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Religion & Politik im Islam

Frühstück bei Kumayl für zwei Deutsche

 von Yavuz Özoguz , 14.10.2021 14:52

Frühstück bei Kumayl für zwei Deutsche

Nachdem wir am frühen Morgen den Schrein von Muhammad Baqir Sadr besucht hatten [1] und es immer noch früh war, haben wir uns auf den Weg begeben, um den Schrein von Kumayl ibn Ziyad [2] aufzusuchen. Ist das nicht der Gefährte Imam Alis (a.), dessen wir am häufigsten gedenken? Lesen wir nicht jeden Donnerstang Abend das nach Kumayl benannte Bittgebet, welches er von Imam Ali (a.) gelernt hat? Und ist das nicht ein sensationeller Dialog, den Kumayl mit Imam Ali (a.) geführt hat und der mit Imam Alis (a.) Satz endet: „Lösche die Kerze, denn die Morgendämmerung ist heraufgezogen“, obwohl beide am hellichten Tag auf Kamelen ritten? War jener Dialog nicht der Höhepunkt aller Philosophie der Menschheitsgeschichte? Ja, das Mausoleum jenes Gefährten wollten wir aufsuchen. Es steht auf der Strecke zwischen Nadschaf und Kufa. Kumayl war von einem der brutalsten Massenmörder jener Zeit namens Hadschhadsch ibn Thaqafi gefangen genommen und ermordet worden. Die Märtyrer leben weiter, heißt es im Heiligen Quran, nur ihr versteht es nicht (siehe Heiliger Quran 2:14). Heute sollten meine Frau und ich es etwas besser verstehen lernen. Denn wir haben wohl das Haus eines Lebenden besucht.



Der Schrein von Kumayl ibn Ziyad war wie zuvor bei Muhammad Baqr Sadrs Schrein nur wenig besucht. Offensichtlich waren alle bei Imam Ali (a.) oder hatten bereits den Fußmarsch angetreten [3].

Wir haben uns in aller Ruhe hingesetzt und für alle jene ausführlich gebetet, die uns darum ersucht hatten. So lang war und ist die Liste in meinem Gedächtnis von Brüdern und Schwestern, die ein Leid plagt, die eine Sorge haben, die scheinbar unheilbar krank sind, die Eheprobleme haben, die sich für Gerechtigkeit einsetzen aber Gottes Gnade (noch) nicht kennen, die dieses und jenes haben. Und sie bitten meine Wenigkeit, der – Gott sei Dank – keines dieser Probleme hat, für sie zu beten. Auch habe ich für einige gebetet, die nicht darum gefragt haben. Was für eine Verantwortung? Was für eine Gnade, dass ausgerechnet ich für alle diese gütigen Menschen bei Kumayl beten kann und darf.



Nach unseren Gebeten war es inzwischen zehn Uhr und wir hatten noch nicht gefrühstückt. Nachdem ich mich mit meiner besseren Hälfte nach knapp einer Stunde bei Kumayl draußen getroffen habe, habe ich vorgeschlagen zum Masdschid-us-Sahla zu fahren, um dort zu frühstücken. Dort kenne ich mich wenigstens halbwegs aus. Aber es sollte anders kommen.

Als wir beide unsere Schuhe anzogen, kam ein kleines Mädchen von ungeführt sechs Jahren mit zwei Wasserdosen in der Hand und sagte im kindisch-Irakisch etwas. Selbst meine sehr gut arabisch sprechende Frau hat es nicht verstanden. Wir dachten, sie will uns das Wasser in ihrer Hand verkaufen, so dass ich Geld zückte, aber das war nicht der Fall. Als sie merkte, dass wir sie nicht verstehen, ging sie weg, wir schlängelten über das Gelände. Da rief uns der offensichtliche Vater des Mädchens laut zu, wir mögen doch bitte zu ihm kommen. Die Handbewegung war klar und deutlich. Als wir ankamen, merkten wir, warum wir kommen sollten: Eine kleine Gemeinde hatte im unscheinbaren Nachbarraum ein Frühstück gespendet. Wie peinlich war mir die Situation im Herzen! Da bin ich im Haus eines Heiligen, der lebt, aber ich nicht den Verstand habe, das zu erkennen. In jenem Haus äußern wir den Wunsch nach einem Frühstück und kündigen an, es woanders zu uns nehmen zu wollen. Was für ein Affront gegen den Gastgeber? Doch der ist verzeihend und gnädig wie sein Vorbild Imam Ali (a.) und lädt uns zu einem wunderbaren Frühstück ein.



Wir denken von den Märtyrern manchmal, sie würden nicht leben, dabei können sie sogar Gedanken lesen und zum Frühstück einladen! Wie werden dann wohl erst die vielen Gebete von diesem lebenden Märtyrer erhört worden sein? Und wie wird er sie erfüllen, falls er es darf?

Wir leben in einer wirklich verrückten Welt. Gerade gestern hat ein offensichtlich Verrückter mutmaßlich im missbrauchten Namen des Islam mit Pfeil und Bogen eine Reihe von Menschen ermordet. Im Libanon schießen die Bürger seit mehreren Stunden aufeinander. Im Irak gehen die Bürger nicht mehr zu Wahlen, weil sie alle Politiker für korrupt einschätzen, so dass teils US-hörige Schergen im Parlament bleiben können. Und die Infrastruktur des Landes verfällt immer weiter, während die USA die Bodenschätze plündern. Die Afghanen, die mehrere Jahrzehnte gegen den Imperialisten USA gekämpft haben, verhandeln jetzt mit diesen, weil sie gemerkt haben, dass Regieren etwas anderes ist als Widerstand zu leisten und sprechen lieber mit dem Großen Satan [4] als mit verbrüderten Nachbarn, die vier Jahrzehnte Regierungserfahrung haben. Israel bombardiert einmal mehr gegen jegliches Völkerrecht Syrien, tötet einmal mehr viele Menschen, will völkerrechtswidrig den Golan intensiver besiedeln und droht dem Iran mit Gewalt, was von den USA unterstützt wird. Und immer mehr arabische Staaten führen Geheimverhandlungen mit dem zionistischen Apartheidsregime, was allerdings schon lange nicht mehr so geheim ist. Und das mit den Zionisten verbündete Aserbaidschan entfacht einen Grenzkonflikt mit dem Iran.

Alles und jeder scheint sich mobilisiert zu haben, um die Heiligkeit unserer Zeit [5] zu bekämpfen. Der Moses der Zeit steht mit dem Rücken zum Meer und die Truppen des Pharaos reiten erbarmungslos auf ihn und seine Anhänger zu, um sie zu massakrieren. Doch die Geschichte endet anders!

Denn es gibt sie, diese lebenden Märtyrer. Sie sind unter uns. Ja, für einen rein westlich erzogenen und in der westlichen Zivilisation groß gewordenen Menschen sind das alles Spinnereien. Kein Toter kann leben außer die Untoten in Herr der Ringe. Aber die Märtyrer leben! Und sie unterstützen die Heiligkeit der Zeit. Anders wäre die Islamische Republik Iran schon längst zusammengebrochen. Wer die Gelegenheit hat, den Iran zu besuchen, der sieht, dass jenes Land, welches die historischen schwersten Sanktionen zu ertragen hat, sich beständig weiterentwickelt und alle Nachbarn, die keinerlei Sanktionen zu ertragen haben, überholt hat in Infrastruktur, Technik, Wirtschaft, Medizin, Ausbildung, Verkehr und vielen anderen Lebensbereichen.

Wir haben an einem einzigen Tag gleich zwei „Lebenszeichen“ zweier Märtyrer erhalten. Wie mag es da Menschen ergehen, die reine Herzen habenm wie Imam Chamenei - Gott schütze ihn?

Für mich stellte sich immer wieder die Frage: Warum haben zwei Deutsche, die nach Deutschland zurückkehren, diese Gnade im Irak erfahren? Wie können wir diese Gnade mit Worten weitergeben, mit Worten, die nicht im Geringsten die Gefühle widerspiegeln können, die wir empfunden haben? Ist Deutschland noch nicht verloren? Es ist immerhin meine Heimat und auch ich trage mit Verantwortung dafür, dass Deutschland wieder menschlicher wird, so Gott will. Menschlichkeit beginnt aber nicht in der hohen Politik oder bei Corona-Fanatikern, sondern im eigenen Herzen, im eigenen Haus, bei der Familie, den Nachbarn, der eigenen Gemeinde und den anvertrauten Kindern. Von nun an werde ich – so Gott will – jeden Donnerstagabend an das Frühstück denken, das uns Kumayl gewährt hat, in der Hoffnung, dass wir sein überliefertes Bittgebet mit Leben füllen.

[1] Spiegelscherben Muhammad Baqir Sadrs für Deutschland
[2] http://www.eslam.de/begriffe/k/kumail_ibn_ziyad.htm
[3] http://www.eslam.de/begriffe/f/fussmarsc...haf_kerbela.htm
[4] http://www.eslam.de/begriffe/g/grosser_satan.htm
[5] http://www.eslam.de/begriffe/h/heiligkeit_unserer_zeit.htm


Yavuz Özoguz
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Frühstück bei Kumayl für zwei Deutsche Yavuz Özoguz 14.10.2021
 

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