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Religion & Politik im Islam

Die Türkei ist muslimisch – ob es dem Westen passt oder nicht!

 von Yavuz Özoguz , 19.06.2013 11:27

Die Türkei ist muslimisch – ob es dem Westen passt oder nicht!

Der eindimensionale imperialistisch-kapitalistische Blick auf die Türkei führt in die Irre. Will man die komplexen Zusammenhänge verstehen, muss man über den westlichen Tellerrand hinausschauen.

Seit Tagen hören wir von gewaltsam niedergeschlagenen Demonstrationen in der Türkei. Bei der Berichterstattung hat man das Gefühl, dass geradezu „genüsslich“ darüber berichtet wird, wie die Türkei jetzt doch zu den „Bösen“ gehöre und nicht das wirtschaftlich aufstrebende Land mit einer dynamischen Jugend und traumhaften Wachstumszahlen ist. Während die Bevölkerung der Türkei immer weniger den Wunsch hatte in die EU einzutreten, kann die EU jetzt endlich wieder die Türkei von sich aus ablehnen. Denn Imperialisten können es nicht vertragen, wenn sie abgelehnt werden, wenn, dann lehnen sie selbst ab!

Doch was ist da in der Türkei geschehen? Woher kamen so plötzlich die Demonstrationen? Warum haben sie jetzt wieder aufgehört? Lag es allein an zwei Bäumen und der gewaltsamen Niederschlagung der Demonstrationen?

Erinnern wir uns: Im Oktober 2009 wurde der türkische Ministerpräsident von Imam Chamene’i feierlich in Teheran empfangen. Imam Chamene’i würdigte ihn mit den Worten: „In den letzten Jahrhunderten hat es zwischen den beiden Ländern keine so enge Beziehung gegeben wie heute. Wir sind über die Erfolge Ihrer Regierung auf nationaler und internationaler Ebene erfreut.“ Zudem lobte er ihn für seine Einstellung gegen die Zionisten. Erdogan war am Gipfel seines Ansehens in der islamischen Welt angekommen. Nichts, aber auch gar nichts, schien ihn in seinem vorsichtigen und bedächtigen Vorgehen aufhalten zu können, nicht einmal das türkische Militär, das im Auftrag der Westlichen Welt so viele Umstürze in der Türkei schon fabriziert hatte! Erdogan hat sogar die Verbrechen des Militärs thematisiert, was zuvor undenkbar schien. Vor allem aber hat er der türkischen Bevölkerung die Dankbarkeit für die islamische Religion zurückgegeben. Nur noch eine kleine ehemalige Elite des Landes, bestehend aus Kemalisten und US-hörigen Kapitalisten stellte sich gegen ihn, was angesichts der überwältigenden Mehrheit der ihn unterstützenden Bevölkerung „ungefährlich“ schien.

Dann aber wendete sich das Blatt innerhalb weniger Jahre. Anfang 2011 hatte der kapitalistische Imperialismus eine terroristische Kampffront in Syrien aufgebaut, die sich einerseits gegen die Befreiungstheologie der Islamischen Republik Iran richtete und andererseits als Falle für die muslimische Welt gedacht war, auch als Falle für die Türkei! Unter dem Vorwand, dass Schiiten gegen Sunniten kämpfen würden, wollte man die sunnitische Welt gegen die schiitische aufhetzen um zu teilen und zu herrschen. Intensive Versuche zuvor in Afghanistan und Irak hatten zwar zu zahlreichen Massakern geführt aber noch nicht das umfassende Ergebnis bewirkt, dass die Westliche Welt zur gewaltsamen Durchsetzung ihres Hegemonialanspruchs benötigt. Zusammen mit Saudi-Arabien, Katar und al-Qaida bildete der USrealische Imperialismus die neue Kampffront gegen angebliche Schiiten. Hierbei wurde das geringe Bildungsniveau vieler Muslime missbraucht. Ihnen wurde mit Hilfe der kriegserfahrenen eingebetteten westlichen Hofjournalisten eingebläut, dass in Syrien Sunniten von Schiiten unterdrückt werden würden. Dabei ist die Front in Syrien so klar, dass nur ignoranten Menschen dies übersehen können: Auf der einen Seite stehen Sunniten, Schiiten, Aleviten, Drusen, Christen, Juden und viele andere mehr, die friedlich zusammen leben wollen und es zuvor getan haben, und die die einzige staatliche Widerstandsfront in der Nachbarschaft des rassistischen Zionismus darstellt. Auf der anderen Seite stehen die Despoten von Saudi-Arabien, Katar, geführt von dem Weltimperium Usrael. An wessen Seite die EU steht, braucht nicht extra erwähnt zu werden. Deutschland hat offensichtlich die besondere Gabe in allen drei Weltkriegen auf der Seite der Unterdrücker stehen zu wollen, um am Ende zu verlieren.

Erdogan jedenfalls ist in die Falle getappt und hat sich vor den Karren USraels spannen lassen. Faktisch hat er den indirekten Krieg gegen Syrien erklärt – selbst wenn er es nicht direkt ausgesprochen hat – und die Terroristen in jeder Hinsicht unterstützt. Anfänglich hat er nicht bemerkt, in welche komplexe Falle er damit geraten ist. Aber einige Teile seiner direkt betroffenen Bevölkerung an der Grenze zu Syrien haben es bemerkt und gegen ihn demonstriert. Im März 2012 wollte er nun unbedingt den Iran – und vor allem Imam Chamene’i – für seine Sicht der Dinge gewinnen und flog nach Teheran. An dem Tag, als er in Teheran landete, reise Imam Chamene’i – ohne Erdogan zu empfangen – nach Maschhad ab. Erdogan flog hinterher und wollte unbedingt Imam Chamene’i sprechen. Imam Chamene’i empfing ihn und warnte ihn unverblümt, er solle sich aus der Syrien-Geschichte heraushalten. Doch Erdogan wollte - oder konnte – zunächst einmal nicht von seinem eingeschlagenen Weg zurück. Bereits damals ließ er Demonstrationen niederschlagen an der Grenze zu Syrien, Demonstrationen die sich gegen die indirekte Kriegsbeteiligung der Türkei richteten. Damals haben diese Niederschlagungen keinen westlichen Journalisten gestört! Niemand hat von Erdogan eingefordert, er solle die Menschenrechte einhalten.

Anfang 2013 aber wurde klar, dass der Syrienfeldzug nicht so schnell enden sollte, wie es die westlichen Hofschreiber zuvor propagiert hatten. Erdogan merkte immer mehr, wie sein Ansehen im eigenen Volk schwand. Er reduzierte sein Engagement in der Syrienfrage und konzentrierte sich wieder auf innertürkische Angelegenheiten. Die Türkische Lira, die bis zum Mai 2013 auf einem halbwegs stabilen Niveau verblieben war, brach nun so kurzfristig ein, dass von einer Manipulation in globalen Dimensionen ausgegangen werden kann. Die Kriegstreiber in Syrien, die immer schwerere Verluste hinnehmen mussten, verstärkten ihre Propaganda. Plötzlich war selbst in der Westlichen Welt davon die Rede, dass Assad einen starken Rückhalt in der Bevölkerung habe. Hinter den Kulissen wurde Erdogan immer stärker und immer unverschämter dazu gedrängt, ein Szenario zu fabrizieren, mit dem er in Syrien einmarschiert. Bombenanschläge an der syrischen Grenze, die der syrischen Armee angelastet werden sollten, wurden merkwürdigerweise in Windeseile aufgedeckt als Verschwörungen mancher türkischer Kreise, so dass die westliche Medienberichterstattung sich schleunigst zurückziehen musste. Aufgedeckt wurden jene Verschwörungen von türkischen Polizisten und Regierungsstellen; ein erstaunlicher Vorgang. Und die angeblichen Chemiewaffen-Einsätze, für die der USA keine Lüge zu dreist ist, und die von westlichen Journalisten unkritisch verbreitet werden, wurde plötzlich von der Türkei nicht mehr bestätigt, obwohl hier die meisten Flüchtlinge und damit die meisten möglichen Beweise sind.

Offensichtlich gab es innerhalb des türkischen Systems zweierlei „Zugrichtungen“. Die eine Richtung wollte die Türkei in einen Weltkrieg verwickeln, an vordersten Front. Die andere Richtung wollte die Türkei wieder in die antiimperialistische Front einbinden, die das Volk gedanklich und geistig verbindet, die aber in einem gewissen Gegensatz zu der extremen wachstumsorientierten Schuldenpolitik des Landes steht. Das Land ist gespalten in vielerlei Hinsicht.

Ministerpräsident Erdogan jedenfalls wollte die Türkei ganz offensichtlich nicht in einen direkten Krieg verwickeln. Die offene Unterstützung von Umstürzlern ist eine Sache, aber ein offener Krieg eine andere. Die zögerliche Haltung Erdogans mündete dann in merkwürdig plötzlich auftauchende Demonstrationen am Taksim-Platz, wo es im benachbarten Gezi-Park um einige Bäume gehen soll. Tatsächlich waren jene Demonstrationen durchaus geschürt und unterstützt von der westlichen Welt. Das kann man allein daran sehen, dass nach der Niederschlagung ein Mann sich auf den Platz gestellt hat und stumm verbleib. Sämtliche westliche Anstalten haben jenen einen Mann von morgens bis Abends gezeigt, so dass sich ihm andere angeschlossen haben.

Doch wer sind die Demonstranten? Die Mischung ist so komplex wie das Land und der Konflikt der Region. Da sind an erster Stelle die Kemalisten, die ihre Chance sehen, dem muslimischen Ministerpräsidenten eins überzubraten. Sie hassen den Kurs, der immer mehr Kopftücher auf die Strasse bringt, den Alkoholausschank vermindert und islamische Werte von Anstand und Familie predigt. Vor allem hassen sie die zunehmende soziale Gerechtigkeit, denn sie gehören zu den Reichen im Land. Dann sind da die Leute der politischen Opposition (teils liegen Überschneidungen mit der ersten Gruppe vor). Sie haben bei Wahlen nicht die Spur einer Chance, weil sich die türkische Bevölkerung zunehmend ihres islamischen Potentials bewusst wird und das nicht nur moralisch. Während die Exporte der Türkei in die westliche Welt stagnieren, wachsen sie in die islamische Welt! Eine Gruppe von Demonstranten will Erdogan einfach nur davon überzeugen, dass er im Syrienkonflikt sich raushalten soll. Jene Demonstranten wurden von der Armee unterstützt, die seit Atatürk sich in innere Konflikte der Nachbarstaaten nicht einmischen wollte. Die Armee sah darin auch ihre Chance, verlorenes Ansehen und vor allem verlorene Macht zurückzugewinnen. Es ist schon eine Art Ironie des Schicksals, dass Erdogan ausgerechnet von der eigenen laizistischen Armee dafür bestraft wird, dass er die Warnungen der islamischen Heiligkeit unserer Zeit so eklatant missachtet hatte.

Weitere Demonstranten sind Aleviten. Sie machen mit immerhin 20% der Bevölkerung der Türkei einen beachtlichen Anteil aus, auch bei den Demonstrationen. Erdogan hat sich im Zuge seines altosmanischen Traumes zu symbolischen Aktionen hinreißen lassen, die überhaupt nicht nötig gewesen wären. So weihte er die neue große und dritte Bosporus-Brücke ausgerechnet mit dem Namen des osmanischen Sultans Yavuz Sultan Selim ein. Jener Yavuz war einer der größten Schiiten-Schlachter der türkischen Geschichte! Die heutigen Aleviten sehen sich als Nachfolger der damaligen Schiiten, selbst wenn sie viele islamische Riten „vergessen“ haben.

Doch dann passierte letzte Woche etwas, womit wirklich niemand gerechnet hat. Über Hintergrundkanäle ließ Erdogan bei Imam Chamene’i nachfragen, wie mit der Lage umzugehen ist. Der gleiche Mann, der auf die deutlichen Warnungen Imam Chamene’is nicht gehört und sich selbst daher geschwächt hatte, bat nunmehr um eine Lösung. Und sie kam prompt: Der iranische Außenamtsprecher teilte mit, dass die Islamische Republik Iran die Vorgänge in Istanbul als innertürkische Angelegenheit betrachten und sich in keiner Weise einmischen werden. Das war eine Aufforderung auch an andere, sich nicht einzumischen. Einer Einmischung im Stile einer Claudia Roth, die in Herrenmenschenmanier glaubt, die deutschen Wertvorstellungen seien mit imperialistischer Propaganda (und notfalls mit Gewalt) überall durchzusetzen, wurde damit eine Absage erteilt. Es sei nebenbei daran erinnert, dass die Partei einer Petra Kelly inzwischen zu einer Kriegspartei mutiert ist.

Noch bedeutsamer war aber der Hinweis für die Aleviten, zumindest für den gläubigen Teil unter ihnen (manche Aleviten sind auch Kemalisten). Nach der Äußerung aus dem Iran, die eindeutig auch die Handschrift Imam Chamene’is trug, brach die alevitische Front zusammen. Hinter den Kulissen wurde in Windeseile die Nachricht verbreitet, dass Erdogan vom Westen abgestraft wird, weil er nicht hinreichend in Syrien interveniert hat. Und schon waren die Demonstrationen um den Gezi-Platz nicht mehr aufrecht zu erhalten. Die landesweiten Demo-Unterstützungen brachen innerhalb nur einer Nacht zusammen. Und die Westliche Welt lässt jetzt kemalistische Steinzeittürken im Fernsehen auftreten, um die eigene Niederlage zu kaschieren.

Mag sein, dass Erdogan dieses Mal die Kurve bekommen und sich selbst aus der Sackgasse manövriert hat. Tatsache ist, dass die Türkei ein muslimisches Land ist. Die Islamische Republik Iran ist einer der bedeutendsten Nachbarn (auch wirtschaftlich). Die Imperialisten werden eines Tages aus der Gegend verjagt worden sein, der Nachbar bleibt. Und das gilt auch für Syrien. Der imperialistische Kapitalismus kämpft seine letzten Kämpfe. Der zweifelsohne in historischen Betrachtungen als Verbrecher einzustufende Obama reist derweil nach Deutschland, und ausgewählte Jubeldeutsche müssen ihm zuwinken. Die deutsche Jugend interessiert sich weder dafür noch für das sonstige Unrecht in der Welt. Die Westliche Welt stirbt einen Vergreisungstod.

Die Türkei hat eine junge und dynamische Bevölkerung. Sie kann für eine kurze Zeit auch in eine falsche Richtung aktiviert werden, aber eben nur für eine kurze Zeit. Jedenfalls ist die Jugend lebendig. Und so ergeht es auch der Jugend im Iran, die eine Überraschungswahl hingelegt hat. Nach und nach werden sich immer mehr Länder vom Diktat des Imperiums befreien. Und der Autor dieses Artikels träumt immer noch davon, dass in einer brüderlichen Kooperation von deutschen Sunniten und deutschen Schiiten hier eines Tage ein Islam vorgelebt werden kann, der auch die Mehrheitsbevölkerung der Deutschen zur eigenen Befreiung von USrael animiert, und das, obwohl er auch Yavuz (aber ohne Sultan) heißt.


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