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Religion & Politik im Islam

Heisenbergsche Unschärfe islamisch betrachtet

 von Yavuz Özoguz , 14.06.2015 11:08

Heisenbergsche Unschärfe islamisch betrachtet

Während wir Muslime uns heutzutage viel zu oft und gezwungenermaßen mit den banalen Alltagsproblemen beschäftigen, vergessen wir, dass zum Fortschritt der Menschheit neben den Reinheitsregeln auch Wissenschaft gehört.

Es kann nicht die Aufgabe eines jeden Muslims sein Physik zu studieren. Aber das Allgemeinwissen eines Muslims in Deutschland sollte – wenn wir den Islam ernst nehmen – höher als der Durchschnitt der Bevölkerung sein. Und als deutsche Muslime sollten uns insbesondere die Erkenntnisse deutscher Wissenschaftler zumindest bekannt sein. Zu den spannenden Erkenntnissen des letzten Jahrhunderts gehört die sogenannte Heisenbergsche Unschärferelation. Dabei handelt es sich um eine Aussage der Quantenphysik, die nicht nur extrem schwer zu verstehen ist, sondern noch schwerer zu erklären. Viele großartige Physiker geben offen zu, dass sie das nachweisbare Phänomen nicht richtig erfassen können.

Die Grundaussage der Theorie besteht darin, die Physik auf kleinster Teilchenebene, also auf der Ebene der Quanten, als Wellenfunktion zu beschreiben. In der „großen“ Welt kann der Physiker durch Betrachtung eines Moments den Zustand eines Gegenstands beschreiben. Wie groß bzw. schwer ist er, welche Position hat er, welche Geschwindigkeit hat er usw. Aber auf der Quantenebene ist die Betrachtung eines Teilchens in einem „Moment“ eben nicht möglich. Das liegt darin begründet, dass das Teilchen wie eine „Welle“ ist. Stellen Sie sich vor, sie wollten eine Stimme eines Mitbürgers erkennen, denn Stimmen bzw. Klänge sind auch Wellen. Aber man gäbe ihnen nicht einen größeren Zeitraum einer Stimme (also nicht die ganze Welle), sondern nur einen Moment der Welle (also nur einen Teile eines Tons). Sie wären nicht in der Lage, die Stimme zu erkennen. So ähnlich verhält es sich auch mit den kleinsten Teilchen. Man kann eben nicht erkennen, wo sie sich gerade aktuell befinden. Nur über einen größeren Zeitraum kann man „erkennen“ in welchem Raumbereich sich jenes Teilchen befinden müsste. Je mehr ich Zeit und Raum (bzw. Impuls) „einenge“, desto größer wird die Unschärfe meiner Betrachtung. Die Erkenntnis stammt von Werder Heisenberg, der seine Erkenntnisse immerhin schon 1927 formuliert hat.

Aus der Theorie folgen einige Aussagen, die einen sehr bedeutsamen Charakter für das Verständnis der Welt haben. Demnach ist es für Menschen absolut unmöglich auf der Ebene von Quanten (also den kleinsten Teilchen) einen Zustand herzustellen, bei dem der Ort und Impuls (also die Bewegungsgröße) beliebig genau festgelegt werden. Genau so kann man Ort und den Impuls eines solchen Miniteilchens nicht genau bestimmen. Die dritte Aussage in diesem Bereich ist aber die „spannendste“: Will man solch ein Miniteilchen genau messen, verändert man dessen Zustand!

Die dritte Aussage soll anhand einer (wenn auch hinkenden) Analogie in der „großen“ Welt erläutert werden. Stellen sie sich vor, sie stehen in einem absolut dunklen Raum ohne jegliches Licht! In dem Raum befindet sich zwei identisch große Würfel, der eine weiß, der andere schwarz. Da es im Raum absolut kein Licht gibt, sind beide für sie schwarz, wie auch beide absolut die gleiche Temperatur haben und absolut gleich groß sind, falls man durch Abtasten messen würde (da wir ja nicht sehen können). Schaltet man nun ein extrem helles Licht ein, so wird der eine Würfel weiß, der andere schwarz erscheinen. Dadurch dass der eine schwarz ist, wird er viel wärmer als der weiße, dehnt sich weiter aus und wird dadurch größer. Allein die Tatsache, dass wir die beiden im zuvor dunklen Raum befindlichen Würfel sehen wollten, hat dazu geführt, dass wir sie verändert haben. Und auf der Teilchenebene ist dies noch viel extremer! Miniteilchen sind tatsächlich nur durch Licht bzw. ähnliche Wellen „sichtbar“. In dem Moment aber, in dem wir sie mit Licht beaufschlagen, verändern wir ihre zuvor vorhandene Eigenschaft. Hintergrund dieser kompliziert erscheinenden Theorie ist der so genannte Welle-Teilchen-Dualismus, den insbesondere Licht aufweist. Ein Miniteilchen, also ein Teilchen auf Ebene der Quantenphysik, kann gleichermaßen die Eigenschaften von klassischen Wellen wie die von klassischen Teilchen haben. Eine klassische Welle ist z.B. die Meereswelle. Der Tsunami vor Indonesien war solch eine Welle. Das Bewegungsmuster, welches mehrere Hundert Kilometer entfernt entstanden ist, hat sich bis an jene Küste ausgebreitet. Aber die Teilchen sind jeweils an ihrer ursprünglichen Stelle geblieben (außer dass sie sich auf und ab bewegt haben). Kein Teilchen vom Ausgangspunkt hat sich mit der Welle bis zur Küste bewegt. Nur die Welle hat sich fortgepflanzt. Das klassische Teilchen hingegen ist der Ball, den jemand wirft. Er kommt selbst am Zielort an. Bei Licht liegt das Problem vor, dass es sich zwar wie eine Welle ausbreitet, aber auch Teilchen herumschickt (sonst könnten das Sonnensegel oder Photovoltaik nicht funktionieren). Und diese außergewöhnliche Eigenschaft des Lichtes gekoppelt an die Tatsache, dass Licht auch die Zeit verändert, macht Licht noch heute zum Problemfeld der Wissenschaft.

Wichtig für uns zu wissen ist an dieser Stelle der multiple Charakter von Licht wie auch die Tatsache, dass Licht, dass auf Teilchen fällt, deren Eigenschaften verändert, und wir nicht wissen können, wo das jeweilige Miniteilchen ist. Manche so genannte Wissenschaftler, haben diese Erkenntnis so weit übertrieben, dass sie behauptet haben, dass niemand es wissen kann und daher es auch keinen Gott geben könne. Größenwahn ist eine menschliche Untugend, die auch vor Wissenschaftlern nicht halt macht, wenn man seinen Ursprung und sein Ziel nicht kennt.

Letzte Anmerkung, bevor wir auf die islamischen Aspekte kommen: In der kosmischen Welt (also in der extrem großen Welt) ist es ähnlich geartet. Dadurch, dass die Sterne ihr Licht vor Abermillionen von Jahren abgegeben haben, können wir heute nicht wissen, wo sie sich aktuell befinden, falls es sie überhaupt noch gibt. Wir leben also in einer Art Zwischenwelt. Weder können wir die Miniteilchen genau bestimmen, die sich in einer viel kleineren Welt befinden, noch die Riesenteilchen, die sich in einer viel größeren Welt befinden. Worauf bildet sich der Mensch eigentlich irgendetwas ein auf sein Möchtegernwissen?

Die 6. Sure des Heiligen Qur’an beginnt mit der Dankpreisung Allahs, der die Himmel und die Erde erschaffen hat und die Finsternisse und das Licht errichtet hat. Hier fällt auf, dass Himmel (Mehrzahl) und Erde (Einzahl) im bekannten Sinn „erschaffen“ worden sind. Auf jener „irdischen“ Ebene, man könnte auch sagen in dem für uns zugänglichen Kosmos, wurden Finsternisse (Mehrzahl) und Licht (Einzahl) lediglich „errichtet“, also als Folge der zuvor erfolgten Schöpfung installiert. In der klassischen Physik spricht man immer von Raum und Zeit. Wenn Finsternisse aber die Räume wären und Licht die Quanten, dann könnte man auch die ungewöhnliche Reihenfolge Schöpfungsreihenfolge in diesem Vers erklären, denn normalerweise wäre das Licht zuerst da. In der gleichen Sure wird darauf verwiesen, dass kein Korn ist in Finsternisse der Erde existiert, ohne dass es in einem verdeutlichten Buch bekannt wäre (6:59). Der verwendete Begriff (habbat) wird in einigen Versen als Synonym für „kleinstes Teilchen“ verwendet. Es hat den gleichen Wortstamm wie „Liebe“.

Im Lichtvers (24:35) ist Allah das Licht der Himmel und der Erde, dessen Gleichnis in einer sehr umfassenden Art beschrieben wird. Der Glaube an das Licht wir gleichgesetzt mit dem dem Glauben an Allah und Seinem Gesandten: „Denn seid überzeugt von Allah und seinen Gesandten und von dem Licht, das Wir herniedergesandt haben.“ (64:8)

Das sehr umfassende Thema kann niemals im Rahmen einer solch kurzen Abhandlung auch nur annähernd hinreichend abgehandelt werden. Das war auch nicht das Ziel. Vielmehr soll auf die so extrem wichtige Zusammenarbeit zwischen „klassischer“ Naturwissenschaft und Religion hingewiesen werden, die Jahrhunderte lang die islamische Welt geprägt haben. In diesem Zusammenhang sei auf den „Tag der Einheit zwischen islamischen Bildungsanstalten und Universitäten“ hingewiesen, der auch als „Tag der Einheit zwischen Gelehrten und Studenten“ in der Islamischen Republik Iran bekannt ist. Er ist ein Gedenktag am Tag des Martyriums von Prof. Mohammad Mofatteh am jeweils 27. Azar im persischen Kalender (zumeist 18. Dezember). An diesem Tag soll daran erinnert werden, wie wichtig die Kooperation zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und spirituell-ethischer Weiterentwicklung eines Volks ist. Die Entkopplung von Wissen und Moral in der Westlichen Welt hat zu der Schamlosigkeit in allen Lebensbereichen geführt, unter der die Westliche Welt heute selbst leidet.

Für einen Muslim aber bedeutet das, dass er in allen Lebensbereichen versuchen muss, sich immer mehr Wissen anzueignen und er darf niemals damit aufhören! Für islamische Gelehrte bedeutet das, dass sie zumindest gewisse naturwissenschaftliche Grundlagen studieren müssen neben ihrer klassischen Theologie um von den Weisheiten der Schöpfung den Einfluss des Lichts im eigenen Leben spüren zu können. Und letztendlich gilt das für jeden einzelnen von uns.

Yavuz Özoguz
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