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Religion & Politik im Islam

Warum gibt es so wenig Konvertiten?

 von Yavuz Özoguz , 30.12.2011 14:19

Warum gibt es so wenig Konvertiten?

Es ist ein Merkmal unserer Zeit, dass das Thema Religion und Wahrheit kaum noch eine Rolle spielt in Führungskreisen, denn anders ist es nicht zu erklären, dass es so wenig Konvertiten unter Führungskräften gibt.

Die Frage der Konversion von einer Religionsgemeinde in die andere oder auch innerhalb einer Religion von einer Konfession in die andere kann ganz grundsätzlicher Art diskutiert werden, ohne die eine oder andere Religion zu bevorzugen. Nehmen wir das Beispiel Deutschland und betrachten vereinfacht, dass die Hälfte der noch verbliebenen Gläubigen Katholiken und die andere Hälfte Protestanten sind. Wenn man davon ausgeht, dass eine der beiden Konfessionen näher an der Wahrheit ist, dann hätten idealerweise 50% der Menschen das Potential ihren Glauben zu wechseln. Würden nur jeder Einhundertste es wirklich tun, wären das immerhin mehrere Hunderttausend Menschen in Deutschland und es wäre nicht zu übersehen! Und wenn jeder einhundertste Politiker die Religion oder Konfession wechseln würde, dann müsste ein halbes Dutzend davon im Bundestag sitzen und ab und zu auch einer in der Regierung. Aber solch ein Fall ist in der Bundesrepublik Deutschland kaum bekannt. Der eine frühere Bundestagsabgeordnete, der den Islam angenommen hat, scheint da eher die Ausnahme, der die Regel bestätigt.

Blickt man auf den Islam, so ist die Situation noch drastischer zu beschreiben. Es gibt vier Rechtsschulen unter Sunniten, und vereinfacht nehmen wir an, eine unter Schiiten. Wenn man jeder Rechtsschule ca. 20% der Gläubigen zubilligen würde (was nicht ganz stimmt), hätten also 80% der Gläubigen das Potenzial zum Wechsel innerhalb der eigenen Religion. Aber die Fälle von bekannten Konvertiten innerhalb des Islam sind durchaus überschaubar. Die vier sunnitischen Rechtschulen “behelfen“ sich mit der Formel, dass alle vier gleichwertig seien, aber es ändert ja nichts daran, dass es teils gravierende Unterschiede in Detailfragen gibt und oft höchstens nur eines richtig sein kann! Man nehme das vergleichsweise unbedeutende Beispiel der Gebetsstellung. Sie unterscheiden sich in vielen Details. Manche behaupten, alle Stellungen wären gleichwertig, weil der eine den Propheten so und der andere so beim Beten gesehen hätte. Hier gibt es nunmehr zwei Möglichkeiten: Entweder hat der Prophet wirklich mal so und mal so gebetet, dann aber müssten alle Muslime es nachahmen und auch mal so und mal so beten und die Fixierung auf eine Form wäre falsch. Oder aber mindestens einer der Überlieferer bzw. Rechtsgelehrten, die es interpretieren, täuscht sich, dann müsste man den herausfinden, der sich weniger täuscht.

So oder so, ob innerhalb einer Religion oder religionsübergreifend, die “berühmten“ Konvertiten sind ganz selten. Wenn einmal ein Gelehrter die Rechtsschule wechselt, ist das schon eher eine Sensation und gleich berühmt. Und solche “Superstars“ wie Yusuf Islam, die den Islam angenommen haben, sind die Ausnahme oder eher unbekannt. Woran liegt das?

Zweifelsohne liegt ein Grund in der Trägheit der Menschen und dass die meisten schlichtweg das “übernehmen“ in das sie geboren sind. Das aber kann sicherlich nicht wahrheitsfördernd sein. Selbst wenn man in die „richtige“ Konfession geboren wäre, hätte es wenig Wert, wenn man nicht die innere Bereitschaft mitbringt, dorthin zu wechseln, wenn man in eine andere Konfession geboren wäre. Ein weiterer Grund für die “Abwesenheit“ von Konvertiten in der dürfe darin liegen, dass das Thema “Konversion“ in einem kapitalistischen System (und nahezu die gesamte Welt hat dem Kapitalismus gehuldigt), ganz bewusst ausgeblendet wird. Jemand, der sich mit der Frage, woher er kommt, wohin er geht, wer sein Gott ist und was seine Verantwortung vor Gott ist, beschäftigt, ist “gefährlich“ für den Kapitalismus! Daher gibt es den Konvertiten weder im Film, noch in Nachrichten, nicht in Büchern, noch in Zeitungen. Der Konvertit ist schlicht und einfach kaum existent! Wenn er doch vorkommt, ist er entweder ein Hilfsbedürftiger, der in der neuen Religion “Halt“ gefunden hat, oder aber ein Wahnsinniger, der gefährlich für die Menschheit ist. Selbst dort, wo er eigentlich als ganz “normaler“ Konvertit nicht zu übersehen sein sollte, wird er ganz einfach ausgeblendet.

Erinnern Sie sich noch an diesen wunderbaren Film über das Leben von Mahatma Gandhi? Was war er nicht für ein großer Kämpfer für Freiheit seines Volkes. Der Film war sehr lang und mit enormem Aufwand gedreht. Aber der älteste Sohn von Gandhi, der zwischenzeitlich den Islam angenommen hatte und mit dem es daher ein Zerwürfnis gab, kam in dem Film überhaupt nicht vor! Gandhi hat seinen eigenen ältesten Sohn enterbt, aber in dem berühmtesten Film über das Leben von Gandhi gibt es jenen Sohn nicht.

Oder haben sie jemals etwas von Tali Fahima gehört. Tali Fahima ist eine israelische Friedensaktivistin, die den Islam angenommen hat und unter strengen auflagen in Israel lebt. Sie ist 1976 geboren und stammt aus einer Mizrahim-Familie (orientalische Juden, die oft gut Arabisch sprechen) aus der südisraelischen Stadt Kiryat-Gat. Sie arbeitete als Sekretärin in einer angesehenen Anwaltskanzlei in Tel Aviv. Bis 2003 galt sie als Unterstützerin des Likud und trat für eine "militärische" Lösung des "Palästinenserproblems" ein. Am 18. März 2004 veröffentlichte Hayir Weekly, eine bedeutende Tel Aviver Wochenendzeitung (Haaretz-Gruppe), ein Interview mit Tali Fahima, in dem sie deutlich ihre Kritik an der israelischen Attentatspolitik zum Ausdruck bringt. Der Artikel berichtet von Fahimas Treffen mit Zachariah Zbeidi, dem Chef der Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden von Dschenin. Auch aufgrund dieser Aussage gerät sie ins Fadenkreuz des israelischen Geheimdienstes und muss letztendlich mehrere Gefängnisaufenthalte über sich ergehen lassen. Sie wird als "Verrückt" und "Liebhaberin" eines palästinensischen "Terroristen öffentlich verleumdet, obwohl es keine Anhaltspunkte für solch eine Beziehung gab und beide Betroffenen es stets dementiert haben. Hauptgrund für die Verleumdungen gegen sie und die späteren staatlichen Repressalien war die Tatsache, dass sie eine Weile als menschliches Schutzschild im Haus von Zachariah Zbeidi gelebt hat, als sie erfahren hat, dass er ohne jegliche Anklage ermordet werden soll und somit auch seine Frau und sein Kind gefährdet sind. Offizielle wurden ihr allerdings die angebliche Übersetzung geheimer Dokumente vorgeworfen. Zuvor hatte sie sich in intensiv über die Sachverhalte informiert. Von 2005 bis 2007 saß sie im Gefängnis ihre Haftstrafe ab, wurde aber dann vorzeitig wegen guter Führung unter Auflagen entlassen. Sie darf weder das Land verlassen, noch Kontakt zu Ausländern aufnehmen und auch nicht in die besetzten Gebiete reisen. Heute lebt Tali Fahima ein einem arabischen Dorf im Norden Israels und arbeitet als Hebräisch-Lehrerin. Im Juni 2010 nahm sie den Islam in einer Moschee in Umm al-Fahm an. Ja, solche Helden unserer Zeit gibt es so manche in Israel, aber wir hören davon nicht.

Schon eher hat man den Namen Mordechai Vanunu schon einmal gehört, den berühmten israelischer Nukleartechniker, der 1985 die Existenz des bis dahin geheim gehaltenen Nuklearforschungsprogramms Israels und damit die faktische atomare Bewaffnung des Landes aufdeckt hat und dafür Jahrzehnte lang ins Gefängnis musste. Wer aber weiß, dass er bereits 1986 das Christentum angenommen hat? Welche christliche Kirche in Deutschland hat sich je für ihn eingesetzt?

Oder haben Sie jemals von Ahmed Abdallah Mohamed Sambi gehört? Er war immerhin zwei Legislaturperioden Regierungschef der Komoren. Zugegeben sind die Komoren nicht gerade das größte Land der Erde, aber der Regierungschef eines sunnitischen Landes hat mehrere Jahre Ayatollah Mesbah Yazdi in Qum studiert und wurde deshalb Ayatollah der Komoren genannt. Gabun ist da schon etwas größer, aber dennoch weiß man kaum, dass der ehemalige Regierungschef Omar Bongo zuvor Albert-Bernard Bongo hieß.

Eines der Gründe, warum so wenig über Konvertiten bekannt ist, liegt also darin begründet, dass “berühmte“ Konvertiten kaum bekannt sind. Oder kennen Sie die aktuell lebenden bzw. erst vor kurzem verstorbenen Personen: Yvonne Ridley, Muhammad Knut Bernström, Dr. Umar Rolf Baron von Ehrenfels, Prof. Sana Sayigh, Prof. Dr. Gary Carl Muhammad Legenhausen, Edoardo Agnelli. Letztgenannter war immerhin kein geringerer als der Sohn von Gianni Agnelli, dem großindustriellen Herrscher über das Fiat-Imperium. Der Sohn nahm nach einer Begegnung mit Imam Chamene'i den Islam an. Im November 2000 starb er eines “unnatürlichen“ Todes.

Auch in Deutschland gibt es viele Konvertiten. Allein die Übersetzung des großen islamischen Werks “Nahdschul-Balagha“ aus dem arabischen ins Deutsche, ist ein Meisterwerk einer derzeit lebenden Konvertitin. Darüber hinaus gibt es mehrere Anwälte, einige Politiker, viele Ingenieure, Krankenschwestern, und eigentlich alle Berufsgruppen, die den Islam als ihre neue geistige Heimat angenommen haben; selbstverständlich auch viele Mütter und Hausmanegerinnen.

Abgesehen von einigen wenigen Exotenberichten, die sich eher mit dem “orientalischen“ Flair der Konvertiten beschäftigen, kommen sie aber nur in Krimis vor, in denen Konvertiten die halbe Westliche Welt in die Luft sprengen wollen. Dabei sind Konvertiten allein schon durch ihre Konversion ein unübersehbarer Angriff auf den Kapitalismus und die Westliche Welt, denn sie deuten darauf hin, dass man nachdenken kann darüber, woher man kommt, wohin man geht, und was der Sinn des Lebens ist; und der ist ganz sicher nicht Kapitalismus! Vielmehr steht der Kapitalismus im Widerspruch zur Wahrheit und zu wahrhaftigen Lebenszielen. Eigentlich gehören Konvertiten einer wohldurchdachten Konversion zu den wertvollsten Mitgliedern der gesamten Gesellschaft, aber nur die Gesellschaft wird davon profitieren, die die Konversion mit Respekt akzeptiert.

Yavuz Özoguz
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