. Verständnis und wissen, dass der Patient lediglich übertrieben hat. Sie kennen die Symptome und wissen, wie sie damit umgehen müssen. Vor allem wissen sie aber auch, dass weder der Islam noch die Muslime als Kollektiv an dem Einzelfall schuld sind. Hier hingegen fällt das Fehlverhalten auf den gesamten Islam und die Muslime zurück, und das ist eine große Verantwortung. Genau so fällt das Wohlverhalten im Heiligen Monat Ramadan auch auf den Islam und die Muslime zurück und das ist eine große Gnade für denjenigen, der sich vorbildhaft verhält. Er trägt die Flagge der Liebe voller Ehre und Würde und Allah ehrt ihn und sie!

Abschließend noch kurze Tipps für diejenigen, die das Fasten erfahren bewältigen. Der wahre Fastende nimmt im Monat Ramadan ab und nicht zu, und der wahre Fastende wird in diesem Monat zum Wohltat für alle Menschen, denen er begegnet. Möge Allah es uns ermöglichen, dass uns diese großartige Aufgabe gelingt.

In diesem Sinn wünsche ich uns allen einen gesegneten Monat Ramadan, ein gesundes Fasten und wunderbare Atemzüge im Monat Gottes.

Yavuz Özoguz
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