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Religion & Politik im Islam

RE: In wie vielen Deutschen schlummert Rassismus?

 von Yavuz Özoguz , 23.01.2015 08:38

Sehr geehrter Herr Hall,

für den "Rassisten" habe ich mich hinreichend entschuldigt. Aber offensichtlich gibt es in Ihrer Denkweise nur das Nachtreten. Das Herrenmenschendenken war nicht auf Sie gemünzt, da Sie ja in diesem Sinn nur eine bestimmte Denkrichtung vertreten. Und selbst wenn es nicht so scheint, ich mache mir diese intensive Mühe des Schreibens nicht für Sie allein. Es gibt hier tausende Leser, die die aufeinander prallenden Gedanken lesen. Um die geht es mir. Wenn es mir nur um Sie ginge, dann könnte ich Ihnen eine Mail schreiben. Also bitte denken Sie nicht bei jedem Satz, der Ihren Vorstellungen nicht entspricht, er sei zu Ihrer Beleidigung geschrieben. Zudem habe ich denjenigen, die so denken zugebilligt, es unbewusst zu tun. Aber sei es drum, Sie suchen keine Versöhung und keinen Dialog, was an einem einzigen Satz sehr deutlich wird:

Zitat
Deutschland ist bereits abgeschafft, gezielt und gewollt. Uns wurde die Heimat genommen. Das mögen Sie als Zuwanderer gut finden, wir finden es nicht gut, denn es hat nichts mit Liebe, nichts mit Freiheit und Gerechtigkeit zu tun.



Das ist die extrem verkürzte Widergabe der Sarrazin- und Pegida-Ideologie. Das interessante an jener Aussage ist aber, dass Sie eine ganze Reihe von Mitbürgern, von Landsleuten, von Deutschen einfach ausschließen. Für Sie sind Leute, wie meine Wenigkeit, der hier groß geworden ist, der seine gesamte Sozialisation hier erlebt hat, der nie ein anders Land als seine Heimat betrachtet hat, kein Teil Ihres "wir". Es gibt inzwischen einige Millionen Deutsche, die in soundsovielter Generation (ich selbst bin Opa und war zweite Generation) Deutsche sind. Für Sie sind diese Deutsche kein Teil ihres "Wir". Dadurch, dass diese Menschen hier sind, nehmen sie Ihnen ihre Heimat, das zumindest behaupten sie. Sie unterschieden nicht zwischen Deutschen und Nichtdeutschen, sondern ziwschen Biodeutschen und Zuwanderern. Ihre Frau ist da eine Ausnahme, obwohl auch sie zugewandert ist, ganz bewusst und mit freier Wahl. Die Kinder, die in dritter oder vierter Generation als Deutsche geboren werden, hatten nicht diese Wahl, die Ihre Frau hatte. Sie sind als Deutsche geboren und kennen keine andere Heimat. Und sie stoßen auf Menschen wie Sie, die ihnen ihre Heimat streitig machen. Sie behaupten, dass die "Zuwanderer" - wie immer Sie das definieren - Ihnen Ihre Heimat genommen hätten, obwohl kaum ein Zuwanderer Sie in irgendein anderes Land verfrachten wollte, nicht einmal in Gedanken. Sie aber würden am liebsten einige Menschen ihrer Heimat berauben (zumindest in Gedanken), weil nach Ihrer Vorstellung, Deutschland nicht deren Heimat sei. Als Grund geben sie die Genetik an. Ist es ernsthaft für Sie verwunderlich, dass da der Gedanke auf "Rassismus" so fern ist? Hat der in Ihren Augen "Nichtbiodeutsche" weniger Rechte auf seine Heimat Deutschland, weil seine Gene nach seiner Vorstellung nicht deutsch sind? Ist das die Gleichwertigkeit, die Sie den unterschiedlichen Gentypen zubilligen? Und ist Ihnen nie aufgefallen, dass genau der Gedanke, den Sie vertreten, auch heute in der gesamten Welt dem deutschen Exportweltmeister einen viel größeren Schaden zufügt, als sämtliche Zuwanderer zusammen es jemals könnten?

Man könnte aber auch anders an die Angelegnheit herangehen. Wir haben derzeit einen Istzustand mit vielen Deutschen, teils zugewandert. Der aktuelle Zuwanderungsbericht belegt deutlich, dass Muslime bei der aktuellen Zuwanderung kaum noch eine Rolle spielen. Also konzentrieren wir uns auf die hier lebenden Menschen. Wie wäre es, wenn wir zunächst einmal gemeinsam uns darauf verständigen, dass die Zuwanderer, die in dritter oder vierter Generation als Deutsche unter uns leben, deutsch sprechen, die deutsche Staatsbürgerschaft haben und Deutschland als ihre Heimat ansehen, auch Deutsche sind? Wie wäre es dann, wenn wir die von Ihnen so gerne seitelang zitierten Problemtexte gemeinsam und differenziert angehen und versuchen gemeinsam die Probleme zu lösen. Wenn Sie Ihren genetischen Unmut überwinden könnten, würden Sie sehr schnell erkennen, dass jene Probleme gar nichts mit dem Islam zu tun haben, sondern vielmehr durch die Entfernung vom Islam (aber auch vom Christentum) entstehen. So lange Ihresgleichen meinesgleichen aus dem Gemeinwesen ausschließt (und sei es nur gedanklich), bin nicht ich es, der Ihnen Ihre Heimat nimmt. Sie selbst berauben sich Ihrer Heimat, indem Sie etwas konstruieren, was unmenschlich ist.

Sicherlich ist die Vertreibung von Schlesiern ein Verbrechen gewesen! Die Großmutter meiner Ehefrau kam aus Ostpreußen und hat den beschwerlichen Weg über die zugefrorene Ostsee hinter sich. Und ein ebenso größes Verbrechen ist es, dass die USA Syrien zerstört haben und viele Menschen unfreiwillig zu uns kommen, weil sie in ihrer Heimat nicht mehr leben können. Darüber können wir diskutieren. Aber das sind doch ganz andere Fälle, als die "Zuwanderer", die in dritter oder vierter Generation Deutsche sind. Doch auch in der Geschichte der Völkerwanderungen gab es immer viele Völker, die teils freiwillig, teils weniger freiwillig durch die Länder gezogen sind. Teilweise wurden künstliche Grenzen gezogen, die mit "menschlichen" Maßstäben nicht zu rechtfertigen sind. Schweizer beklagen zuweilen, dass sie zu viele Deutsche "Zuwanderer" hätten. Ist das nicht absurd? Die werden kaum mit Genen argumentieren können.

Hinter der gesamten Problematik steckt etwas, was wir bisher nicht angesprochen haben, nämlich der Begriff Heimat. Sie glauben, dass Deutschland bzw. ein Teil Deutschlands ihre Heimat sei. Aber ganz sicher wird Deutschland nicht ihre ewige Heimat sein können. Insofern stellt sich die Frage, wo kommen Sie her, wo gehen Sie hin? Sind wir nicht alle gemeinsam für eine ganz andere "Heimat" erschaffen worden? Und haben nicht Abraham, Moses, Jesus und Muhammad genau das gelehrt? "Dein Reich komme"! Glauben Sie, dass die Menschen in Gottes Reich unterschieden werden? Christen glauben an die Rückkehr Jesu. Glauben Sie, dass wenn Jesus zurück kommt, es die heutigen geistigen und politischen Grenzen noch geben wird? Möge er bald erscheinen! Muslime glauben, dass zusammen mit Jesus der Mahdi kommen wird und sind der festen Überzeugung, dass mit Seinem Erscheinen diese menschentrennenden Grenzen aufgehoben werden.

Es ist ein Ideal! Aber ein Ideal etabliert sich zuerst in den Köpfen und erst danach in der Realität. Mein Ideal ist ein Deutschland, dass auf Basis von Gerechtigkeit ein Fanal für Frieden und Freiheit in der Welt sein wird. Es ist ein Deutschland, in dem der Begriff "Gerechtigkeit" sich auf Gnade von Gott und Demut allein vor Gott stützt. Es ist ein Deutschland, in dem weder die Hautfarbe noch die Herkunft eine Rolle spielt, sondern allein geistige Werte, die jeder in sich etablieren kann. Ich weiß, dass in meiner Traumvorstellung viele "bio"Deutsche sich wiederfinden. Wenn Sie also in Zukunft von "Wir" schreiben, dann tun Sie das bitte nicht im Namen von allen "bio"Deutschen. Diese Anmaßung ist es, die auch Pegida und Sarrazin so viel Feindschaft unter "bio"Deutschen hervorrufen ließ. Wenn Sie und Ihresgleichen lieber ein "reinrassiges" Gebilde mit einigen Farbtüpfelchen als Ideal anstreben, dann ist das Ihre Sache. Und wenn ich eine andere Vorstellung von Menschlichkeit habe, dann ist das meine Sache. Und die vielen Leser dieser Diskussion können sich selbst ein Bild davon machen, welche Einstellung für die Zukunft dieses so leistungsstaarken Landes die Bessere ist.


Yavuz Özoguz
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