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Religion & Politik im Islam

Welchen Mahdi – möge er bald erscheinen – erwarten wir?

 von Yavuz Özoguz , 16.07.2013 11:45

Welchen Mahdi – möge er bald erscheinen – erwarten wir?

Manche glauben, dass wenn der erwartete Erlöser kommt, er die Welt wie ein gerechter Diktator regieren wird, und unterstützt durch außergewöhnliche Kräfte alles Unheil von der Erde verschwindet und jeder in einer Art Mini-Paradies lebt. Doch wird es wirklich so sein?

Die Vorhersagen über den erwarteten Erlösen sind in allen Religionen mehr oder minder ähnlich. Der Erlöser kommt, um das Unheil auf Erden zu beseitigen und das Heil auf Erden zu etablieren. Doch was ist das Heil? Im Islam ist das Kommen jenes Erlösers zudem eine zwingende Erwartung, um das göttliche System, das er für den Menschen erschaffen hat, zu vervollständigen. Denn noch kann jeder in seinem Grab behaupten, dass ein gottgefälliges System bei aller Anstrengung nicht möglich war! Schließlich haben selbst der Prophet (s.) und Imam Ali (a.) das Ideal der Gesellschaft nicht geschafft. Wie sollte dann der kleine Bürger das schaffen? Diese Ausrede wird entfallen, sobald der Erlöser da ist und die Verwirklichbarkeit beweist. Gottes Gesandter (s.) und Imam Ali (a.) haben sich bestmöglich bemüht, aber die Menschen haben sie im Stich gelassen. Da das Heil auf Erden eines Tages realisiert wird, kann sich niemand mehr rausreden. Ja, es ist möglich! Und jeder, der sich zu seiner Lebzeit entsprechend angestrengt hat, wird so sein, als wenn er im Zelt des Erlösers war, selbst wenn er vorher gestorben ist. Doch was hat es mit der Erlösung auf sich?

Die allermeisten Vorstellungen der Muslime gehen davon aus, dass der Erlöser – zusammen mit Jesus – erscheint und es kurze Zeit nach seinem Erscheinen ein unglaubliches Gemetzel geben wird neben anderen Katastrophen. Denn die teuflischen Kräfte werden ihn angreifen und er wird die Menschen, die zu ihm stehen, verteidigen und am Ende siegreich sein. Und dann wird er mehr oder weniger gewaltsam die Wahrheit auf Erden durchsetzen, so zumindest die nicht ausgesprochenen Vorstellungen der Muslime. Aber ist es wirklich so? Spielen bei solchen Gedanken nicht auch Eigeninteressen eine Rolle? Ist es nicht so, dass viele Muslime sich derzeit „unterdrückt“ fühlen“ und hoffen, dass der Erlöser sie „befreien“ wird? Ist es nicht so, dass sich viele Muslime unterprivilegiert fühlen und hoffen, mit dem Erscheinen des Erlösers zu den „Herrschern“ zu gehören?

Manche Muslime glauben, sie seien derzeit die Unterdrückten, die Schwachen, die Armen und würden, sobald der Erlöser kommt, zu den Herrschern, den Starken, den Reichen gehören. Das sind aber keine islamischen Gedanken. Es sind die Gedanken, die besonders in zionistischen Kreisen verbreitet scheinen; die Auserwähltheit und Überlegenheit über andere Völker, die bereits vor dem Erscheinen des Erlösers durchgesetzt werden müsse!

Manche Muslime glauben, dass alle ihre Sünden mehr oder wenige von einem Tag auf den anderen vergeben werden, wenn sie sich nur dem Imam Mahdi anschließen, sobald er erscheint und glauben ernsthaft, sie könnten das, unabhängig davon, wie viele Sünden sie zuvor auf sich geladen haben. Das sind aber keine islamischen Gedanken. Es sind die Gedanken, die insbesondere von Christen heutzutage verbreitet werden, die im Kreuzestod Jesu die „Übernahme“ der eigenen Sünden wähnen. Doch Imam Mahdi (a.) wird nicht derart kommen!

Die größte Sünde des Satans im Heiligen Qur’an besteht darin, dass er sich selbst als etwas „besseres“ wähnt. Diesen Wahn entwickelt er, als er den Aufruf erhält, den Menschen zu dienen: Diene Gott, indem du den Menschen dienlich bist. Satan weigert sich. Gottes Gesandter (s.) hingegen nennt diejenigen die besten Menschen, die den andere Menschen am dienlichsten sind. Und so wird die Krönung der Befreiung der Menschen im Dienst am Menschen liegen. Sobald Imam Mahdi (a.) kommt, werden die Muslime teilen müssen, wie die Medinensischen Helfer (Ansar) mit den Auswanderern (Muhadschirun) teilen mussten. Sie werden viel opfern müssen, wie die Muslime in Badr, Uhud und vielen anderen Verteidigungsschlachten. Sie werden bereit sein müssen zu hungern, wie die Anhänger des Propheten im Tal von Abu Talib. Sie werden viel Leid sehen und lindern müssen. Sie werden sich einsetzen und anstrengen müssen. Und wenn dann alle diese Anstrengungen zum erwünschten Erfolg führen werden, dann werden seine Anhänger keine „Herrscher“ sein, sondern sich geehrt fühlen, dass sie den Menschen dienen dürfen! Sie werden diejenigen sein, die sich am meisten für andere Menschen einsetzen. Sie werden diejenigen sein, die am wenigsten schlafen, am meisten arbeiten, und das Licht Gottes aus ihren Herzen und Gesichtern strahlt, weil sie sich aufopfern! Sie werden nicht einmal einer Ameise zuleide rücken, so sehr werden sie auf die Schöpfung achten. Derart wird die Erlösung sein!

Jetzt überlege jeder, ob er wirklich schon bereit ist für die Erlösung. Wir befinden uns im Gottesmonat Ramadan, der in einer besonderen Beziehung zu Imam Mahdi (a.) steht. Wollen wir wirklich, dass er (a.) jetzt kommt? Wollen wir wirklich teilen und weniger als heute haben, wenn er kommt? Wollen wir wirklich weniger schlafen, in jeder Hinsicht wacher sein und vor allem weniger essen, wenn er kommt; ein Hinweis, der angesichts mancher falscher Fastenpraktiken bedeutsam erscheint! Wollen wir das alles wirklich?

Jeder kann das nur für sich selbst beantworten. Aber wenn er wirklich die Bereitschaft hat, alles aufzugeben für den Weg der Befreiung, dann ist er bereits frei. Wenn er wirklich bereit ist zu teilen, aufzuopfern, zu hungern und zu geben, dann ist er bereits frei. Wenn er sich wirklich einsetzen will und danach dürstet, dass der Erlöser kommt, damit die wirklich Hungernden befreit werden und nicht er mit seiner Krankenkasse und Sozialstaat im Hintergrund, dann ist er wirklich frei. Und dann spielt es keine Rolle, ob der erwartete Erlöser zu seinen Lebzeiten kommt oder nicht, er gehört zu seinen Anhängern.

Der Monat Ramadan ist – wenn man es ernsthaft betreibt – ein Monat des Verzichtes. In diesem Verzicht kann der Mensch vieles lernen, vor allem die Befreiung von Abhängigkeiten. Der Raucher kann versuchen sich vom Rauchen zu befreien. Der Übergewichtige kann einige Kilos abschmelzen. Der Schlafsüchtige kann versuchen mit weniger Schlaf auszukommen usw. usf.. Und alles dient der Vorbereitung für die Rückkehr des erwarteten Erlösers. Sobald wir die Bereitschaft haben zu dienen und nicht zu herrschen, sind wir frei und „Erben“ der Ehre zum wahren Gottesdienst, der in der höchstmöglichen Nächstenliebe besteht.

Der Kapitalismus ist eine Ideologie, der die Menschen zum Wunsch nach immer mehr auf Erden animiert. Wer wirklich fastet, der befreit sich von dieser Verbrecherideologie und wird zu einem wertvollen Bürger seiner Gesellschaft. Möge der Erlöser bald erscheinen.

Yavuz Özoguz
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